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Beim Klettern abgestürzt: Ralf Gantzhorn ist tot: Niemand vermittelte die Begeisterung für Berge so wie er

Er gehörte zu den besten Kletterern. Am Mittwoch verunglückte Ralf Gantzhorn beim Abseilen in den Schweizer Alpen. Ein Nachruf auf einen großen Bergsteiger, Fotografen und guten Freund.

Ralf Gantzhorn, Jahrgang 1964, war einer der profiliertesten Bergfotografen Deutschlands

Ralf Gantzhorn, Jahrgang 1964, war einer der profiliertesten Bergfotografen Deutschlands

Letzten Dienstag saßen wir noch auf dem Balkon. "Nein, nichts essen, nur was trinken. Ich komme gerade von der Zahnreinigung", sagte Ralf. Es war voll in den Vorbereitungen und den letzten Checks vor seiner Abreise in die Berge. Wie in jedem Sommer. Für mindestens drei Monate war Ralf dann weg. In seiner Welt oberhalb der Baumgrenze, auf Hütten, in Felswänden und auf messerscharfen Graten, irgendwo zwischen Dolomiten und Dauphiné in den Westalpen.

Gestern erreichte mich die Meldung aus der Schweiz, dass sich "ein Kletterunfall an der Cheselenflue oberhalb der Stöckalp ereignet" hat, wie die Obwaldner Kantonspolizei mitteilte. "Beim Abseilen einer Seilschaft ist ein 56-jähriger Kletterer am Mittwochnachmittag tödlich verunglückt. Ursache "dürfte nach erster Erkenntnis ein Handhabungsfehler beim Abseilen gewesen sein." Ein Materialfehler scheint nicht vorzuliegen.

"Das Wetter war wunderschön. Bergbauern haben einen Schrei gehört und die Bergwacht alarmiert", sagte mir Kantonspolizist am Telefon. Die Seilpartnerin konnte von der Schweizerischen Rettungsflugwacht Rega unverletzt aus der Wand geborgen werden.

Mein Anruf bei der Kantonspolizei bestätigt die traurige Tatsache: Bei dem tödlich Verletzten handelt es sich um Ralf Gantzhorn aus Hamburg, dem Geologen, Kletterer, Fotografen, Autor und Vortragsreisenden. Denn der Natur so nah verbundene Ralf war ein Multitalent auf vielerlei Ebenen.

Seine Begeisterung für die Berge hat er nie für sich behalten. Er konnte teilen, mitreißen in seinen Vorträgen, in seinen Büchern vom "Hüttentrekking in den Ostalpen", über Bildbände wie "Himmelsleitern", "Patagonien" und "Schottland" bis zu den unzähligen Reportagen in Magazinen wie "Alpin", "Geo", "Mare", "Outdoor" und immer wieder auch auf der Homepage des stern.

Monte Sarmiento: Die weiße Diva

Sich in Felswänden bis hinauf in den achten Schwierigkeitsgrad frei bewegen zu können, dabei zu fotografieren und anschließend die Abenteuer auch noch aufschreiben zu können, über diese Gabe verfügen nur wenige. Ralf war einer von ihnen. Als erster Norddeutscher stand er auf dem Gipfel des Cerro Fitzroy, einer der schwierigsten und markantesten Granitfelsen im argentinisch-chilenischen Grenzgebiet der Anden.

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Das Wetter spielte mit: Drei Extrembergsteiger kletterten erstmals über die Nordwand auf den Gipfel des Monte Sarmiento, einen der schwierigsten und isoliertesten Berge der Welt. Eine Expedition fernab jeglicher Zivilisation im sturmumtosten Feuerland.

Das Wetter spielte mit: Drei Extrembergsteiger kletterten erstmals über die Nordwand auf den Gipfel des Monte Sarmiento, einen der schwierigsten und isoliertesten Berge der Welt. Eine Expedition fernab jeglicher Zivilisation im sturmumtosten Feuerland.

Überhaupt Patagonien. Der Südzipfel Südamerikas war wie sein innerer Nordpol und Orientierungspunkt über drei Jahrzehnte. Insgesamt fünf Jahre hat er dort verbracht. Ob Diplomarbeit oder seine sieben Expeditionen mit jeweils wochenlangem Segeltörn zum Fuß des Monte Sarmiento, seinem Schicksalsberg.

Die ewig eisgepanzerte und sturmumtoste Pyramide im einsamen Westen Feuerlands nannte er "die weiße Diva", der er verfallen war. 2010 gelang ihm mit Robert Jasper und Jörn Heller die Besteigung des Westgipfels über die noch undurchstiegene Nordwand.

Gleichzeitig war er zerrissen von dem Konflikt zwischen Sehnsucht nach der Landschaft und dem Wissen um die Auswirkungen der klimaschädlichen Langstreckenflüge dorthin. Gerade in Patagonien hat er mit eigenen Augen sehen können, wie dort die Eisfelder noch schneller als in den Alpen abschmelzen.

In den letzten Jahren häuften sich die Auszeichnungen für seine Fotografien. Längst spielte er in der obersten Liga der Natur- und Bergfotografen weltweit mit. Zuletzt erhielt er gleich mehrere Preise in Asturien. Das Flugticket nach Nordspanien lehnte er als zu klimaschädlich ab und machte sich auf dem Landweg zur Preisverleihung auf.

Bei seinen Fotografien hatte er seine eigene Handschrift gefunden. Ihm gelang die Gratwanderung zwischen Aha-Effekt und Zeitlosigkeit, ohne die inszenierten Outdoor-Klischees einer Hipster-Generation zu bedienen. Zwar hat er auch einen Instagram-Account, aber nur ihm gelingen dort Panoramabilder mit quadratischen Fotos.

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Große Zinne: Nordwand  Im selben Jahr 1933 wurde von Emilio Comici nicht nur die "Gelbe Kante", sondern auch die Nordwand der Großen Zinne (2998 Meter) erstmals bezwungen. Die "Comici" gehört bis heute zu den ganz großen Klettertouren in den Alpen. Nirgendwo fühlt man sich so verloren wie in diesem vertikalen Ozean aus gelben Fels. Rechts im Bild die Westliche Zinne.

Große Zinne: Nordwand

Im selben Jahr 1933 wurde von Emilio Comici nicht nur die "Gelbe Kante", sondern auch die Nordwand der Großen Zinne (2998 Meter) erstmals bezwungen. Die "Comici" gehört bis heute zu den ganz großen Klettertouren in den Alpen. Nirgendwo fühlt man sich so verloren wie in diesem vertikalen Ozean aus gelben Fels. Rechts im Bild die Westliche Zinne.

Neben den Landschaftsbildern, die jeden in die Berge ziehen, sind es auch die Menschenbilder, von Seilgefährten, Partnern und Kindern, mit denen er in der Natur unterwegs war. Mit viel Sinn für Details und oft nicht ohne Witz.

Ralfs kreative Nervosität

Letzten Dienstag kam Ralf nach dem Klingeln sekundenschnell zu mir in den vierten Altbaustock hochgerannt. Für einen 56-Jährigen war er extrem durchtrainiert, von hagerer Gestalt und voller Energie und Pläne. Mit dabei stets ein Rucksack und eine kreative Nervosität, die nichts mit Hektik gemein hatte, eher mit ansteckender Inspiration.

Wir beugten uns über Landkarten der Schweiz, er kannte fast jeden See im Tessin und kommentierte: "Der hier ist türkis, da kannst du gut zelten. Dort besser nicht, ein scheußlicher Stausee."

Er konnte auch schimpfen und sich aufregen. Über misslungene Layouts. Wenn ein Bergmagazin für seine Geschichte eine schlechte Fotoauswahl getroffen hat. Dann schickte er mir die besseren Motive per E-Mail hinterher.

Auf dem Balkon sprachen wir nicht nur über Schneeverhältnisse, Trekks und Kletterrouten, auch über Politik, die neusten bissigen Meldungen in "Der Postillon" - und seine diesjährigen Sommerpläne. Ralf war Mitte Juni stets im Aufbruch. Es kribbelte unter seinen Fingerkuppen. Er wollte die Hände am Fels haben, die Griffe in Granit und Kalk ertasten.

Zuerst sollte es in die Schweiz gehen. Schon wenige Tage später hat es ihn auf einer Eingehtour erwischt. Die Klettertouren im Gebiet der Cheselenflue sind nicht länger als 300 Meter, aber alle im sechsten und siebten Schwierigkeitsgrad. Beim Abseilen nach der Route "Meteorit" muss es dann passiert sein, bei einem Vorgang, den er schon 1000 Mal gemacht hat. Was genau passierte, wissen wir nicht. Nach Aussage der Kantonspolizei nutzte die Seilschaft die Abseilpiste mit Fixseilen.

Die Bergsaison 2020 beginnt mit der Nachricht von Ralfs Tod, den ich noch gar nicht fassen kann. Sein Absturz hinterlässt eine große Lücke, besonders für seine Frau und seine drei Kinder. Auch für Kletterpartner und Partnerinnen, bei seinen Freunden, Kollegen und im Bücherregal, denn er hatte noch so viele Projekte und Neuausgaben in Arbeit. Er stand auf dem Höhepunkt der Anerkennung seines Schaffens und wurde mitten aus dem Leben gerissen. Ich vermisse ihn sehr.

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