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M. Streck: Last Call: Der 102-Jährige, der drei Tage auf dem Dach saß und von der Milchfrau gerettet wurde

Der Milchmann war eine britische Institution. Mal Freund und Helfer, mal sogar Lover. Dann kamen die Supermärkte, und die "Milkies" verschwanden. Nun feiern sie eine Renaissance. Sehr zur Freude unseres Kolumnisten.

Milchmann in Großbritannien

Milchmänner gehörten in den späten 60er und frühen 70er Jahren wie selbstverständlich zum Stadtbild in Großbritannien. Derzeit erleben sie eine kleine Renaissance

Getty Images

Wir trinken Milch aus Glaspullen, und ich schwöre hiermit an Eides Statt und selbst wenn ich mich der Schleichwerbung verdächtig mache: Milch aus Glasflaschen schmeckt besser. Vor zwei Jahren klopfte es an unserer Tür und Mick stand vor der Tür. Mick, der Milchmann. Die Frau wuchs im London der 70er Jahre auf, seinerzeit waren Milchmänner so normal wie Stromausfälle. Sie brachten Vollmilch, weniger fette Milch, Butter und Eier, manchmal fixten die Milchmänner auch Lampen und Seelen und andere Körperteile. Dazu kommen wir noch. Jedes Kind in England kannte seinen Milchmann. In den späten 60er Jahren und frühen 70ern gab es rund 45.000 "Milkies", die 99 Prozent aller Haushalte belieferten. 99 Prozent! Davon träumte sogar die SED, selig.

Der wunderbare Komiker Benny Hill nahm 1970 ein Lied auf mit dem Titel "Ernie, The fastest milkman in the West". Ab und zu läuft es noch im Radio auf einem Oldie-Sender, und die Frau summt dann mit, obschon der gute Ernie am Ende stirbt nach einem Streit mit dem örtlichen Bäcker, eine blöde Weibergeschichte. Ernie war vier Wochen Nummer eins der englischen Charts. So viel zur Popularität der englischen Milchmänner.

Der Milchmann brachte aber nicht nur Milch und Eier. Er brachte auch Trost und hatte ein offenes Ohr für die Sorgen und Probleme und kümmerte sich gelegentlich wohl auch um etwas mehr als seine Jobbeschreibung erlaubt. Darin seinem Kollegen Postmann, der dreimal klingelt, nicht unähnlich.

Die späteren 007 Sean Connery und Roger Moore fuhren in ihrer Jugend Milch aus, geschüttelt zwar, aber nicht gerührt. Vom Musiker Sting, weiß man, dass er – noch ganz klein – seine Mutter Audrey in innigem Nahkampf mit ihrem Milchmann Alan erwischte. 30 Jahre ging das mit den beiden so. Erst Milch, dann Clinch, dann wer weiß was. Später ließ sich Audrey scheiden, und die beiden heirateten endlich.

Weibliche Kundschaft zum Nackt-Staubsaugen genötigt

Höchstens ein kleines bisschen Mär ist die Geschichte eines Milch-Lieferanten, der seiner weiblichen Kundschaft offenbar sehr glaubhaft einflötete, Nackt-Staubsaugen sei der letzte Schrei und außerdem gut für die Fitness. Jedenfalls machte einst das Bonmot die Runde, ein Milchmann, der jeden Tag dieselbe Route fahre, könne ganz prima seine Kinder aufwachsen sehen. Das war lange vor #MeToo und Laktose-Intoleranz.

Der Milchmann war so was wie Psychotherapeut der Straße. Zuweilen Liebhaber, zuweilen Freund und Helfer. Einer, Tony Fowler, ein früherer Jockey, half der Polizei mehr als 50 Kriminelle zu fangen. Manchmal fuhr er Einbrechern hinterher oder er blockierte sie solange mit seinem Milchwagen, bis die Beamten eintrafen. Auf seinem Auto kleben an der Seite Fotos von Batman und Robin.

Ein anderer aus Liverpool löschte mal mit seinen Flaschen einen brennenden Wohnwagen, und Mitte der 80er Jahre hielt der Earl of Kinnoull im Oberhaus eine hymnische Rede auf Milchmänner. Er nannte sie die "bescheidenen Helden unserer Gesellschaft". Es waren die besten Zeiten der Milkies.

Irgendwann, als die Supermärkte größer und die Menschen eiliger wurden, verschwanden die Milchmänner aus dem öffentlichen Bild. Die Flaschen waren nun aus Plastik und billiger. Mit den Milchmännern verschwand aber eben auch ein Stück ur-britischer Kultur.

Und dann, ja dann stand plötzlich Mick, der Milchmann, vor der Tür. Meine Frau war selig darüber und fühlte sich gleich wieder jünger. Seitdem bekommen wir dreimal in der Woche Milch in Glasflaschen. Mitunter hören wir Micks Elektrokarren mitten in der Nacht. Und gelegentlich, wenn wir späte Gäste haben, begegnen wir Mick sogar vor der Tür, wie er drei Flaschen semi-fette Milch vor die Haustür stellt.

Boom der Glaspulle und ergo: Der Milchmann kommt zurück

Man muss wissen, dass der Milchmann per se gerade wieder eine Renaissance erlebt, und das hat zu tun mit einem anderen, sehr bescheidenen Helden der britischen Gesellschaft: Sir David Attenborough, der Tierfilmer. Dessen Serie "Blue Planet II" lief vor einem Jahr in der BBC, und in der letzten Folge widmete er sich der Plastik-Verschmutzung der Ozeane. Millionen schauten zu und waren entsetzt. Danach Boom der Glaspulle und ergo: Auch der Milchmann kommt zurück.

Warum ich das schreibe? Nun, gerade machte eine sehr putzige Geschichte Schlagzeilen hier in England. Sie handelt von Ron Easton aus Bigbury-on-Sea in Devon. Der gute Ron, Rennfahrer in jungen Tagen, ist prächtige 102 Jahre alt und noch sehr rüstig. Ron stammt aus einer Zeit, da die Signale fürs Fernsehen über Antenne kamen. Seine streikte offenbar neulich, worauf er eine Leiter ans Haus stellte, aufs Dach kletterte, aber nicht mehr runter kam.

Drei Tage hockte Ron auf dem Dach und wurde schließlich gerettet, weil seine Milchfrau sich sorgte über die unangerührten Flaschen, ums Haus ging, Ron auf dem Dach entdeckte und die Polizei rief.

Es heißt, dem alten Ron gehe es inzwischen wieder ganz gut. Milch macht müde Männer schließlich munter.

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