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Wahlrecht mit 16 Lasst die Jungen wählen! Ein Plädoyer für die Generation Z

Eine Wahlurne
© Getty Images/iStockphoto
Früher war stern-Autor Kester Schlenz nicht sicher, ob man 16-Jährige an die Wahlurnen lassen sollte. Dann kamen die Klimastreiks.

Also, ich bin 62, und wer mich einen alten ­weißen Mann nennt, hat verdammt recht. Das Wort "alt" stört mich zwar etwas. Meine Frau fragt mich immerhin regelmäßig, wann ich denn mal gedächte, erwachsen zu werden. Aber egal. Fakt ist: Wenn es gut läuft, darf ich noch rund 20 Jahre auf diesem Planeten verweilen, Ressourcen verbrauchen und später mit dem Rollator im Pflegeheim randalieren ("Weg da. Ich war mal beim stern!").

Die Jugendlichen, die jetzt wieder am Freitag gegen die Klimakrise demonstrieren, haben ihr Leben noch vor sich. Rund 70 Jahre dürften für die Schülerinnen und Schüler im Schnitt noch drin sein. Und sie müssen diese Jahre auf einem Planeten verbringen, den meine Generation versaut hat. Die Klimakrise ist da, und sie ist hausgemacht. Wir haben ökologisch gesehen über ­unsere Verhältnisse gelebt, als gäbe es kein Morgen. Die Jungen wollen es anscheinend besser machen. Jetzt müssen wir sie auch lassen. Der erste Schritt ist, sie mit 16 Jahren wählen zu lassen. Auch die Abgeordneten des Deutschen Bundestages, in dem Klimapolitik gemacht wird. Denn es geht um ihre Zukunft und nicht mehr so sehr um unsere.

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Zugegeben, auch ich habe mir lange die Frage gestellt, ob man mit 16 Jahren wirklich reif und informiert ­genug ist, um eine begründete Wahlentscheidung zu treffen. Aber die Freitagsdemos der Schüler und Schülerinnen für mehr Klimaschutz, denen so viele Erwachsene mit müder Herablassung begegnen, sind eigentlich schon die Antwort.

Wer da mal hingeht, erlebt junge Menschen, die sich für eine gemeinsame Sache einsetzen und das ­Politische entdecken. Man hat der heutigen Jugend oft vorgeworfen, sie würde nur noch weltentrückt und ­vereinzelt vor dem Handy hocken, in sozialen Netz­werken geschönte Fotos posten oder Filmchen gucken. Das ist wohl auch oft so. Aber es ist eben nur ein Teil der Wahrheit. Denn nun zeigt diese Jugend, dass sie sehr wohl differenzieren und Haltung zeigen kann. ­Politische Haltung.

In der Jugend liegt die Hoffnung

Mir macht das Hoffnung. Sehr viel mehr als die ­andauernden Demonstrationen der Corona-Leugner, auf denen "besorgte Bürger" neben Irren mit Alu-­Hüten, Verschwörungstheoretikern und Rechtsradikalen ­herumlaufen und wirres Zeug in die Mikrofone der Journalisten stammeln. "Mensch", dachte ich neulich, als ich so etwas wieder in den Nachrichten sah, "die dürfen ja auch alle wählen. Wo soll das hinführen?" Da sind mir die Jungen mit ihrer klaren, ökologischen Botschaft doch sehr viel lieber. Was sie fordern, ist radikal, aber berechtigt. Nicht weltfremd, sondern nur konsequent.

Viele, die gegen ein Wahlrecht mit 16 sind, sagen: Das Engagement bei Fridays for Future sei in der Tat be­eindruckend. Aber da gehe es ja nur um ein Thema. Für die Entscheidung, welcher Partei man seine ­Stimme gibt, müsse man eine erkleckliche Menge an Wissen und politischer Erfahrung auf verschiedenen Gebieten ­vorweisen können. Folgt man diesem Argument, dürften mutmaßlich sehr viele erwachsene Menschen in diesem Land nicht wählen. Ich kenne auch nicht jedes Wahlprogramm auswendig, habe mich aber oft ge­wundert, wie wenig Leute über Politik wissen, die im Brustton der Überzeugung erklären, man müsse diese oder jene Partei wählen. Fragt man, warum, kommen oft nicht mehr als ein, zwei Slogans oder die Antwort, dass man das ja immer schon so gemacht habe oder dass man den Kanzlerkandidaten "irgendwie mag". Kann man so machen, aber dann sollte man nicht 16-Jährige auffordern, erst mal Politologie zu studieren, bevor sie eine Wahlentscheidung treffen.

Dazu kommt: Bei den letzten Bundestagswahlen ­verzichteten 25 bis 30 Prozent aller Wahlberechtigten darauf, ihre Stimme abzugeben. Das sind die Des­interessierten, Frustrierten oder was auch immer. Die wird es auch unter den Jugendlichen geben. Und die wählen dann eben ganz einfach nicht. Also: Wo ist das Problem? Lasst die Jungen an die Urnen!

Erschienen in stern 40/2020

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