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"heute wichtig" Als Kind wurde er vom Bischof missbraucht. Heute kämpft er als Priester für eine moderne Kirche

Bei einem Katholischen Gottesdienst mit Segnung homosexueller Paare im Rahmen einer bundesweiten Aktion spricht Wolfgang Rothe im Mai 2021 in der Kirche St.Benedikt
Bei einem Katholischen Gottesdienst mit Segnung homosexueller Paare im Rahmen einer bundesweiten Aktion spricht Wolfgang Rothe im Mai 2021 in der Kirche St.Benedikt
© Felix Hörhager/DPA / Picture Alliance
Als Kind wurde er selbst von einem Bischof missbraucht und bekam nie eine Entschuldigung. Heute versucht Priester Wolfgang Rothe, die Kirche zu modernisieren und kritisiert sie schonungslos.

Als Papst Benedikt XVI. zu seiner Zeit als Erzbischof von München und Freising befragt wurde, hat er noch alle Vorwürfe abgestritten. Doch nachdem das Münchner Missbrauchsgutachten vergangene Woche öffentlich wurde, das jahrzehntelangen sexuellen Missbrauch in der Diözese anführte, konnte sich Benedikt doch daran erinnern. Er sei bei einer Sitzung gewesen, in der es um einen Priester ging, der später rechtskräftig wegen Kindesmissbrauchs verurteilt wurde.

Auch Priester Wolfgang Rothe wurde als Kind missbraucht, von einem Kirchenvertreter. Dafür hat er nie eine Entschuldigung bekommen, berichtet er im Podcast "heute wichtig"(#197): "Ich warte bis heute noch auf die erlösenden Worte, dass irgendein Verantwortungsträger in der Kirche einmal zu mir sagt: 'Ich glaube Ihnen, es tut mir leid, was man Ihnen angetan hat." Und solche Worte erwartet er auch von Papst Benedikt XVI an die Gläubigen. 

Eine Moral, die im Tiefsten unmoralisch ist

Zu langsam, zu behäbig – die katholische Kirche entwickelt sich kaum weiter. Priester Wolfang Rothe sieht die in der Kirche propagierte Sexualmoral als großes Problem: "Die Katholische Kirche vertritt eine sehr rigide Sexualmoral, in der die Ausübung von Sexualität ausschließlich innerhalb einer nach kirchlichem Verständnis gültig geschlossenen Ehe statthaft ist.". Damit vertrete sie eine Moral, die im Tiefsten unmoralisch sei, "weil sie die Lebensrealität der Menschen komplett missachtet und auch Menschen an Maßstäben misst, die eigentlich wider ihre Natur sind."   

Die Institution muss sich den Menschen anpassen

Im Gespräch mit "heute wichtig"-Host Michel Abdollahi plädiert Priester Wolfgang Rothe für eine Anpassung der Kirche, anstatt die Menschen über einen Zwang an die Kirche anpassen zu wollen: "Menschen sind so wie sie sind und genau so dürfen sie auch sein. Während die Kirche immer wieder meint, Maßstäbe aufstellen zu müssen, die diesen Menschen ihr Sein, wie sie sind, nicht erlauben." Priester Rothe beteiligte sich deshalb im letzten Jahr auch an der Segnung von homosexuellen Paaren, unter dem Motto #liebegewinnt, und begrüßt das Coming-Out von 125 Kirchenvertreter:innen am Montag: "Bislang waren wir meistens Einzelkämpfer, jetzt scheint sich das Ganze zu einer Massenbewegung zu entwickeln."  Nicht erst seit dem Münchner Missbrauchsgutachten überlegen viele Menschen, aus der Kirche auszutreten oder sind bereits ausgetreten. Nachvollziehbar, sagt Priester Wolfgang Rothe. Trotzdem zeigt er sich beinahe kämpferisch: "Ich käme mir auch schäbig vor, wenn ich der Kirche den Rücken kehren würde, und damit denen, die auf den bisherigen Normen beharren, das Feld überlassen würde."  

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tkr

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