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Piloten-Krankmeldungen: Air-Berlin-Chaos immer größer: Der erbitterte Kampf hinter den Kulissen

Dutzende von Flügen fallen bei Air Berlin wieder aus. Auch Eurowings-Verbindungen sind betroffen. Durch Krankmeldungen der Piloten wird die Lage bei der insolventen Airline immer verwirrender. Bleibt bald die ganze Flotte am Boden?

"Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass Ihr Flug EW7521 um 14.15 Uhr annulliert wurde." So beginnen Hunderte von SMS-Nachrichten, die am Dienstag und Mittwoch nicht nur Kunden von erhalten. Auch Passagiere von Eurowings gehören inzwischen zu den Leidtragenden.

Aufgrund von reihenweise von Cockpit-Besatzungen innerhalb von zwei Tagen müssen kurzfristig Flüge abgesagt werden. Die Probleme, nicht nur in Berlin Tegel und am Flughafen Düsseldorf, eskalieren: Galten die Eurowings-Flüge, die mit dem Zusatz "operated by Air Berlin" versehen sind, als stabil, werden auch diese inzwischen zu einem Vabanquespiel mit der bangen Frage: Wird mein Flug kurzfristig storniert?

Zum Hintergrund: Die Billigtochter der Lufthansa hatte im Frühsommer mehr als 30 Jets von Air Berlin und deren Besatzungen übernommen. Dazu wurden die Maschinen in die Farben von  umlackiert und die Leasingverträge übernommen. Im Gegensatz zu den gehäuften Unregelmäßigkeiten im Flugbetrieb mit reinen Air-Berlin-Flügen liefen die Einsatzpläne dieser Crews auf den europaweiten Verbindungen einigermaßen stabil.

Doch nun kommt es bei einem Teil dieser Piloten zu spontanen Krankmeldungen. Das Übernahmemodell der wackelt, mehr und mehr Flugzeuge und deren Besatzungen für Eurowings zu übernehmen.

Jeder siebte Pilot bei Air Berlin plötzlich erkrankt

Hinter der "Krankheitswelle" der 200 von 1500 Piloten wird ein illegaler Bummelstreik vermutet. Die "Bild"-Zeitung berichtet unter der Überschrift "Im Chat verabredeten sich die Piloten zum Krankfeiern", dass mehrere Hundert von ihnen mit dem Messenger-Dienst Telegram per Mobiltelefon kommunizieren. "Wer Mitglied werden will, braucht eine Einladung und wird überprüft. Monatelang versuchte das Air-Berlin-Management, die Gruppe zu unterwandern – vergeblich."

Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) distanzierte sich von dieser Aktion. "Zu keinem Zeitpunkt hat die VC dazu aufgerufen, sich krank zu melden", heißt es auf deren Homepage. Die Vereinigung setzt auf einen geregelten Übergang und Verhandlungen über einen Sozialplan für die Crews.

Reduzierung der Langstreckenflotte

Wie bedrohlich die Lage bei Air Berlin ist, zeigt die Tatsache, dass am Montag einer der Leasinggeber 10 der 17 Langstreckenmaschinen zum 25. September zurückverlangt. Die irische Firma Aercap fürchtet angeblich um die Mietzahlungen für ihre Airbus A330-200. Nachdem schon alle Interkontinentalflüge ab -Tegel nach Abu Dhabi, Chicago, Los Angeles und San Francisco gestrichen wurden, folgte nun in die Absage aller Karibik-Flüge ab Düsseldorf sowie der Flüge nach Boston.

Die kurzfristigen Krankmeldungen der Piloten kommen für das Unternehmen zur denkbar schlechtesten Zeit. Am diesem Freitag endet die Bieterfrist für Bewerber um die insolvente Fluggesellschaft. Eine Woche später soll am 21. September der Gläubigerausschuss tagen und erste Entscheidungen über die Zukunft fällen.

Für Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann sind die spontanen Krankmeldungen "existenzbedrohend", das "wird uns noch näher an den Abgrund bringen". Am Dienstag appellierte der Airline-Vorstand in einem internen Schreiben, das der Deutschen Presse-Agentur vorliegt: "Wir laufen massiv Gefahr, den Investorenprozess, den wir mit dem Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung begonnen haben, nicht mehr zu einem möglichst positiven Ende zu führen."

Insolvenzverwalter Frank Kebekus droht laut "Berliner Zeitung" sogar mit einer Einstellung des Flugbetriebs. "Wenn sich die Situation nicht kurzfristig ändert, werden wir den Betrieb und damit jegliche Sanierungsbemühungen einstellen müssen.“

Leidtragende sind schon jetzt die Kunden, die am Telefon stundenlang in der Warteschleife hängen und die Passagiere in den endlosen Schlangen vor den Air-Berlin-Schaltern an den Flughäfen. Für den Flugbetrieb am Donnerstag hat Air Berlin eine PR-Offensive gestartet. Die Krankmeldungen flauen ab, Gesundmeldungen von Piloten träfen ein, hieß es am Mittwoch in einem Offenen Brief des Vorstands an die Cockpit-Besatzungen.

Doch die Zeit für Air Berlin läuft ab. Noch bis zum 15. September können Gebote für die einst zweitgrößte Fluggesellschaft abgegeben werden. Neben Lufthansa, Easyjet und Condor gehören auch mehrere Einzelpersonen zu dem Bieterkreis, die Air Berlin als Ganzes erhalten wollen. Doch die haben die Rechnung ohne die Kunden gemacht. Der Ruf der Marke ist längst ruiniert.

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