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Bernd Wiegand Wie Lanz den Bürgermeister von Halle zerlegt, ist eine Lehrstunde des politischen Interviews

Markus Lanz befragt Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand, warum dieser schon gegen Corona geimpft wurde
Markus Lanz befragt Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand, warum dieser schon gegen Corona geimpft wurde
© Screenshot / ZDF / Markus Lanz
Bernd Wiegand, Oberbürgermeister von Halle, wurde gegen Corona geimpft - entgegen der Impfreihenfolge. Als Markus Lanz ihn darauf anspricht, windet er sich vor einem Millionenpublikum.

Markus Lanz hat in Teilen der Bevölkerung immer noch den Ruf, seichte Unterhaltung kurz vor Mitternacht abzuliefern, zu der man ideal auf der Couch einschlummern kann. Doch wer regelmäßig seine Sendung einschaltet, weiß: Die Talkshow ist besser als ihr Ruf. Denn Lanz kann auch anders. Das musste am Donnerstagabend auch Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand am eigenen Leib erfahren.

Zum Gesprächseinstieg kommt Lanz direkt auf den Punkt: "Sie sind 64 Jahre alt. Und warum sind Sie schon geimpft?" Hintergrund der Frage: Seit Wochen steht der parteilose Politiker in der Kritik, weil er sowie mehrere Mitglieder des Stadtrates und des Katastrophenschutzstabs in Halle an der Saale eine Impfung gegen Covid-19 bekommen haben, obwohl sie laut Bundesverordnung noch nicht an der Reihe gewesen wären. Mittlerweile ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der "veruntreuenden Unterschlagung'" des Corona-Impfstoffs.

Womöglich hoffte Wiegand, sich nach Wochen im Kreuzfeuer bei Lanz in einem besseren Licht darstellen zu können. Dass er auf der großen, bundesweiten Bühne die fortwährende Kritik der Regionalpresse entschärfen könne. Doch das ging nach hinten los.

Quasi notgedrungen geimpft

Lanz nimmt Wiegand beinahe 20 Minuten In die Mangel, und der Oberbürgermeister gerät zunehmend ins Trudeln. Denn seine gesamte Argumentation beruht im Grunde nur auf einem Satz: "Am 17.1. erhielt ich einen Anruf aus dem Krankenhaus und ich habe gesagt, ich lasse mich nicht impfen. Die Ärzte sagten mir: Wenn Sie nicht kommen, werfen wir die Spritze weg."

Mehrfach habe er nachgefragt, ob wirklich niemand anderes für eine Corona-Impfung infrage komme, versichert Wiegand. Glaubt man seinen Schilderungen, habe er sich quasi notgedrungen impfen lassen, bevor der rare Impfstoff weggeschmissen werden müsse. "Alles ist vorher versucht worden."

Auf Lanz' Einwurf, es sollen mehr als 800 Personen über 90 Jahre zum gleichen Zeitpunkt auf der Warteliste gestanden habe, entgegnet der promovierte Rechtswissenschaftler Wiegand, dies sei kein Straftatbestand. "Es geht jetzt nicht um den juristischen Teil der Geschichte", grätschte Lanz dazwischen.

Wiegand windet sich neben Lanz

Der Umgang der Stadt Halle mit Impfrestdosen ist genau festgelegt. "Zur Vermeidung des Vorwurfs der Vernichtung werden unverzüglich durch das Ärzteteam Härtefälle mir prioritärer Schutzberechtigung angerufen", heißt es in der entsprechenden Verordnung. "Wir sind uns einig: Sie sind kein Härtefall", konstatierte Lanz trocken.

Darüber hinaus werden diverse Personengruppen genannt, welche eine "Schlüsselstellung zur Aufrechterhaltung zentraler staatlicher Funktionen besitzen" und ebenfalls priorisiert zur Verfügung stehen, darunter Mitarbeitende des Rettungsdienstes, Fachärzte mit Aerosolbelastung, das Impfteam - und der Stadtrat sowie der Katastrophenschutzstab. Darauf angesprochen entspinnt sich folgender Dialog:

Lanz: "Wo sind die Lehrer, wo sind Pädagogen, wo sind Polizisten - und warum steht da der Stadtrat?"

Wiegand: "Weil der Stadtrat eine Schlüsselfunktion hat."

Lanz: "Und Lehrer nicht?"

Wiegand: "Lehrer auch…"

Lanz: "Warum stehen die da nicht?"

Wiegand: "Es ist ja deutlich gemacht worden, dass in dem Moment eine Situation auftritt, wo ich Personen sehr schnell auch erreichen muss."

Lanz: "Lehrer erreichen Sie nicht schnell?"

Wiegand: "Doch, aber in der Situation, in der die Impfreihenfolge so festgelegt wurde, bedeutet das …"

Lanz: "Von wem ist diese Reihenfolge festgelegt worden?"

Wiegand: "Das ist vom Katastrophenschutzstab festgelegt worden."

Lanz: "Sind Sie Teil des Katastrophenschutzstabes?"

Wiegand: "Ich bin Teil des Katastrophenschutzstabes."

Lanz: "Also Sie haben das mitgeschrieben?"

Wiegand: "Ich habe das mitgeschrieben, auf Vorschlag dann auch der Ärzte, die sich Gedanken gemacht haben, wie ist es möglich, welche Chance habe ich, die letzten zehn Minuten so zu verbringen, dass ich eine Möglichkeit habe auch zu verimpfen ..."

Lanz: "Nochmal: Warum haben Sie sich da mit hineingeschrieben, den Stadtrat?

Wiegand: "Weil der Stadtrat für uns wichtige Entscheidungen trifft und Schlüsselstellungen hat, gerade im Katastrophenfall."

Lanz: "Nochmal: Warum stehen da keine Lehrer drin, keine Pädagogen, keine Polizisten?"

Wiegand: "Das kann man hinterfragen, ist aber eine sachliche Entscheidung gewesen."

Lanz: "Ich frage Sie, warum haben Sie das gemacht?"

Wiegand: "Weil die Situation so ist, dass wir in der Stadt momentan Entscheidungen fällen müssen, die unmittelbar wichtig sind für die Stadt."

Lanz: "Ich frage Sie nochmal: Warum sind Lehrer weniger wichtig als ein Stadtrat?"

Wiegand: "Das hat mit Lehrern nichts zu tun."

Daraufhin rechtfertigt sich Wiegand sehr ausführlich, bis er entgegnet: "Sie können nicht sagen, warum haben Sie den und den nicht reingeschrieben."

Lanz: "Das kann ich schon."

Wiegand: "Das können Sie fragen, aber ich kann Ihnen sagen, das kann man natürlich tun."

Lanz: "Was heißt 'das kann man natürlich tun?' Sie können es sich doch nicht so einfach machen, Herr Wiegand, Sie sind Oberbürgermeister einer Stadt. Sie sind zuständig für Lehrer, Polizisten, Pädagogen, für Menschen die alle in Schlüsselpositionen dieser Gesellschaft arbeiten."

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Erlaubt, aber auch richtig?

Auf Lanz' Bemerkung, es sei wohl kein Zufall gewesen, dass ausgerechnet Wiegand als Bürgermeister einer Stadt mit beinahe 240.000 Einwohnern angerufen wurde, räumte der OB ein: "Davon gehe ich aus." Und er ergänzt: "Ich kann diese Entscheidung verstehen", sagte Wiegand zu Lanz.  Es sei "alles versucht" worden, beteuert der 64-Jährige. "Das glauben Sie wirklich?", hinterfragt Lanz, und es ist klar, dass er das nicht tut. "Dass da nichts mehr anderes ging, als Sie anzurufen?" Er konfrontiert ihn ganz offen: "Die moralische Dimension dieser Geschichte erschließt sich Ihnen nicht?“, fragte Lanz den Kommunalpolitiker.

"Doch, natürlich", entgegnete Wiegand. Lanz: "Warum argumentiere Sie dann ständig juristisch?"

Das Gespräch zwischen Lanz und Wiegand ist auch deshalb so wichtig, weil die immer wieder auftauchenden Fälle von Politikerinnen und Politikern, die sich entgegen der Reihenfolge gegen das Coronavirus impfen lassen, das Vertrauen in die Politik untergraben. Vor allem dann, wenn sich die Verantwortlichen keiner (moralischen) Schuld bewusst sind. So wie Bernd Wiegand. Umso höher muss man es Lanz anrechnen, dass er bei Wiegand nicht locker lässt, immer wieder nachbohrt. Auch wenn er bis zum Schluss keine zufriedenstellende Antwort erhält, hat er den OB damit vorgeführt.

Lanz beendete das hitzige Gespräch mit einem Schwenk zu Bundeskanzlerin Angela Merkel. "Glauben Sie, die Kanzlerin würde ein vorzeitiges Impfangebot annehmen?", fragte Lanz, nur um die Frage direkt selbst zu beantworten: "Sie würde es nicht tun. Warum, was glauben Sie?"

In der ZDF-Mediathek können Sie sich das gesamte Gespräch von Markus Lanz und Bernd Wiegend ansehen (ab 53.30 Minute)


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