VG-Wort Pixel

Gebeco-Chef Ury Steinweg Tourismus in Zeiten der Coronakrise: "Die Welt ist lahmgelegt"

Flugzeuge der Lufthansa sind auf dem weitläufigen Gelände des Frankfurter Flughafens abgestellt.
Flugzeuge der Lufthansa sind auf dem weitläufigen Gelände des Frankfurter Flughafens abgestellt.
© Frank Rumpenhorst / DPA
Ein Reiseveranstalter als Krisenmanager: Ury Steinweg ist Geschäftsführer von Gebeco in Kiel. Wir sprachen mit ihm über die fatalen Auswirkungen der Pandemie auf den Tourismus.

Herr Steinweg, wie haben Sie die Horror-Nachricht der weltweiten Reisewarnung des Auswärtigen Amtes aufgenommen?

Ury Steinweg: Um ehrlich zu sein: Es erleichtert uns die Situation. Durch das Aussprechen der Reisewarnung haben wir die rechtliche Grundlage, Reisen abzusagen.

Sie hatten aber bereits alle Abreisen bis zum 31. März gestoppt.

Ja, aber bis jetzt mussten wir hohe Rücktrittsgebühren bezahlen. Die Fluggesellschaften argumentierten, dass sie ja noch nach Italien oder Japan fliegen und keine Reisewarnung vorlag. Dass aber das touristische Programm vor Ort nicht durchführbar und das Risiko für die Teilnehmer unzumutbar war, interessierte die Airlines nicht. Jetzt kommen wir durch die ofizielle Reisewarnung aus den Verträgen raus.

Müssen Sie ihre Kunden, die unterwegs sind, zurückholen?

Längst sind die Rückflüge zum Problem geworden. Wir haben zum Beispiel momentan über 20 Personen in Peru. Aus dem Land gibt es keine Flugverbindung mehr nach Europa. Die Gruppe sitzt in einem Hotel fest. Wir versuchen alle nach Sao Paulo zu fliegen. Von dort gibt es noch Flüge nach Deutschland. Anders ist die Lage in Marokko: Alle Gäste konnten mit einem Flug der Condor verfrüht nach Hause fliegen.

Wollen alle Kunden ihre Reise abbrechen und zurück nach Deutschland?

Wir haben auch eine Gruppe in Neuseeland, die möchte den Heimflug gar nicht antreten. Die wollen länger bleiben und sich Camper vor Ort mieten. Das sind sehr positiv eingestellte Menschen, die auch älter sind und genügend Zeit haben.

Sie organisieren aber nicht nur Gruppenreisen, sondern auch Leistungen für Einzelreisende...

…. ja, wir haben jeden Tag Krisensitzung, gehen jeden Fall von Land zu Land durch. Wer hat ein Reisepaket gebucht, wer hat sich seinen Flug selbst organisiert? Jetzt macht sich sehr bezahlt, wer eine Pauschalreise und nicht Flug und Hotel getrennt über das Internet gebucht hat. Individualreisende sind eher aufgeschmissen. Nur zu einzelnen Zielen plant die Bundesregierung Sonderflüge.

Wie lange kümmert sich ein Veranstalter um seine Kunden, die festhängen?

Das Gesetz sieht vor, dass der Veranstalter bis zu drei Tage nach Ende der gebuchten Reise die Kosten übernimmt. Danach muss man gemeinsam nach einer Lösung suchen. Der Reisende wird dann auch mit in die Pflicht genommen.

Sie gehen im Juni nach mehr als 40 Jahren in der Branche in den Ruhestand. Wie unterscheidet sich die Krise von anderen?

Ich habe schon einige Krisen im Tourismus miterlebt, sei es Tschernobyl, 9/11, SARS oder die wirtschaftlichen Folgen der Lehmann-Brothers-Pleite. Das waren entweder konjunkturelle Ereignisse, von denen man wusste, dass sie zeitlich begrenzt sind. Oder es waren lokale Ereignisse, wodurch nur ein Zielgebiet vorübergehend ausfiel. So etwas wie jetzt gab es noch nie.

Es gab nur Orte oder einzelne Länder, wohin sie nicht mehr reisen durften...

… jetzt hat sich die Fragestellung umgedreht. Vor gut zwei Wochen habe ich noch eine Risikoanalyse gemacht und rein hypothetisch gefragt: Wo dürfen wir noch hin? Das war eigentlich ein unvorstellbares Szenario.

Und wie hat sich jetzt die Lage geändert?

Schon kurz darauf verhängten die ersten Länder Einreiseverbote. Die Frage lautet nicht mehr: Wo wollen wir noch rein, sondern wo können wir noch rein?

Wo können wir noch hinfahren?

Ich wohne in einem Vorort in Kiel, da darf ich noch hin. Aber nicht mehr nach Sylt oder nach Norderney. Die Grenzen nach Dänemark sind dicht. Die Welt ist lahmgelegt.

Fürchten Sie Insolvenzen von Hotels und Airlines?

Die Situation ist existenzbedrohend für den Tourismus. Angefangen bei Reiseleitern, die von heute auf morgen auf der Straße stehen. In Ägypten, Fiji oder Neuseeland gibt es kein Instrumentarium wie Kurzarbeitergeld und Staatshilfen wie bei uns. Bis hin zu den Fluggesellschaften, die Verluste in Milliardenhöhe machen. Viele Firmen müssen laufende Kredite bedienen, ohne dass sie den geplanten Umsatz machen. Wir stehen finanziell gut da, könnten eine längere Durststrecke überstehen, aber auch keine zwei Jahre ohne jeglichen Umsatz.

Zeit ist ebenfalls ein unsicherer Faktor.

Keiner weiß, wie lange der Effekt der Krankheit sein wird, wie die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Konsequenzen sein werden. Wenn man davon ausgeht, dass die momentane Situation noch ein bis zwei Monate anhält, wird es enorme Auswirkungen auf das Buchungsverhalten bis zur nächsten Wintersaison geben. Alles andere darüber hinaus wäre ein Blick in die Glaskugel.

Wie blicken Sie in die Zukunft?

Das große Problem, was nicht thematisiert wird, sind die konjunkturellen Auswirkungen. Uns geht enorme Kaufkraft verloren. Haben die Leute in der Zukunft noch das Geld zu verreisen? Und wie steht es um den psychischen Effekt: Habe ich überhaupt noch Lust zu verreisen?

Interview: Till Bartels

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker