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Flugzeugunglücke: Die USA halten am Unglücksflieger fest - dafür könnte der Boeing-Chef bei Trump gesorgt haben

Während etliche Länder wegen Sicherheitsbedenken den Luftraum für Boeings Unglücksflieger sperren, sträuben sich die USA weiter gegen Flugverbote. Ist ein angebliches Telefonat zwischen Trump und dem Boeing-Chef der Grund?

US-Präsident Donald Trump (r.) und Boeing-CEO Dennis Muilenberg

US-Präsident Donald Trump (r.) und Boeing-CEO Dennis Muilenberg

AFP

Rund um den Globus werden nach dem Absturz einer Boeing 737 Max 8 in Äthiopien Flugverbote verhängt, doch Amerika hält weiter stramm dagegen. Der Druck auf die US-Luftfahrtbehörde FAA wird aber immer größer, Spitzenpolitiker beider großen Parteien und Flugbegleiter fordern inzwischen, dass Boeings Krisenflieger vorerst am Boden bleibt. Der Hersteller beharrt indes auf der Sicherheit seiner Jets. Konzernchef Dennis Muilenburg sprach einem Medienbericht zufolge direkt mit Präsident Donald Trump, um ein Startverbot für den Flugzeugtyp abzuwenden. 

Nicht nur das Image von Boeing steht auf dem Spiel 

Die "New York Times" berichtete unter Berufung auf zwei mit dem Gespräch vertraute Personen, Muilenberg habe bei Trump dafür geworben, kein Startverbot für baugleiche Maschinen in den USA zu verhängen. Auch der Sender CNN vermeldete das Telefonat vom Dienstag, ohne allerdings über Inhalte zu berichten. Eine offizielle Bestätigung gab es zunächst nicht. 

Der Anruf sei laut "New York Times" schon seit Montag geplant gewesen, also einen Tag nach Absturz der Maschine in Äthopien. Zustande gekommen sei er allerdings kurz nach einem ersten Statement von Trump auf Twitter. Dort schrieb der US-Präsident, Flugzeuge würden "viel zu komplex" werden, um sie zu fliegen. Man brauche keine Piloten mehr, sondern Computerwissenschaftler. 

Ein Wink in Richtung Boeing, schnell für Klarheit und Beruhigung zu sorgen? Fakt ist: Abgesehen vom Nachbarstaat Kanada stehen die USA mit ihrer Einschätzung, dass die Boeing-Jets flugtauglich sind, mittlerweile ziemlich allein da. In Europa, Australien und weiten Teilen Asiens erteilten Luftfahrtbehörden bereits Flugverbote für alle baugleichen Maschinen. Zahlreiche Airlines legten die Flugzeuge am Dienstag wegen Zweifeln an der Sicherheit der Baureihe ebenfalls zunächst still. Damit ist gut die Hälfte der seit 2017 ausgelieferten rund 350 Flugzeuge aus dem Verkehr gezogen. Es drohen zahlreiche Flugausfälle. Der Großteil der restlichen Maschinen, einige Dutzend, werden (noch) von US-Fluggesellschaften wie American Airlines betrieben.

Das stürzt nicht nur Boeing in eine tiefe Imagekrise, auch das Prestige der tatsächlich beispielhaften US-Luftfahrtindustrie steht auf dem Spiel. Allein: Die 737-Max-Serie ist der gefragteste Flugzeugtyp des Airbus-Rivalen. Bei andauernden Problemen mit dem Kassenschlager könnten auch massive Umrüstungskosten und Geschäftseinbußen drohen. Der Aktienkurs des Unternehmens sackte den zweiten Tag in Folge ab.

Darüber hinaus hängen tausende Jobs in den USA am dem US-Luft- und Raumfahrtriesen mit Sitz in Chicago. Es zeichnen sich weitreichende Folgen in der sich anbahnenden Boeing-Vertrauenskrise ab. Ein unliebsamer Umstand, den der US-Präsident wohl verhindern will - oder soll. Der US-Industrie-Riese steckt jährlich Millionenbeträge in Lobby-Arbeit, um seine Interessen in Washington zu wahren. Konzern-Chef Muilenburg besuchte Trump sogar schon in seiner Sommerresidenz Mar-a-Lago

Kurz: Vom Image-Schaden bis zum sinkenden Aktienkurs - die Regierung muss bei allem, was sie nun tut, Rücksicht auf diese Faktoren nehmen. Ein Umstand, auf den der Boeing-Chef im mutmaßlichen Telefonat mit Trump hingewiesen haben dürfte.

Die Rufe nach Konsequenzen werden lauter

Stand jetzt: Trotz internationaler Flugverbote für Jets vom Typ Boeing 737 Max 8 nach zwei Abstürzen binnen eines knappen halben Jahres sieht die FAA weiter keinen Anlass für eine solche Maßnahme. Doch die Linie der Luftfahrtbehörde ist auch in den USA, und in Trumps eigenen Reihen, umstritten.

Bislang hätten die Überprüfungen der Behörde keine "systemischen Leistungsprobleme" bei dem Flugzeugtyp und keine Grundlage für ein Startverbot ergeben, teilte der FAA-Chef Daniel Elwell am Dienstag auf Twitter mit. Auch hätten Luftfahrtbehörden anderer Länder der FAA keine Daten zur Verfügung gestellt, die Maßnahmen erforderlich machten. Weiter hieß es in der Mitteilung, die "dringende Auswertung" der Daten der am Sonntag abgestürzten Boeing 737 Max 8 von Ethiopian Airlines dauere an. Sollten sich dabei Hinweise ergeben, die die Flugtauglichkeit der Maschinen infrage stellten, werde die FAA "sofortige und angemessene Maßnahmen" ergreifen. Knapp fünf Monate vor dem Crash in Äthiopien am Sonntag war bereits eine Boeing 737 Max 8 in Indonesien abgestürzt, dabei starben 189 Menschen.

Mehrere Boeing 737 Max 8 werden hier im Boeing-Werk im US-Bundesstaat Washington gefertigt

Die Rufe nach Konsequenzen der Luftfahrtbehörde nehmen derweil zu. Ranghohe Vertreter sowohl der Demokraten als auch der Republikaner sprachen sich für ein Startverbot des betroffenen Flugzeugtyps aus. Alle Flieger sollten am Boden bleiben, bis die Ursachen der jüngsten Abstürze und die Flugtauglichkeit geklärt seien, twitterte etwa der frühere republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney. Die einflussreichen demokratischen Senatoren Elizabeth Warren, Richard Blumenthal und Dianne Feinstein sowie Spitzenpolitiker Ted Cruz von den Republikanern schlossen sich der Forderung an. 

Auch Flugbegleiter in den USA sprachen sich bis zur Klärung der Ursache des Flugzeugabsturzes in Äthiopien, bei dem am Sonntag 157 Menschen getötet wurden, für ein Startverbot für baugleiche Maschinen aus. Die Gewerkschaft APFA, die die über 27.000 Flugbegleiter von American Airlines vertritt, forderte die größte US-Fluggesellschaft zu diesem Schritt auf. Auch die Gewerkschaft der Transportarbeiter (TWU), in der unter anderem die Flugbegleiter von Southwest Airlines organisiert sind, verlangte ein Startverbot.

Flugverbote als "Vorsichtsmaßnahme"

Der internationale Flugverkehr wird aus Furcht vor weiteren Zwischenfällen unterdessen zunehmend in Mitleidenschaft gezogen. Nachdem am Dienstagnachmittag Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und weitere Staaten eine Sperrung ihres Luftraums für die Boeings angekündigt hatten, zog auch die europäische Luftfahrtbehörde EASA am Abend nach. Das Verbot gelte als "Vorsichtsmaßnahme" für den ganzen europäischen Luftraum für die Typen Boeing 737 Max 8 und Boeing 737 Max 9, erklärte die EASA. Auch Neuseeland und die Vereinigten Arabischen Emirate - ein wichtiges internationales Luftfahrtdrehkreuz - verhängten für Maschinen des Typs Boeing 737 Max ein Flugverbot. 

Die Sperre des deutschen Luftraums für das Boeing-Modell 737 Max gilt für drei Monate. Bis einschließlich 12. Juni dürfe kein Flugzeug des Typs Boeing 737 Max 8 und Max 9 über der Bundesrepublik fliegen, erklärte die Deutsche Flugsicherung (DFS) in Langen bei Frankfurt. Die Anordnung gelte ab 18.30 Uhr. Flugzeuge, die sich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch im deutschen Luftraum befänden, dürfen den Flug bis zur Landung fortsetzen.

fs / Mit Material der DPA

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