HOME
Analyse

Kinder erhalten Klima-Unterricht: Warum dieser italienische Minister ein Vorbild für Deutschland sein sollte

Smog, Müll, Plastik: Italien ist kein Land, das in Sachen Klimaschutz vorangeht. Der Bildungsminister versucht nun, dem Land einen neuen Anstrich zu geben: Lorenzo Fioramonti will die Italiener zu mehr Umweltbewusstsein erziehen. Er fängt dabei bei den Kleinsten an – eine smarte Idee.

Italiens Bildungsminister Lorenzo Fioramonti 

Italiens Bildungsminister Lorenzo Fioramonti wünscht sich "Klimawandel" als Schulfach

AFP

Klimawandel als Schulfach: Wenn es nach Italiens Bildungsminister Lorenzo Fioramonti geht, lernen italienische Kinder in Zukunft nicht nur Mathe, Geschichte und Englisch, sondern auch alles über Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Damit wäre Italien das erste Land der Welt, das Umwelterziehung im Lehrplan verankert.

In einem Interview mit der Nachrichtenagentur "Reuters" kündigte Fioramonti vor einigen Tagen an, ab September 2020 werde es in allen italienischen Schulen 33 Stunden Unterricht pro Jahr zum Thema Klimawandel geben. Nach Abzug der Ferienzeit entspricht das etwa einer Stunde pro Woche.

So könnten zum Beispiel Sechs- bis Zwölfjährige sich im Unterricht mit verschiedenen Kulturen und deren Umgang mit der Umwelt beschäftigen, sagte Fioramonti der "New York Times". Am Gymnasium könne dann zum Beispiel die Analyse der 2015 verabschiedeten "UN-Agenda 2030" und ihrer Auswirkungen auf Natur und Menschheit auf dem Lehrplan stehen.

Fioramonti ist der rechtskonservativen Opposition ein Dorn im Auge

Die Pläne des 42-Jährigen gehen aber noch weiter: "Wir werden das komplette Ministerium verändern, um Klima und Nachhaltigkeit ins Zentrum unseres Bildungsmodells zu rücken", so Fioramonti zu "Reuters". Er wolle Italien zum ersten Land überhaupt machen, das "Umwelt und Gesellschaft als Herzstück all dessen begreift, was wir in der Schule lernen." 

Der progressive Minister ist der rechtskonservativen Opposition ein großer Dorn im Auge. Seit er vor zwei Monaten im Zuge der Umbildung der italienischen Regierung sein Amt antrat, hat der linke Politiker von der 5-Sterne-Bewegung nicht nur sein Ministerium komplett umgekrempelt, sondern auch zahlreiche tiefgreifende Maßnahmen in Sachen Klimaschutz vorangetrieben.

Treibhauseffekt & Co: Wieso wird es immer wärmer auf der Erde? Der Klimawandel in nur drei Minuten erklärt

Er brachte beispielsweise höhere Steuern auf Flugtickets, Plastik und zuckerhaltige Lebensmittel ins Spiel. Die dadurch erzielten Einnahmen sollten wiederum in Bildungsprojekte zum Thema Umweltschutz fließen. Dafür wurde Fioramonti heftig attackiert: Italiener zahlten ohnehin schon zu viele und zu hohe Steuern, hieß es von seinen politischen Gegnern. Im September ermunterte er Lehrer und Eltern öffentlich, ihren Kindern zu erlauben, statt in die Schule zu den "Fridays for Future"-Protesten zu gehen – auch dafür hagelte es Kritik von der Opposition. 

Davon ließ sich Fioramonti allerdings nicht beeindrucken: Im Haushaltsplan für 2020, der diese Woche im Parlament vorgestellt wurde, ist die Plastiksteuer enthalten.

Italien muss in Sachen Klimaschutz aufholen

Die von Fioramonti vorgeschlagenen Maßnahmen sind tatsächlich fundamental: Im Gegensatz zu Deutschland muss das Bewusstsein für Umweltschutz und Nachhaltigkeit in der italienischen Bevölkerung erst noch wachsen.

Besteck und Geschirr aus Einwegplastik sind extrem beliebt: Die Italiener nutzen es für Picknick am Strand, einen schnellen Snack in der Mittagspause und sogar in vielen Restaurants. Ein Pfandsystem für Plastikflaschen existiert nicht. Großstädte wie Palermo, Neapel oder Mailand versinken oft im Smog – weil öffentlicher Nahverkehr vielerorts fehlt und Fahrradwege keine Rolle bei der Stadtplanung spielen. Mülltrennung und Recycling finden kaum statt – vor allem im Süden wird Müll oft unter katastrophalen Bedingungen "entsorgt". 

Fioramontis Vorschlag ist daher genau richtig, und zwar aus zwei Gründen.

1. Fioramonti hat verstanden, dass der Klimawandel das wichtigste Problem ist, das Politik und Gesellschaft angehen müssen 

Es ist eine Jahrhundertaufgabe, die jetzt angepackt werden muss. Genau jetzt. Denn der Klimawandel ist nichts, woran man glaubt oder nicht glaubt. Er ist ein Fakt. Und seine Bekämpfung ist alternativlos. Wenn die Menschen jetzt nicht anfangen, ihr Verhalten und damit ihre Welt grundlegend zu verändern, gibt es bald keine Grundlage mehr, auf der wir uns um Wirtschaft, Industrie und Arbeitsplätze sorgen können.

2. Fioramonti hat auch erkannt, dass ein grundlegender Strukturwandel am effizientesten erfolgt, wenn man ganz vorne anfängt

Gelernte Verhaltensmuster zu ändern, ist schwieriger, als neue von der Pike auf zu erlernen. Deshalb fängt der italienische Bildungsminister bei den Kleinsten der Gesellschaft an. Italienische Kinder wachsen in Zukunft mit dem Bewusstsein auf, dass Klimaschutz genauso wichtig ist wie Mathematik, Physik und Geschichte. Für sie wird es ganz natürlich sein, im Alltag Maßnahmen für den Umweltschutz zu ergreifen – weil sie sie in der Schule gelernt haben. Diesen Umgang geben sie konsequenterweise später an ihre Nachkommen weiter – so erreicht man einen Strukturwandel.

Die Deutschen interessieren sich für Klimaschutz – die Regierung verkennt das

In Deutschland hat sich in Sachen Umwelt- und Klimaschutz in den letzten Jahren schon viel getan. Geschäfte und Supermärkte verzichten weitestgehend auf Plastiktüten, Coffee-to-go-Becher werden durch Mehrwegbecher ersetzt, vegetarische und vegane Produkte boomen, E-Autos werden populärer, nachhaltige Mode salonfähig, Kinder gehen freitags für mehr Klimaschutz auf die Straße, die Grünen verzeichnen bei vielen Wahlen die stärksten Ergebnisse, die es je gab.

Und dennoch: Obwohl sich noch nie so viele Menschen für diese Themen interessiert haben – in der Politik und im Lehrplan sind sie noch nicht angekommen. Die Bundesregierung hat erst kürzlich eine der größten Chancen, mehr fürs Klima zu tun, ausgelassen. Statt auf ein ambitioniertes Klimapaket mit Vorbildcharakter konnten sich die Minister gerade einmal auf einen Minimalkonsens einigen.

Ein Minister wie Fioramonti würde daher auch Deutschland guttun. Einer, der die Zeichen der Zeit erkennt – und sie nicht ignoriert, sondern darauf reagiert.

Quellen: "New York Times", "Reuters", Nachrichtenagentur ANSA