Fake-Reisetipps von der KI
Mit dem Nordlichtzug durch Norwegen? Vergessen Sie's – es gibt ihn nicht!

Polarlicht Zug Norwegen Fake
Nur eines von vielen KI-Bildern des angeblichen norwegischen Polarlichtzugs. Das Motiv poppt so oder so ähnlich immer wieder auf Social Media auf  
© Screenshot/Instrgram / stern

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Im Polarlichtzug ans Nordkap, spektakuläre Bergbahn in Malaysia, Canyon auf 4000 Meter Höhe in Peru: KI-Fakes fluten Insta und Co. und machen die Reiseplanung zum Glücksspiel.

Polarlichter! Einmal dieses Himmelsspektakel in voller Pracht sehen – arktische Natur, bunte Schleier ausgebreitet über den gesamten Horizont. In diesem Jahr leuchtet die Aurora Borealis besonders intensiv am Nordkap, am Rande Norwegens, so raunen verheißungsvoll Instagram und Tiktok. Noch besser: Dort soll sogar ein Zug durch die Nacht gleiten mit großzügigem Panoramadach – und garantiertem Superblick auf die Nordlichter.

Seit Monaten ploppen Posts für den „panoramischen Nachtzug“ in den sozialen Medien auf – pünktlich zum Polarlicht-Highlight-Jahr 2026 und bei entsprechend großem Interesse. „Die Waggons haben Glasdächer und -wände. Die Fahrt findet in der Hochsaison der geomagnetischen Aktivität statt“, verkünden Hochglanzbilder nicht nur etwas sperrig, sondern leider auch: fälschlich.

Es fährt kein Polarlichtzug nach Nord-Norwegen

Denn dieser Zug existiert nicht. Genauer gesagt nur als KI-generiertes Bild in gar nicht einmal so exzellenter Qualität. Abertausende von Nutzern liken die Info dennoch. Die Vorstellung ist auch einfach zu verlockend: sanft herumchauffiert werden in einem luxuriösen Abteil eines gläsernen Zuges in einer norwegisch verschneiten Polarlichtnacht. 

„Wenn etwas zu spektakulär ist oder zu schön, um wahr zu sein, dann sollte man hellhörig werden – vor allem, wenn es nirgendwo sonst auftaucht“, sagt die Politikwissenschaftlerin Maria Pawelec, die an der Tübinger Uni zu KI-Werbung und Deepfakes forscht. 

Eigentlich sollte es nicht weiter wild sein, wenn jemand eine hübsche Idee mithilfe von künstlicher Intelligenz erstellt und über Social Media verbreitet. Problematisch ist aber, dass oft der Eindruck entsteht, es handele sich um eine existierende, womöglich sogar buchbare Attraktion. 

Wohin solche viralen Erfindungen führen können, musste 2025 ein malaysisches Rentnerpaar erfahren, das durchs halbe Land an die Grenze zu Thailand gereist war, um eine spektakuläre Seilbahn namens „Kuak Skyride“ zu besuchen. Doch auch diese Sehenswürdigkeit gibt es nicht, wie die beiden nach ihrer Ankunft erstaunt feststellen mussten.

Aufmerksam geworden seien sie auf die vermeintliche Attraktion durch einen Videoclip auf der Plattform „Threads“, berichteten sie später. Darin stellt eine Reporterin die Seilbahn vor. Aber: alles KI, alles fake.

Tipps von Expertin Pawelec: So erkennen Sie KI-generierte Inhalte

  • Luxushotelzimmer in mittelalterlichen Burgen mit Blick aufs Meer? Fotos von Babygiraffen mit herzförmigen Flecken? Grundsätzlich gilt: Wenn etwas zu schön oder äußerst attraktiv wirkt, ist das ein Grund zur Skepsis.
  • Was angesichts der ständig zunehmenden Qualität kaum noch funktioniert: Nach Bild- oder Perspektivfehlern Ausschau halten. Artefakte kommen zwar vor, sind aber selten.
  • Schauen Sie sich Account und Absender an. Manche verraten schon im Namen, dass es sich bei den Videos und Bildern um reine KI-Fantasie handelt – etwa „What is real?“ oder „What if real.
  • Manchmal kennzeichnen die Social-Media-Plattformen KI-Inhalte als solche.
  • Ein Hinweis auf Fakes ist auch, wenn Posts massenhaft aus dem Nichts auftauchen. Oder der Account täglich große Mengen an Beiträgen raushaut.
  • Aufwändig, aber möglich: Prüfen Sie die Motive mit Deepfake-Detektoren. Allerdings sind gute Detektoren oft nicht öffentlich zugänglich, damit sie nicht für die verbesserte Erstellung von KI-Inhalten missbraucht werden.
  • Um möglichst sicher zu gehen, hilft klassische Medienkompetenz: Wie vertrauenswürdig ist die Quelle? Recherchieren Sie, ob auch offizielle Webseiten, Blogs oder Reiseführer berichten. Existieren die Motive auch aus anderer Perspektive, was ergibt die Bilderrückwärtssuche?
  • Vorsicht bei Reklame mit Prominenten. Wenn ein Elon Musk für Krypto-Investitionen wirbt oder ein Eckart von Hirschhausen für Gesundheitsprodukte, besteht die Gefahr, dass es sich um Deepfakes handelt.
  • Wenn Sie mit KI ihre Reise planen, seien Sie vorsichtig. Manche Chatbots denken sich Ziele, Attraktionen und Verkehrsverbindungen aus oder beziehen ihre Informationen wiederum aus Fake-Werbungen. Checken Sie die Infos gegen.

„Die Frage ist: Um was handelt es sich hier eigentlich? Werbung im klassischen Sinne ist es eher nicht, denn es wird kein existierendes Produkt beworben. Ist es Clickbaiting? Oder vielleicht schon versuchter Betrug?“, fragt Pawelec. Sicher aber sei, dass die Qualität künstlicher Inhalte extrem realitätsnah geworden sei, so gut, dass sie viele Leute eben täusche, sagt die Forscherin. „Das passiert schnell, wenn man abends auf dem Sofa durch den eigenen Feed scrollt.“

Fake-Bilder spielen mit realen Attraktionen

Das Perfide sowohl am norwegischen Panoramazug als auch an der malaysischen Seilbahn ist, dass sie an existierende oder geplante Attraktionen erinnern. So startet in Norwegen im Herbst dieses Jahres der „Norient-Express“, ein Luxuszug, der sechs Tage lang sowohl berühmte Spots als auch Abschnitte der Bergen- und Dovrebahn passiert. Malaysia wiederum ist für seine spektakulären Bergbahnen bekannt.

Doch nicht nur KI-generierte Fakes, auch Chatbots können die Reiseplanung gefährden: Ein Fünftel aller Deutschen nutzt die Dialogprogramme, aber manche ihrer Ausflugstipps entpuppen sich als riskante Erfindungen. Wie ein Trip in den peruanischen Anden zum „Heiligen Canyon von Humantay“. ChatGPT hatte den nicht existierenden Ort auf 4000 Meter Höhe fantasiert, eine Lage, in der der Sauerstoff knapp wird und es keinen Mobilfunkempfang gibt. Als vergangenes Jahr Touristen lokale Scouts baten, ihnen bei der Anreise zu helfen, konnten diese sie noch vor der lebensgefährlichen Fehlinformation warnen.

Falscher Alarm – diese "Raubtiersichtungen" waren nur Fakes und Pannen
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© n-tv.de

In Japan ist die Reisebloggerin Dana Yao auf dem Berg Mison gestrandet, weil die KI ihr und ihrem Partner empfohlen hatte, eine Wanderung in den Sonnenuntergang erst am Nachmittag zu beginnen. Nur anderthalb Stunden, bevor die letzte Bahn sie hätte zurückbringen können.

Das Phänomen, dass künstliche Intelligenz halluziniert, sprich Inhalte erfindet, ist nicht neu. Nur: Je mehr sich Chatbots und andere Anwendungen verbreiten, desto problematischer können ihre mächtigen Fähigkeiten werden. So gehen vermeintlich harmlose KI-Bilder wie die des norwegischen Panoramazuges eine unheilige Allianz mit den wissbegierigen Chatbots ein. 

Die Dialogprogramme nutzen die geschönten Bilder und KI-generierten Inhalte als Wissensquelle, verbreiten sie mit jeder Anfrage weiter und schaffen dadurch sich selbst reproduzierende Kunstwelten.

In gewisser Weise fallen die Maschinen dabei auf ihre eigenen Fakes herein und damit auf eine Realität, die es so nicht gibt. „Und dann reisen die Leute gezielt zu solchen Destinationen und sind wahnsinnig enttäuscht, weil der Strand nicht annähernd so toll ist oder weil es die Sehenswürdigkeit gar nicht gibt“, sagt Pawelec.

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Was also tun? Jeden einzelnen Post zu prüfen, der auf Instagram erscheint, mag zu aufwendig sein. Aber, so Maria Pawelec, zumindest vorsichtig sollte man sein, wenn man KI und Chatbot-Infos zur Grundlage seiner Reiseplanung nutzt. „Influencer:innen wählen ihre Bildausschnitte gezielt so, als wären sie allein am Strand. Könnte man herauszoomen, sähe man da oft hunderte weitere Menschen“, warnt die Wissenschaftlerin. Es sei so, dass man die Social-Media-Wahrheit „leider in Anführungsstrichen denken“ müsse.

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