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Tourismus auf den Balearen Corona-Ärger am Ballermann - es geht auch um die Zukunft Mallorcas

Sehen Sie im Video: Mallorca schließt "Ballermann" – Touristen reagieren mit Unverständnis.




Das war's schon wieder mit der Feierfreiheit auf Mallorca. Die Regionalregierung hat die Schließung dreier beliebter Party-Meilen angeordnet. Damit soll verhindert werden, dass betrunkene und damit leichtsinnig gewordene Touristen einander mit dem Coronavirus anstecken. Zuvor war Videomaterial aufgetaucht, das deutsche und britische Touristen beim Feiern ohne Gesichtsmasken und Abstand zeigte. In einem Fall war jemand zu sehen, der auf einem parkenden Auto herumsprang. Mallorca ohne Party? Julia und Anne aus Hamburg sind derzeit in Palma unterwegs: "Wir waren gestern auch schon hier und eigentlich war da eh fast gar nichts los und man ist gar nicht so vielen Menschen begegnet. Wir können es schon irgendwie verstehen, aber eigentlich ist es eher unnötig." "Es ist echt schade auch. Wenn man hierher kommt, eigentlich, ich find, es halten ich schon viele Menschen an die Regeln." Doch da waren die spanischen Behörden anderer Meinung. Und auch in Deutschland sorgt man sich. Gesundheitsminister Jens Spahn hatte am Montag vor einer zweiten Welle und vor Leichtsinn im Urlaub gewarnt. Denn Touristen kommen nach den Ferien ja zurück in die Heimat - möglicherweise mit dem Coronavirus im Gepäck.
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Nur ein Wochenende währte die zügellose Freiheit: Durch das Verhalten einiger Sauftouristen mussten die Behörden die Notbremse ziehen und die Lokale am Ballermann zwangsschließen. Leidtragende sind auch alle anderen Urlauber.

Es gibt ein spanisches Sprichwort, das da lautet: "Pagan justos por pecadores" - die Rechtschaffenden zahlen für die Sünder. So geschehen auf Mallorca. Denn in den Lokalen der gerade bei Deutschen beliebten "Bier-" und "Schinkenstraße" an der Platja de Palma wurde vor wenigen Tagen dermaßen hemmungs- und kopflos - das heißt ohne Maske und Sicherheitsabstand - gefeiert, dass in der Partystraße gleich wieder Schluss ist.

Kaum waren sie eröffnet, sind sie schon wieder dicht. Für zunächst zwei Monate werden die Partymeilen in Ballermann-Nähe und in Puerto Ballena, der Briten-Hochburg Magaluf westlich von Palma, trockengelegt.

Mallorca soll kein zweites Ischgl werden

Ab sofort herrscht wieder Maskenzwang – inselweit. Auch friedliche Urlauber am Pool in den Pauschalhotels zwischen Andratx im Westen und Cala Millor im Inselosten spüren die Auswirkungen. Erst recht beim Rückflug, wenn sie am Flughafen Palma in der Check-in-Schlange stehen oder neben eventuell infizierten "Ballermännern" im Flugzeug sitzen.

Beamte der Guardia Civil stehen Wache auf Mallorca: Die wilden Partys Hunderter Touristen ohne Schutzmaske und Sicherheitsabstand haben ein einschneidendes Nachspiel. Erstmals werden mitten im Sommer alle Vergnügungslokale im Herzstück des Ballermanns geschlossen.
Beamte der Guardia Civil stehen Wache auf Mallorca: Die wilden Partys Hunderter Touristen ohne Schutzmaske und Sicherheitsabstand haben ein einschneidendes Nachspiel. Erstmals werden mitten im Sommer alle Vergnügungslokale im Herzstück des Ballermanns geschlossen.
© Francisco Ubilla/AP / DPA

Iago Negueruela, der Tourismusminister der Balearen, fand drastische Worte: "Wir wollen diese asozialen Touristen hier nicht haben. Sie sollen nicht kommen." Man dürfe nicht zulassen, "dass einige wenige dem Image der Inseln Schaden zufügen" und die Erfolge der Balearen im Kampf gegen die Pandemie aufs Spiel setzten.

Doch kennen die Verantwortlichen ihre Klientel nicht richtig? Wer wochenlang um die Rückkehr der Urlauber buhlt, weil angeblich 200.000 Arbeitsplätze auf den Balearen auf dem Spiel stehen, muss sich über das Verhalten einiger treuer Stammgäste am Ballermann und in Magaluf nicht wundern. Bekanntlich fallen dort alle Hemmungen, auch schon am späten Vormittag.

Zwei Dinge passen eben nicht zusammen: schneller Alkoholkonsum und ein Mund-Nase-Schutz. Allenfalls kann man ein Loch in die Maske für den Strohhalm stanzen, um sich so bequemer die Sangria-Flüssigkeit einzuflößen. Aber bekanntlich ist das Sangria-aus-Eimern-Saufen seit einiger Zeit am Ballermann untersagt.

Zurück zur alten Normalität

Noch Mitte Juni funktionierte mit den ersten Feriengästen aus Deutschland der Feldversuch unter Corona-Bedingungen. Zum Neustart der Sommersaison hielten sich die wenigen Test-Urlauber an die Abstandregeln.

Doch Mallorca setzt nicht auf Individualtourismus, sondern weiterhin auf Volumentourismus. Die Masse macht bekanntlich die Marge. Und das Hygienekonzept in den Amüsiermeilen ist am Wochenende gründlich in die Hose gegangen. Da wäre Selbstkritik auf beiden Seiten angebracht: bei den Betrieben und den Feiernden. Die verkennen die Covid-19-Realität, sind resistent gegenüber der neuen Normalität mit Maske und trinken sich zurück in die alte Normalität - so wie jeden Sommer.

Zwar gehören "Bier-" und "Schinkenstraße" zur DNA von Mallorca. Aber das Gute an der Insel ist ihre Vielseitigkeit. Ob Feiern am Strand, Fahrradfahren in der Serra de Tramuntana oder Finca-Ferien mit der Familie auf dem Lande, hier kann jeder nach seiner Façon im Urlaub glücklich werden.

Die Tourismus-Verantwortlichen auf den Balearen haben es in der Hand und müssen sich entscheiden, welchen Urlaubsformen sie auf ihren Inseln eine Zukunft geben. Sich über die "falschen" Gäste zu beschweren reicht da nicht. Die Einheimischen stecken alle in dem Dilemma, wie es kürzlich auf der fast von Touristen leeren Nachbarinsel Menorca der Journalist Martí Estruch Axmacher in VilaWeb.cat ausdrückte: "Entweder sterben wir an Hunger, weil wir keine Arbeit mehr haben - oder an Corona."

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