HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

M. Streck "Last Call": Löcher, Lecks und Wasserspeier - sind die Briten nicht ganz dicht?

Kein Tag ohne Enthüllungen. Erst Panama, dann Fußball und immer wieder Brexit. Mittendrin ein Außenminister, der unter verbaler Inkontinenz leidet. Eine ganz normale Woche in Großbritannien.

Von Michael Streck, London

Boris Johnson und die Lecks in Großbritannien

Nicht ganz dicht: London ist die Stadt der Lecks und Löcher, wo geheime Notizen prompt den Weg in die Presse finden. Das größte Leck: Außenminister Boris Johnson

Speziell in diesem Jahr hatte ich das Gefühl, dass die ganze Welt nicht mehr ganz dicht ist. Die Briten natürlich nicht mit ihrem Brexit, die Amerikaner erst recht nicht mit ihrem neuen Präsidenten. Und prinzipiell greift eine merkwürdige Undichte um sich, die konsequenterweise in einem Wörtchen kulminiert: Leaks.

Leaks sind Lecks. Oder auch Löcher. Und offenbar tröpfelt es gerade überall. Es gibt "Football Leaks" und sogar "Star Wars Leaks". Bei letzteren handelt es sich um Menschen, die das Wasser nicht halten können und Geheimnisse verraten über den neuen Film. Es gab die "Swiss Leaks" und die "Offshore Leaks", und als dieses Leck einigermaßen gestopft war, tauchten die "Panama Papers" auf, die nur deshalb nicht "Panama Leaks" heißen, weil sich zwei P hintereinander irgendwie packender anhören.

"WikiLeaks" - die Mutter aller Löcher

Es gibt natürlich auch noch "WikiLeaks", die Mutter aller Löcher, dessen Gründer Julian Assange seit Jahren in einer Kemenate der ekuadorianischen Botschaft in London hockt und von dort Lecks verwaltet. Leute, die ihn etwas besser kennen, sagen im Übrigen, auch Assange sei nicht ganz dicht. Oder zumindest nicht mehr.

Assange sitzt rein leckmäßig immerhin in der richtigen Stadt. London ist die Stadt der Lecks und Löcher. Im Wortsinn und im übertragenen. Anfang der Woche flutete der Stadtteil Islington, er erinnerte nach einem veritablen Wasserrohrbruch ein wenig an Venedig ohne Brücken. Darüber hinaus wird in London überall geleckt oder geleaked und ganz besonders und ausgerechnet in der Downing Street, die nur drei Minuten fußläufig vom historischen Parlament entfernt liegt, dessen Dach derart notorisch leckt, dass überall Eimer stehen.

Die Lecks in Downing Street sind etwas anderer Natur. Gerade kam heraus, dass die Premierministerin Theresa May gar nicht erbaut ist über die vielen Lecks oder Leaks, aus denen ständig Informationen sickern. Ein entsprechendes Memo des May-Vertrauten Sir Jeremy Heywood, in dem er sich grämt über "einen ganzen Schwall von vertraulichen Informationen, die den Weg in die Presse fanden", fand prompt den Weg in die Presse. Es war eine Art Leak-Leak. Und passierte nur Tage, nachdem eine parlamentarische Hilfskraft mit einem Mäppchen unter dem Arm durch die Downing Street stapfte, und ihre Notizen nicht verdeckt hielt. Tags drauf stand in jeder Zeitung des Landes, was die Dame während eines vertraulichen Briefings mitgekritzelt hatte. Nämlich, dass es die Briten beim Brexit mit der Devise "Have cake and eat it" halten sollen, was grob dem deutschen "Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass" entspricht.

Großes Gelächter daraufhin überall, vor allem in Brüssel. Nur nicht in der Downing Street.

Das größte Leck des Landes: Außenminister Boris Johnson

Das größte Leck des Landes hat wirres Blondhaar und wiegt um die zwei Zentner. Es heißt Boris Johnson und ist Außenminister. Johnson ist ein einziger Redeschwall und verbal hoffnungslos inkontinent. In der vergangenen Woche legte er sich gleich mit Saudi Arabien und dem Iran an und sagte, beide Staaten seien Strippenzieher in der Region, würden den Ruf des Islam beschädigen und obendrein eine Reihe von Stellvertreter-Kriegen führen.

Das war einerseits herrlich ehrlich, kollidierte aber andererseits und unglücklicherweise mit seiner Jobbeschreibung. Die Briten, muss man wissen, machen nämlich prima Waffengeschäfte mit den Saudis. Frau May war jedenfalls über die Einlassungen ihres höchsten Diplomaten wieder nicht erbaut, und Downing Street ließ verbreiten, es handele sich dabei um die Privatmeinung des Ministers. Das heißt es ständig, wenn Boris den Mund aufmacht. Und er macht ja unentwegt den Mund auf. Er ähnelt einem gotischen Wasserspeier, der Worte speit.

Die Diplomaten in London wissen schon nicht mehr genau, was sie in ihre Hauptstädte kabeln sollen, wenn Boris spricht. Die meisten haben sich dazu entschieden, den gotischen Wasserspeier zu ignorieren.

Hart oder weich - als wäre der Brexit eine Geschlechtskrankheit

Es ist ja auch ohne Boris schon kompliziert genug mit dem ganzen Brexit. Keiner weiß genau, welche Art von Brexit sie denn nun wollen. Neuerdings ist von einem weißen, schwarzen oder grauen Brexit die Rede. Zuvor wurde in harter oder weicher Brexit unterschieden, als wäre Brexit eine Geschlechtskrankheit. Man kann da schnell durcheinander kommen. Und als sei das nicht genug, bereicherte May das Ganze noch mit ihrer ganz persönlichen Farbenlehre. Ihr schwebt ein Brexit in "red, white and blue" vor. Was immer das bedeutet. Ein bisschen geht es auf der Insel zu wie beim Kindergeburtstag. Nur dass beim Kindergeburtstag tatsächlich "Have cake and eat it" gilt.

Jetzt ist erst mal Weihnachten, das Fest des Kindes. Fortsetzung folgt garantiert. Wäre doch gelacht. Oder geleaked.