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Unbekanntes Montenegro: Zwischen Balkanbeat und Abgeschiedenheit

Der Plan: für eine Woche in den Süden, in die Wärme - ans Meer und in die Berge. Aber nicht wieder nach Mallorca oder Malta. Wie wäre es mit Montenegro? Unser Autor hat mediterranes Neuland entdeckt - und nicht viel Geld ausgegeben.

Von Kai Müller

Reiseziel Montenegro: Badebuchten, Berge und Meer
Zum Unesco-Weltkulturerbe gehört die Bucht von Kotor. Dieser Stolz aller Montenegriner zeigt sich gleich bei Ankunft auf dem Wasserweg - von Italien aus verkehren Fähren    Zum Fotografen-Portfolio von philippk

Zum Unesco-Weltkulturerbe gehört die Bucht von Kotor. Dieser Stolz aller Montenegriner zeigt sich gleich bei Ankunft auf dem Wasserweg - von Italien aus verkehren Fähren

Zum Fotografen-Portfolio von philippk

Wir wagen den Flirt mit einem unbekannten Flecken Erde am Ostufer der Adria. Nach dem Umsteigen in Belgrad landet das Propellerflugzeug nach einer halben Stunde in Tivat, am Ufer des größten Mittelmeerfjords. Uns empfangen kilometerlange Strände und riesige in Wolken getauchte Berge vor dem tiefblauen Meer. Bis 1918 gehörte die Region zu Österreich-Ungarn, dann zum neu gegründeten Jugoslawien und jetzt zu dem seit 2006 unabhängigen Montenegro. Der Name des kleinen Balkanstaates, der noch etwas kleiner als Schleswig-Holstein ist, kommt vom Venetischen "montagna negra", dem schwarzen Berg.

Über 28 Kilometer zieht sich die Bucht von Kotor tief ins Landesinnere. Weit und breit stört keine Bettenburg den Blick, als wir die Hafenpromenade von Kotor entlangschlendern. Viele der alten Patrizierpaläste in den engen Gassen gehören zum Weltkulturerbe der Unesco. In einer der Tavernen gibt es den ersten Rakija, einen landestypischen Obstler. Im Rücken leuchten die Felsen in der Abendsonne golden. Sind wir etwa in Gibraltar oder Capri? Ja und nein. Denn das Publikum ist anders: Es fehlt der Easyjetset. Man hört Serbisch, Russisch und Albanisch. Wanderer und Familien tummeln sich. An der 73 Kilometer langen Küste Montenegros urlauben Moskau, Sofia und nun auch wir.

Mit dem Euro zahlen

Eine weitere Besonderheit Montenegros ist das Zahlungsmittel: Obwohl das Land nicht zur Europäischen Währungsunion gehört, gilt der Euro als Landeswährung. Denn für ein kleines Land mit nur 670.000 Einwohnern lohnt sich nicht die Prägung eigener Münzen - ähnlich wie zum Beispiel in Andorra, dem Zwergstaat in den Pyrenäen. In Montenegro gibt es für wenig Geld viel Gegenwert, auch beim Essengehen. Im Gegensatz zu Italien oder Kroatien kostet ein Drei-Gänge-Menü im Restaurant selten mehr als zehn Euro. Ein Doppelzimmer der mittleren Preisklasse schlägt mit 30 Euro zu Buche.

Abends wird es Zeit für Balkanbeat. Im benachbarten Budva sind Tanz, Trunk und Trubel am Adria-Ufer fast ganzjährig zu erleben. Wer vom Rummel flüchten möchte, kann auf die weiter südlich gelegene Insel Sveti Stefan fahren, die über einen Damm mit dem Festland verbunden ist. Das heutige Aman Resort entstand aus dem einstigen Königswohnsitz, dessen Gästebuch Einträge von Tito bis Sophia Loren führt. Aber der längste, leerste und lohnenswerteste Adriastrand startet noch weiter südlich in Ulcinj, dicht an der Grenze zu Albanien. Auf etwa 20 Kilometern erstreckt sich feinster Sand. Der touristische Entwicklungsplan des Landes setzt auf eine ungewöhnliche Mischung aus Exklusivität und Nachhaltigkeit und markiert den Unterschied zum Nachbarn Kroatien, der eher auf Masse setzt.

Schluchten und Gipfel in den Naturparks

Ortwechsel in Richtung Berge zum Lovcen-Nationalpark, dem Revier der Wanderer. Wir hören auf dem Weg zum Krstac-Pass Schlangenzischen und Wolfslaute aus dem Unterholz. Nach dreistündigem Aufstieg können wir uns auf dem tausend Meter hohen Pass nicht sattsehen: Wir blicken auf die Adria, den Balkan und bis nach Bari hinüber. Hier im Lovcen-Nationalpark lässt sich erahnen, was die Regierung zu bewahren sucht, als sie 1991 Umwelt- und Naturschutz zum Staatsziel erhob und in der Verfassung festschrieb.

Am Fuße des Lovcen liegt Cetinje. Die alte Hauptstadt beherbergt das historische Diplomatenviertel. In den Gebäuden leben die montenegrinische Geistlichkeit und Glanz und Gloria des ehemaligen Königreichs wieder auf. Richtung Süden erstreckt sich der fast 50 Kilometer lange Skutarisee, der größte See der Balkanhalbinsel. Hier schwimmen Pelikane im Wasser, gibt es Gelegenheiten zum Angeln und Schwimmen, zur Vogelbeobachtung und zum Müßiggang. Nur die Grenzpatrouillen sollten beachtet werden, denn ein Drittel des Sees gehört bereits zu Albanien.

Kontraste in der Hauptstadt

Enttäuscht hat uns die Hauptstadt Podgorica. Wir hatten eine quirlige Metropole erwartet, eine Art Belgrad oder Sarajevo, doch wir bekommen: Hoyerswerda. Selten ist ein politisches Zentrum derart gegensätzlich und kulturell bedeutungslos, und so flüchten wir wieder in die Berge. Das Tara-Gebirge im Norden eignet sich für Wildwasser-Rafting und Touren entlang der größten Schlucht Europas: An der tiefsten Stelle der Tara-Schlucht ragen die Felswände 1300 Meter in die Höhe.

Zuletzt der Höhepunkt: die Zugfahrt Richtung Belgrad. Die in den Gebirgsfels sprengte und erst 1976 eröffnete Eisenbahnstrecke von der Stadt Bar nach Belgrad gehört zu den spektakulärsten Gebirgsbahnen Europas. Neben den zahlreichen Tunneln windet sich die eingleisige Trasse über Brücken durchs Gebirge und über das Mala-Rijeka-Viadukt, das mit seinen 198 Metern Höhe über der Schlucht die höchste Eisenbahnbrücke der Welt ist. Und wir stellen staunend fest: Dieses kleine Land vereinigt Adria mit Abgeschiedenheit, ohne in Beton und Frottee zu ersticken.

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