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Soldaten geschickt Warum Schweden ein russisches Interesse an seiner Ostseeinsel Gotland fürchtet

Panzer fahren durch den Hafen von Visby auf Gotland.
Panzer im Hafen von Visby auf Gotland. Das schwedische Militär hat seine Präsenz seit dem Wochenende deutlich erhöht. 
© Andreas Bardell/Aftonbladet/TT / Picture Alliance
Gotland ist zum Mittelpunkt einer sicherheitspolitischen Debatte in Schweden geworden. Am Wochenende patrouillierten Soldaten in Panzern am Hafen von Visby. Man fürchtet, dass die schwedische Ostseeinsel eine wichtige Rolle in Russlands Militäroffensive einnehmen könnte.

Auf der sonst so idyllischen schwedischen Ostseeinsel Gotland fuhren am Wochenende Panzer der schwedischen Armee vor. Soldaten patrouilierten tagelang am historischen Hafen der Stadt Visby. Die Skandinavier lassen im Ukraine-Konflikt gegenüber Russland die Muskeln spielen. Schließlich könnte Schweden ein militärisch höchst attraktives Ziel für Wladimir Putin sein. Inzwischen sind über ein amerikanisches C-17-Transportflugzeug weitere Soldatentruppen auf der Insel angekommen.

So manch einer dürfte sich fragen, warum diese militärischen Machtspiele nun ausgerechnet auf einer Insel stattfinden, welche vielen Deutschen vor allem aus den Verfilmungen von Astrid Lindgren Pippi-Langstrumpf-Büchern bekannt ist. Das Geheimnis ist Gotlands strategisch wichtige Lage in der Ostsee. Wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland berichtet, würden in NATO-Kreisen bereits Szenarien durchgespielt, in denen Russland die Insel für militärische Angriffe gegen seine Nachbarländer einnehmen könnte.

Gotland könnte Schweden zum Verhängnis werden

Die schwedische Regierung bereitet sich demnach darauf vor, dass Russland in den nächsten Tagen oder Wochen nicht nur die Ukraine, sondern auch Estland, Lettland und Litauen angreifen könnte. Sollte es den Russen gelingen ihr Raketensystem S400 auf Gotland zu installieren, hätten sie die baltischen Republiken nahezu umzingelt und würden die Kontrolle über den gesamten Luftraum der Ostsee im Umkreis von 400 Kilometern besitzen.

Der Schritt könnte zudem eine amerikanische Intervention vorbeugen. Starts und Landungen in Schweden wären dann nahezu unmöglich. Selbst moderne Bomber der amerikanischen Armee könnten baltischen Staaten dann kaum zur Hilfe kommen.

Die Sorgen in Schwedens Bevölkerung wurden in den letzten Tagen größer, als Russland drei große Landungsboote gleichzeitig durch die Ostsee fuhren ließ. Die Marineschiffe waren durch die Meerenge des Großen Belts in Dänemark eingelaufen.

Im Netz kursieren Falschinformationen

Die Stimmung in der Bevölkerung des skandinavischen Landes ist in jedem Fall düster. Nach einigen Drohnensichtungen über Stockholm, einigen Atomkraftwerken und dem Privatwohnsitz des schwedischen Königspaar hat nun auch der Inlands-Nachrichtendienst Säkerhetspolisen die Ermittlungen aufgenommen. Eine Beteiligung Russlands ist bisher nicht bestätigt. Dennoch sorgen sich viele Menschen vor einem russischen Luft- und Raketenangriff.

Die schwedische Zeitung „Aftonbladet“ berichtet von einer Welle an kursierenden Falschinformationen in den sozialen Medien. Insbesondere auf TikTok machen reißerische Videoclips die Runde, welche vor einem anstehenden Krieg und einem Einmarsch Russlands warnen. Die Kinderrechtsorganisation BRIS registrierte laut Aftonbladet eine Vielzahl von Anrufen verängstigter Kinder und Jugendlicher.

Könnte Schweden nun der NATO beitreten?

Die sicherheitspolitische Krise in Europa befeuert zudem die uralte Debatte eines möglichen Beitritt Schwedens zum internationalen Militärbündnis NATO. Das Land pflegt bereits seit den 90er-Jahren sehr enge Beziehungen zur NATO, beteiligte sich auch an den Militärmissionen in Afghanistan. Ebenso wie Nachbar Finnland ist man allerdings kein permanentes Mitglied.

Russlands Vorgabe, kein weiteres Land dürfe jetzt noch der NATO beitreten, empfindet man in Schweden dennoch als übergriffig. "Ob wir das machen oder nicht, ist allein unsere Sache", sagte Schweden Außenministerin Ann Linde. Der Kreml hatte kürzlich mit "schwerwiegenden Konsequenzen" gedroht, sollte Schweden dem Bündnis beitreten. Seit der russischen Annexion der Krim hat Stockholm sein Militärbudget wieder aufgestockt. Vor vier Jahren wurde sogar die Wehrpflicht wieder eingeführt.

Wer glaube, dass die aktuellen Spannungen damit zu vernachlässigen sein, gebe sich allerdings einer Illusion hin, so die Leiterin des schwedischen Militärgeheimdienstes Lena Hallin. "Von Normalität sind wir, was die Sicherheit unseres Landes angeht, weit entfernt".

Quellen:RND, Deutsche Welle, Expressen, AFP, Aftonbaldet

jus

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