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Sommerfrische in den Bergen: Bayern: Auf den Gipfel des Glücks

Klare Seen, karge Felsen, einsame Almen: Wer Urlaub in Bayerns Bergen macht, erlebt großartige Natur, willensstarke Menschen – und entgeht den großen Touristenströmen.

Von Christian Ewers und Gunnar Hebst

Bayern

Insel mit Weitsicht: Neun Kilometer südwestlich von Garmisch-Partenkirchen liegt der Eibsee. Von hier aus blickt man auf die Zugspitze, Deutschlands höchsten Berg.

Durch die Panoramascheiben der Bergstation betrachtet, sehen die Alpen an diesem Morgen aus wie ein riesiges Ölgemälde. Blau der Himmel, weiß die Wolken, silbergrau die Gipfel, so geht das bis zum Horizont, bis es unscharf wird; und wer käme je auf die Idee, dass dieses Standbild von Menschen durchkreuzt wird?

Man muss nur wenige Minuten warten im gläsernen Gipfelhaus der Zugspitze, dann sieht man, wie plötzlich bunte Punkte auf dem Felsrücken des Jubiläumsgrats tanzen. Die Punkte werden größer, bis man schließlich erkennt: Bergsteiger, Helm auf dem Kopf, die Seile wie Schärpen um den Oberkörper gehängt, Jacken in Neonfarben.

Der Mensch will die Berge nicht nur bestaunen

Er will sie anfassen, er will Teil dieses gewaltigen Naturschauspiels sein, das an Sommertagen in den Bayerischen Alpen aufgeführt wird. Natürlich will er auch erobern, aus eigener Kraft einen Berg wie die Zugspitze besteigen, dann ein Foto unter dem Gipfelkreuz machen.

Die Sehnsucht ist mitunter so groß, dass der Mensch nur das Ziel sieht, nicht aber, was sein Körper eigentlich zu leisten imstande ist. Und dann bleibt er stecken auf dem Weg, müde und kaputt, und alles, was eben noch so schön und lieblich schien, wird zu seinem Gegner. Dann braucht er Hilfe in der Höhe.

Für solche Menschen ist Christina Huber, 30, da. Sie engagiert sich bei der Bergwacht Garmisch-Partenkirchen. Im Sommer sind sie und ihre Kollegen häufig rund um die Zugspitze unterwegs, dem mit 2962 Metern höchsten Berg Deutschlands. Der Gipfel ist auch über den Jubiläumsgrat erreichbar, eine hochalpine Route, die die Zugspitze und die 2628 Meter hohe Alpspitze verbindet.

Christina Huber arbeitet in einer Münchner Steuerkanzlei. So oft wie möglich fährt die 30 Jahre alte Alpinistin in ihre Heimat Garmisch-Partenkirchen und unterstützt dort die örtliche Bergwacht.

Christina Huber arbeitet in einer Münchner Steuerkanzlei. So oft wie möglich fährt die 30 Jahre alte Alpinistin in ihre Heimat Garmisch-Partenkirchen und unterstützt dort die örtliche Bergwacht.

"Der Grat ist ein Brennpunkt", sagt Christina Huber, "viele Bergsteiger unterschätzen, welche Energie so ein Aufstieg kostet. Sie schleppen dicke Rucksäcke mit, viel zu viel Ballast, und dann wollen plötzlich die Beine nicht mehr."

Manchmal genügt es, wenn Huber das Gepäck trägt und einem Bergsteiger über schwierige Passagen hilft. Oft aber muss sie den Helikopter rufen, denn der Grat ist an einigen Stellen nur einen halben Meter breit, seitlich geht es mehrere Hundert Meter steil runter ins Höllental oder zum Zugspitzblatt.

Der Jubiläumsgrat erzählt viel über die Faszination, die die Berge auf Menschen ausüben, und auch über die Gefahren, die in alpinem Gelände lauern. Selbst im Sommer ist der Grat noch von Schnee bedeckt; silbrig funkelt er im Sonnenlicht. Hierher kommt, wer flüchten will vor der brütenden Hitze in den Städten und kühle, klare Luft atmen möchte.

Ein Sommer in den Bergen kann beglückend sein, wenn man einige wenige Regeln beachtet und richtig ausgerüstet ist. Man darf Weißbier und Schweinsbraten im Tal sorglos genießen, sollte darüber aber nicht vergessen, dass die Natur immer weniger gastlich wird, je höher man steigt.

Ein Sommer in den Bergen ist Urlaub abseits der großen Touristenströme. Hier kann man es noch finden, das Gold unserer hektischen Gegenwart: Ruhe und Entspannung. Kein Gekreische und Gejohle wie am Strand, kein Kampf um Liegestühle wie am Swimmingpool. Noch dazu in einer angenehmen Klimazone. Wer schon mal bei 40 Grad am Mittelmeer geschwitzt hat, weiß die Sommerfrische der Berge umso mehr zu schätzen.

Und doch muss man aufs Baden nicht verzichten. Der Sprung in einen Bergsee ist ein Erlebnis, es kribbelt am ganzen Körper, es leert sich der Kopf von schweren Gedanken. Die Berge wollen einen mit Haut und Haaren. Einfach herrlich.

Bergurlaub ist immer auch Aktivurlaub

Man fordert seinen Körper. Runter vom Bürostuhl und vom Sofa, rauf in die Berge, und sei der Aufstieg auch noch so mühsam. Wer in den Bayerischen Alpen wandert, ist nicht nur in wilder Natur unterwegs, sondern auch in einem einzigartigen, jahrtausendealten Kulturraum. Man begegnet Menschen, die von dieser Landschaft geprägt wurden – und die diese prägen.

Der stern ist durch Bayern gereist und hat Einheimische getroffen, die für diese Region stehen. Es gibt das alte, bewahrende Bayern, zu finden etwa bei dem Hirten Florian Karg, der auf seiner Alm für den Erhalt der 450 Jahre alten Weidelandschaft schuftet. Da ist jemand wie Bernhard Göhl, der die urbayerische Tradition des Bierbrauens sanft modernisiert und in einer ehemaligen Skistation leckere Getränke herstellt. Und es gibt mutige Köpfe wie Manja Wolf-Voit, die einen heftigen Bruch wagt. Sie denkt die Wirtshauskultur völlig neu und serviert in ihrem Lokal vegetarische und vegane Speisen.

Es sind Menschen, in denen sich ein ganzer Kulturraum spiegelt. Er spannt sich vom Allgäu über die Zugspitze und den Tegernsee bis nach Berchtesgaden. Eine Region, wie gemacht für Entdecker.

Bad Hindelang: Arbeit auf der Alm

Die Route hinauf zu Florian Karg führt über einen Wirtschaftsweg namens Sausteig – im Allgäu, nahe Bad Hindelang. Doch wer ihn geht, sieht kein Schwein weit und breit, dafür aber Kühe, die mitten auf dem Weg stehen oder liegen.

Oberhalb des Sausteigs, kurz vor einer Spitzkehre, liegt die Alpe Plättele. Draußen am Holztisch sitzt Florian Karg. Sonnengebräuntes Gesicht, blaues Hemd, Hosenträger. Karg macht kurz Pause, bevor er in der Stall muss. "Die Tiere wollen pünktlich gemolken werden", sagt er, "die verlassen sich auf mich."

Florian Karg ist 46 Jahre alt und verbringt derzeit seinen 34. Sommer auf der Alpe Plättele. Dort hütet er 120 Rinder und fünf Milchkühe. Im Winter steht er als Operntenor auf der Bühne.

Florian Karg ist 46 Jahre alt und verbringt derzeit seinen 34. Sommer auf der Alpe Plättele. Dort hütet er 120 Rinder und fünf Milchkühe. Im Winter steht er als Operntenor auf der Bühne.

Karg steht auf, geht nach hinten zur Weide und winkt Zenzi, Dachs, Blümli, Füchsli und Mina in den Stall. Dann wirft er das Dieselaggregat an. Die Melkmaschine surrt, gut 30 Liter Milch fließen in eine stählerne Kanne.

Karg, 46, ist Hirte auf der Alpe Plättele, 1340 Meter über Meereshöhe. Er kümmert sich nicht nur um die fünf Milchkühe, sondern auch um 120 Rinder. Die grasen auf den Wiesen rund um die Alm und machen auch in diesem Sommer "einen guten Job", wie Karg sagt. Sie halten das Grün kurz, sie sorgen dafür, dass die Weiden nicht verwildern und die Alm so erhalten bleibt, wie es sie seit Jahrhunderten gibt.

Karg sieht sich nicht nur als Hirte, der jeden Abend die Rinderherde zum Schlafplatz treibt, sondern vor allem als Landschaftspfleger. "Ohne Subventionen ergäbe die Alpwirtschaft keinen Sinn mehr", sagt er. "Ich bin hier oben, um ein Kulturgut zu schützen."

Es ist Kargs 34. Sommer auf der Alpe Plättele, schon seine Eltern arbeiteten hier. Hirte zu sein bedeutet mehr, als nur die Tiere zu beaufsichtigen – Karg repariert auch Zäune, beseitigt Buschwerk, liest Steine auf und macht Brennholz.

Strom gibt es in der 450 Jahre alten Almhütte nicht, nur Kerzenlicht. Mitunter ist es so schummrig, dass Karg Mühe hat, die Noten auf den Partituren zu erkennen. Karg hat noch ein zweites Leben, eines, das beginnt, wenn er im Spätsommer die Rinder von der Alm getrieben hat.

Florian Karg ist Operntenor. Er hat in München am Richard-Strauss-Konservatorium klassischen Gesang studiert und mit einem Diplom abgeschlossen. In den Wintermonaten steht er auf den Bühnen in Memmingen und Bad Hindelang und führt dort die Weihnachtsoper "Stille Nacht" auf.

"Beim Singen bin ich ganz auf mich konzentriert", sagt Karg, "Das ist ein schönes Gegengewicht zum Leben auf der Alp. Hier bin ich von morgens bis abends für meine Tiere da."

Karg versucht gelegentlich auf der Alm zu proben, um nicht aus der Form zu kommen. Oft gelingt ihm das nicht. "Mir tun die Knochen weh nach einem langen Tag" , sagt Karg, "ich will dann nur noch liegen. Da ist an Kunst nicht zu denken."

Mittenwald: der Familie verpflichtet

Julia Klotz hat wesentlich mehr Zeit und Muße für ihre Kunst. Sie ist Geigenbauerin in Mittenwald, Oberbayern, und arbeitet gerade an ihrem Gesellenstück. Eine Geige nach Stradivari, aus der sogenannten Goldenen Periode, soll es werden.

Klotz, 28, hobelt über das helle Fichtenholz, gelockte Späne fliegen durch die Luft. Feinschliff, Arbeit an Details, jede noch so kleine Unebenheit muss beseitigt werden. "Die Geige soll schließlich richtig gut werden", sagt Klotz, "ich will zeigen, dass ich etwas gelernt habe." Ein bisschen geht es bei der Geige auch um die Familienehre. Klotz arbeitet nämlich in der Werkstatt ihres Stiefvaters Rainer W. Leonhardt, der den Betrieb bereits in der dritten Generation führt.

Der 2713 Meter hohe Berg thront über dem Nationalpark Berchtesgaden. Am Fuße des Watzmanns findet man eine einzigartige Flora

Der 2713 Meter hohe Berg thront über dem Nationalpark Berchtesgaden. Am Fuße des Watzmanns findet man eine einzigartige Flora

Geigenbau hat eine lange Tradition in Mittenwald. Einer der Söhne des Ortes, Mathias Kloz, ging im 17. Jahrhundert nach Padua und lernte sechs Jahre als Geselle in der Lautenbau-Werkstatt "Al Santo" von Pietro Railich. Mit dem Zeugnis, sich "immer pünktlich, gehorsam und sittsam" gezeigt zu haben, kehrte Kloz später aus Italien in seine Heimat zurück und baute dort selbst Instrumente. Die Voraussetzungen dafür waren in Mittenwald ideal. Es gab hier beste Hölzer, vor allem Ahorn und Fichte.

Rainer Leonhardt hat auf seinem Dachboden noch ein paar sehr alte Mittenwalder Hölzer gelagert, bis zu 150 Jahre alt. "Echte Schätze sind das", sagt er. "Je älter ein Holz, desto härter ist es. Man kann es dünn ausarbeiten, und dann schwingt es richtig gut."

Etwa 100 Instrumente verkaufen Leonhardt und seine fünf Mitarbeiter pro Jahr. 120 Arbeitsstunden stecken in einer Geige, hinzu kommen 30 Stunden für das Lackieren, das sich über drei Monate zieht. Ein enormer Aufwand, der sich auch im Preis widerspiegelt. Die besten Geigen, gefertigt von Meister Leonhardt selbst, kosten zwischen 12 000 und 15 000 Euro. Geliefert wird an Kunden in aller Welt. In den nächsten Tagen geht eine Lieferung nach Japan raus, die Spezialkartons stehen schon bereit.

Julia Klotz soll den Betrieb einmal übernehmen. "Ich tät schon gern wollen", sagt sie. Rainer Leonhardt jedoch will erst mal Chef bleiben, nicht nur weil er gern das Wort führt, wie man vermuten könnte. "Geigenbau ist eine Erfahrungswissenschaft", sagt er, "Gefühl, Nase, Ohr. Braucht man alles, um eine gute Geige herzustellen. Wäre doch schade, wenn mein Wissen unserer Familie verloren ginge."

Rettenberg: Start-up im Skilift

Auch Bernhard Göhl versteht sich als Kunsthandwerker. Am Fuße des Grünten im Allgäu, in Deutschlands höchstgelegener Privatbrauerei, stellt er sein eigenes Bier her. Auf knapp 1000 Meter hat Göhl die Talstation des alten Kammeregg-Schlepplifts zu einem Sudhaus umgebaut. Wo sich vor zehn Jahren Skifahrer den Berg hochziehen ließen, stehen heute stählerne Kessel. 3000 Liter in der Woche braut Göhl hier oben in Rettenberg, Ortsteil Kranzegg, eine halbe Autostunde von Kempten entfernt.

Sein Bier der Marke "Bernadi Bräu" wird Göhl spielend los. "Ich habe noch nie Werbung machen müssen", sagt der 42-jährige Braumeister, der viele Gastronomen im Allgäu beliefert. "Läuft alles über persönliche Empfehlungen."

Erst 2014 hat Göhl seine Firma gegründet. Die Brauereianlage kaufte er aus der Insolvenzmasse eines Gasthofs, und dann begann die Zeit der Experimente: Göhl züchtete eigene Hefestämme, die dem Bier ein besonders fruchtiges Aroma geben sollten. Das Wasser zapfte er aus heimischen Quellen auf dem Grünten, er besorgte sich Malz aus Oberschwaben, er kaufte Hopfen in der Hallertau und in Tettnang, im Hinterland des Bodensees.

Bernhard Göhl kennt sich aus. Er hat an der renommierten Hochschule Weihenstephan Brau- und Getränketechnologie studiert. Schon während des Studiums wusste er, was er nicht werden wollte: Angestellter in einer Großbrauerei, die Bier für den Massengeschmack produziert. Und auch keiner dieser Craft-Bier-Hipster will er sein. "Den Bart bis zum Knie wachsen lassen, eine schöne Schürze umbinden und dann vier Euro für die Flasche nehmen – nein, danke", sagt er.

Bier ist für ihn Leidenschaft und Business zugleich. Göhl will kräftig wachsen mit seinem "Bernadi Bräu", er glaubt, dass es einen großen Markt gibt für handwerklich hergestellte Biere aus Bayern. Tatsächlich scheint Göhl eine feine Balance gefunden zu haben: Seine Brauspezialitäten schmecken ganz eigen, kräftig und voluminös, aber sie sind nicht sperrig. Man kann sie prima trinken, ohne ein Bier-Nerd zu sein, der die Extreme sucht.

Das Ladenlokal, in dem Bernhard Göhl bislang seine Getränke verkauft hat, ist zu klein geworden. "Die Leute wollen nicht nur ein paar Flaschen in den Kofferraum laden, sie wollen gemütlich sitzen, trinken und auch mal einige Worte mit dem Chef sprechen", sagt er.

Deshalb hat er jetzt ein Gasthaus gebaut, die "Bier Alp". Sie wurde im Juni eröffnet, sieht aber viel älter aus. Das liegt am Fichtenholz, das aus alten Bauernhäusern stammt und hier wiederverwendet wurde. Ein kleiner Trick von Göhl, sein "Bernadi-Bräu" etwas traditionsreicher und etablierter erscheinen zu lassen. "Eigentlich", sagt er, "führe ich bloß ein Start-up."

Schellenberg: radikale Küche

Wer die Speisekarte in "Manjas Gasthaus Schellenberg" liest, schaut zweimal hin: Statt Wurstsalat, Schweinshaxen und Leberkäse stehen da Brennnesselknödel mit Ziegenkäse und Grilltomaten. Wirsing-Involtini mit Wurzelgemüse und Süßkartoffelnudeln. Austernpilzschnitzel mit Sesamkartoffeln, Grillgemüse und Frühlingsdip. Vegetarische, vegane Hausmannskost trifft orientalische Küche, mitten in der bayerischen Provinz. Darauf erst mal eine Kurkumaschorle.

Heute Morgen hat Manja Wolf-Voit vorgekocht, jetzt nimmt sie im Biergarten die Bestellungen entgegen. Die 39-Jährige mit rot gefärbtem Haar und bunten Tattoos betreibt das Gasthaus auf 680 Meter Höhe. Ihr Konzept kommt an, das Lokal ist gut besucht. Jetzt im Sommer sitzen die Gäste entspannt unter jahrhundertealten Kastanien, unterhalten sich, genießen das Essen und die Aussicht auf das Tal, den Hochfelln, den Chiemsee.

Wolf-Voit verzichtet aus Überzeugung auf Fleisch. "Als ich elf war, habe ich gesehen, wie eine Kuh auf den Schlachter wartete", erzählt sie. Seitdem ist sie Vegetarierin. Später erlebte Wolf-Voit beim Nachbarn, wie eine Kuh nächtelang nach ihrem Kalb schrie, von dem sie getrennt worden war, damit sie weiterhin gemolken werden konnte. Seitdem ist Wolf-Voit Veganerin.

Manja Wolf-Voit, Wirtin. In ihrem Gasthaus kocht die 39-jährige Autodidaktin vegetarische und vegane Gerichte. Ihre Spezialität: Austernpilzschnitzel mit Sesamkartoffeln

Manja Wolf-Voit, Wirtin. In ihrem Gasthaus kocht die 39-jährige Autodidaktin vegetarische und vegane Gerichte. Ihre Spezialität: Austernpilzschnitzel mit Sesamkartoffeln

Zwölf Jahre lang betrieb sie in Traunstein eine vegetarische Mittagskantine mit Cateringfirma. Vor drei Jahren übernahm sie das Wirtshaus von 1908, das sie seit ihrer Kindheit kennt, und verwandelte es in eine bunte Stube, umgeben von Wald, Weiden und Endmoränenhügeln.

Viele Möbel stammen aus den Fünfzigern, Samtsessel stehen zwischen zierlichen Tischen. Rosentapeten und Schwarz-Weiß-Bilder in Goldrahmen schmücken die Wände. Auf der kleinen Bühne in der Ecke spielen regelmäßig Bands – Swing, Blues, Jazz, Country. Auch die "Fainted Fairies & the Drowsy Dudz" , bei denen Manja Wolf-Voit singt, treten hier manchmal auf. Besonders beliebt sind ihre After-Work-Partys, auf denen Lindy Hop getanzt wird, ein Vorläufer von Jive und Boogie-Woogie.

Wolf-Voit kommt aus der Region. Heute lebt die Mutter zweier Kinder in Rumgraben, einem benachbarten Dorf, mit drei Katzen, zwei Hunden, drei Schweinen und zwei Pferden. Manchmal reitet sie zur Arbeit. Die wird ihr allerdings gerade zu viel: "Irgendwann bist du in einer Mühle und kriegst den Kopf nicht mehr frei." Oft ist sie sogar zu müde zum Wandern in den Bergen, die sie so liebt. Deswegen wird Wolf-Voit ihr Gasthaus Ende des Sommers schließen und sich auf ihren neuen Food-Truck konzentrieren, um auf Märkten und Festivals veganes Essen zu verkaufen. Wolf-Voit lässt das alles auf sich zukommen, nur kleiner soll es werden, freier. "Ich war drei Jahre in einem Hamsterrad, jetzt möchte ich Ballast abwerfen und wieder mehr singen." Food-Truck mit Musik, klingt wie ein Erfolgsrezept.

Tegernsee: der Berg als spiritueller Ort

Alle paar Tage nimmt sich Martin Weber, 48, ein paar Stunden frei. Dann schnappt er sich einen der Gleitschirme, die im Pfarramt liegen, geht auf den Berg – und fliegt los. Am liebsten am Abend, wenn die Sonne untergeht und sich eine tiefe Ruhe über den Tag legt.

Martin Weber ist Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde Tegernsee – Rottach-Egern – Kreuth, zu der drei Kirchen gehören und 2500 Mitglieder. Er ist verheiratet, hat vier Kinder und arbeitet oft sieben Tage die Woche. Aber diese Freiheit nimmt er sich. Tausende Male ist er bereits geflogen, am häufigsten vom nahen Wallberg.

Martin Weber, 48, ist evangelischer Pfarrer am Tegernsee. Am liebsten geht er abends auf den Berg, um mit dem Gleitschirm ins Tal zu fliegen – oft mehrmals hintereinander

Martin Weber, 48, ist evangelischer Pfarrer am Tegernsee. Am liebsten geht er abends auf den Berg, um mit dem Gleitschirm ins Tal zu fliegen – oft mehrmals hintereinander

"Ich kann Gott in der Natur nicht finden", sagt Martin Weber. "Aber ich kann spirituelle, religiöse Erlebnisse haben." Für ihn haben die Berge etwas Archaisches. "Sie haben die Kraft, mich auf mich selbst zurückzuwerfen, um mein Leben zu reflektieren und die Frage, was ist wichtig, was bleibt. Wir leben in einem Machbarkeitswahn. Wir planen, organisieren, strukturieren unser Leben, dabei haben wir eigentlich nichts in der Hand – alles Wichtige im Leben ist ein Geschenk."

Beruflich schlug der Münchner zunächst eine akademische Laufbahn ein. Studierte Kirchenmusik und Posaune, promovierte nach dem Theologiestudium und liebäugelte mit einer Professur. Doch 2004 bekam Weber die Pfarrstelle am Tegernsee. "Es ist ein großes Privileg, hier leben zu dürfen. Uns geht es richtig gut." Saubere Luft, sauberes Wasser, die Natur, die Berge, natürlich auch der Wohlstand – der Landkreis Miesbach zählt zu den reichsten in Deutschland. Das prägt auch Webers Gemeinde.

"Wir haben hier die Einheimischen, die Zugezogenen und sehr viele Touristen", sagt Weber. "Die Herausforderung ist, mit diesen unterschiedlichen Gruppen umzugehen." Bis zu 150 Hochzeiten und Taufen leitet der Pfarrer im Jahr, die meisten für Urlaubsgäste. "Die Menschen werden immer mobiler. Viele arbeiten überall auf der Welt und wechseln alle paar Jahre den Wohnort. Ich sehe es als meine Aufgabe, auch für diese Leute da zu sein und ihnen ein Stück Heimat zu geben."

Seine innere Ruhe zieht Weber aus der Kombination von intellektueller Arbeit und Bewegung. An einem Tag ist er den Wallberg viermal hintereinander hochgelaufen, in jeweils einer Stunde, normalerweise brauchen Wanderer doppelt so lange. Und wann geht es das nächste Mal auf den Berg? Weber schaut aus dem Fenster des Pfarramts. "Vermutlich morgen", sagt er dann. "Heute kann es noch gewittern."

Berchtesgaden: beschützte Natur

Während abends auf dem Königssee Ruhe einkehrt, füllen sich die Restaurants am Ufer in Schönau mit Gästen aus Europa, China, Amerika. Auf den Speisekarten stehen bayerische Klassiker von Weißwurst bis Schweinsbraten.

Am nächsten Morgen haben etwa ein Dutzend Influencer ihre Kameras und Stative am Nordufer des Hintersees aufgebaut. Ein Amerikaner erzählt, er stehe hier schon seit Stunden, um die Szenerie zu verschiedenen Tageszeiten zu fotografieren. Auf die Bitte, kurz zur Seite zu treten, reagiert er ungehalten: "Don't touch my stuff, I'm fucking serious!"

Die meisten, die hier stehen, wollen später noch zum Wasserfall am Königssee. Bekannt wurde der durch Fotos auf Instagram: Ein Mann und eine Frau liegen in einem Naturpool und schauen auf den See. Das Motiv ging viral, jetzt wollen es so viele nachfotografieren, dass sich in der Hochsaison sogar Warteschlangen am Wasserfall bildeten. Vor einigen Wochen lag eine große Buche in diesem Pool, gefällt von einem Unbekannten, um dem Hype um dieses Motiv ein Ende zu bereiten.

"Aber je weiter man in den Nationalpark hineingeht, desto weniger Besucher trifft man und desto schöner und wilder wird es", sagt Anita Köppl. Die 59-Jährige arbeitet als Rangerin im Nationalpark Berchtesgaden. Das 208 Quadratkilometer große und bis zu 2713 Meter hohe Naturschutzgebiet rund um den Watzmann wurde 1978 gegründet. Mehr als 1000 unterschiedliche Blütenpflanzen sind hier zu finden, dazu Gämsen, Steinböcke, Murmeltiere, Steinadler, die meisten in der sogenannten Kernzone, in die der Mensch nicht eingreift und die drei Viertel der Fläche ausmacht.

Die Rangerin Köppl und ihre 13 Kollegen haben viele Aufgaben. Sie unterstützen durch ihre Messungen und Zählungen die Forschung, sie reparieren Steige, gehen Streife und betreuen Besucher. Rund 1,6 Millionen Gäste kommen im Jahr, nicht alle halten sich an die Regeln. Zelten etwa ist verboten, ebenso Pflanzen rauszureißen, Hunde frei herumlaufen und Drohnen steigen zu lassen. "Für mich ist die Natur der größte Schatz, den wir haben", sagt Köppl. "Aber viele wissen nicht mehr, wie man mit ihr umgeht."

Heute beobachtet Köppl Murmeltiere auf der Königsbachalm. Ein lauter Pfiff ertönt: "Ein Greifvogel naht", erklärt sie. Wenn die Murmeltiere mehrmals hintereinander pfeifen, warnen sie vor Bodenfeinden wie Füchsen, Hunden oder Menschen. Köppl mag die Erdhörnchen, wegen "ihrer sozialen Art und weil sie sich gegenseitig schützen".

Aufgewachsen ist Köppl in Schönau am Königssee. Seit 18 Jahren arbeitet sie als Rangerin, davor hatte sie Bürojobs. Der Region ist sie treu geblieben. "Für mich ist die Stadt die eigentliche Wildnis, da finde ich mich nicht zurecht", sagt sie. Auch Führungen macht Köppl, über Fledermäuse oder Murmeltiere. Die werden oft Beute von Steinadlern. "Aber so ist eben die Natur", sagt sie.

Manche Tierbegegnungen sind Köppl besonders in Erinnerung geblieben. Einmal hörte sie Hirsche im dichten Nebel röhren. "Das wurde immer lauter und lauter, da läuft es einem eiskalt den Rücken runter." Ein anderes Mal beobachtete sie in der Klauswand, wie eine Adlermutter ihrem Küken mit ausgebreiteten Flügeln Schatten spendete, vier Stunden lang. "Auch so ist die Natur", sagt Köppl.

Hohe Asten: die nächste Generation

Diese Ruhe muss man sich erarbeiten. Muss den steilen Weg von Flintsbach am Inn hinaufgehen, durch dichten Buchenwald, das Brummen der A 93 im Tal wird immer leiser. Es geht vorbei an Wasserfällen und Felsbrocken. Man muss eine Alm überqueren, auf der Rinder grasen. Dann Fichtenwald, ein steiler Aufstieg, eine Sitzbank. Hier öffnet sich der Blick auf Deutschlands höchstgelegenen Bergbauernhof: die Hohe Asten auf 1108 Metern, am Osthang des Rehleitenkopfs, umgeben von Wiesen und Weiden.

Hohe Asten bedeutet "hohes Weideland", und als solches wird es seit Ewigkeiten genutzt; allein die Geschichte des Bergbauernhofs reicht mindestens 500 Jahre zurück. Seine Zukunft heißt Bernhard Astl und ist 22 Jahre alt. Mit seinem Vater Peter bewirtschaftet er den Hof, den er eines Tages übernehmen wird. Auf knapp 80 Hektar betreibt die Familie Viehwirtschaft mit 14 Kühen, 50 Bergschafen, drei Pferden, zwei Mastschweinen. Manchmal reißt der Fuchs oder Steinadler ein Lamm. Wenn der Wolf käme, wäre es aus mit der Viehhaltung, sagt Bernhard Astl. Aber noch ist der Wolf nicht da.

Bernhard Astl und Freundin Luisa Kronawitter, beide 22. Später einmal wollen sie den Bergbauernhof, zu dem auch ein Gasthaus gehört, von Bernhards Vater übernehmen.

Bernhard Astl und Freundin Luisa Kronawitter, beide 22. Später einmal wollen sie den Bergbauernhof, zu dem auch ein Gasthaus gehört, von Bernhards Vater übernehmen.

Die Astls produzieren Milch, Butter und Fleisch. Mehr als die Hälfte ihrer Produkte verkaufen sie im Berggasthof, den Mutter Christa führt. An guten Tagen kommen 400 Besucher. "Von der Landwirtschaft allein könnten wir nicht leben", sagt Bernhard Astl. "Das Geld bringt der Gasthof." Aber auch so liegt sein Stundenlohn bei etwa 6,40 Euro. "Mein Ziel ist, alle unsere Produkte direkt zu vermarkten, um rentabel zu sein", sagt er. Wie genau das funktionieren soll, das hat Astl in seiner Meisterarbeit zum Landwirt untersucht. Jetzt möchte er seine Erkenntnisse in die Praxis umsetzen.

Bernhard Astl ist hier oben aufgewachsen, in der Natur, "frei", wie er sagt, auch wenn er oft auf dem Hof mithelfen musste. Eltern oder Großeltern haben ihn morgens zur Schule in Flintsbach gefahren, im Winter ist er manchmal ins Tal gerodelt.

Schon früh wollte Astl Landwirt werden, trotz harter Arbeit und schlechter Bezahlung. "Ich möchte unsere Tradition fortführen", sagt er. Vater und Sohn mähen, sensen, wenden Gras, um Heu und Silage zu produzieren. Halten die Zäune in Schuss und fällen Bäume. Füttern die Kälber, melken die Kühe. Im Sommer gehen die Milchkühe auf die 500 Meter entfernte Alm. Abends kehren sie zurück in den Stall.

In seiner Freizeit engagiert sich Bernhard Astl in Vereinen: Feuerwehr, Landjugend, Trachten, Trommeln. Es ist ein hartes Leben hier oben, voller Pflichten und Widrigkeiten. Aber Astl ist gern Bergbauer. Nur mehr Unterstützung vom Staat würde er sich wünschen: "Die Berge in Bayern sind durch Landwirtschaft geprägt. Ohne sie gäbe es keine Aussicht, keine Artenvielfalt, keine Weiden. Deswegen sollte der Staat unsere Arbeit stärker fördern."

Seit über zwei Jahren hat Astl eine Freundin, Luisa Kronawitter, 22 wie er. Sie kennen sich aus dem Kindergarten. Noch studiert Kronawitter in München. "Aber mittlerweile kann ich mir vorstellen, hier oben zu leben", sagt sie. "Ich mag die Landschaft und die Arbeit. Auch mit der Familie passt es." Die Zukunft der Hohen Asten scheint gesichert, zumindest für die nächste Generation.

Wissenscommunity

kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(