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EM-Stadt Danzig: Zum Sommermärchen an Polens Ostseeküste

Danzig ist einer der wichtigen Austragungsorte der Fußball Europameisterschaft 2012. In der Nähe der ehemaligen Hansestadt bezieht die Deutsche Elf Quartier. stern.de gibt Reisetipps.

Von Kai Müller

Wenn im Juni Zehntausende von Fußballfans zu den EM-Spielen nach Danzig reisen, kann der Besuch eine spannende Entdeckung werden. Die in ihrer tausendjährigen Geschichte an Siegen und Niederlagen reiche Stadt bildet mit Gdingen und Sopot eine Metropolregion mit insgesamt 750.000 Einwohnern. Die Dreistadt, wie die Region wegen der Verflechtung der Stadtgebiete bezeichnet wird, steht für das das kulturelle Zentrum an Polens Ostseeküste.

Die Vorrunde

Einst hinterließen Ostgermanen, Goten, Wikinger, Slawen, Balten und Preußen in der Stadt an der Ostsee ihre Spuren. Erst durch den Versailler Vertrag erhielt Danzig den Status einer freien Stadt. Im Zweiten Weltkrieg wurden weite Teile der historischen Bebauung zerstört. Danach drückte der Sozialismus der Stadt auch architektonisch seinen Stempel auf, in Form großer Trabantenstädte und monumentaler Heldenverehrung.

Gleichzeitig wurden die Kriegsschäden wichtiger Baudenkmäler behoben und die historischen Kerne restauriert. Schließlich läutete der Kampf der Danziger Hafenarbeiter aus der Gewerkschaft Solidarność das Ende des Kalten Krieges ein.

Anpfiff

Die Stadtbesichtigung beginnt an der Ostseeküste in Gdingen, wo die Fährschiffe anlegen. Entlang der Uferpromenade gibt es zahlreiche Museen, Segelschiffe aus mehreren Epochen und historische Artilleriestellungen, die Teils gut versteckt entlang des Kliffs entstanden. Weiter geht's nach Sopot auf die malerische Seebrücke mit Blick auf Grand Hotel mit dem mondänen Flair am weitläufigen Strand und den lebhaften Clubs rund um Monte Cassino.

Danzig selbst, die Stadt an der Mottlau, bietet an fast jeder Ecke eine Sehenswürdigkeit: Krantor, Neptunbrunnen, Werft und Frauengasse zählen spätestens seit Günter Grass' Roman "Die Blechtrommel" zu den bekanntesten. Doch auch alle vom Mottlauufer fußläufig erreichbaren Attraktionen wie Zeughaus, Marienkirche oder das Rechtstädter Rathaus zählen zu den Favoriten.

Die Quartiere

Das Quartier der deutschen Nationalmannschaft befindet sich im Fünf-Sterne-Hotel "Olivenhof" am Rande Danzigs. Deutlich zentraler wohnt man als Dreistadtbesucher jedoch in Sopot. Hier beispielsweise im noblen Sheraton, im eleganten Rezydent oder einfacher in einem der zahlreichen Appartements. Letzte lassen sich über Webortale wie www.all-gdansk-apartments.eu oder www.apartament-gdansk.pl buchen.

Nach Angaben des Polnischen Fremdenverkehrsamtes stehen in Danzig und den benachbarten Urlaubsorten an der Ostseeküste 200.000 Gästebetten zur Verfügung.

Die Spielwiesen und die Fanzone

Austragungsort der EM ist in Danzig die PGE-Arena, benannt nach einem polnischen Energieunternehmen. Das bereits im Sommer 2011 fertiggestellte Stadion, das wie ein funkelnder Bernstein aussieht, liegt außerhalb der Innenstadt, fasst 44.000 Besucher und ist ab Sommer 2012 direkt per S-Bahn ab dem Danziger Hauptbahnhof zu erreichen. Die Fahrt dorthin vom internationalen Flughafen "Lech Walesa", benannt nach dem bekanntesten Vertreter der Solidarność, dauert etwa 20 Minuten.

Die offizielle Fanzone zwischen dem 7. Juni und 1. Juli 2012 befindet sich am Plac Zebran Ludowwych in der Nähe des Hauptbahnhofs. Der Eintritt ist bis auf wenige Ausnahmen zu besonderen Veranstaltungen kostenlos.

Viele Grün gibt es nicht nur auf dem Rasen der Gdansk Arena, so der polnische Name für das Fuballstadion. Die Hafenstadt verfügt auch über einige Parks: In der Parkanlage Danzig-Oliwa tritt ein wilder englischer Garten gegen den eher symmetrieverliebten französischen an. Die malerische Brunnenlandschaft an Gdingens Kosciuszko-Platz vereint Ostblockcharme mit hanseatischem Flair.

Ein Muss für Dreistadtgäste ist die Besichtigung des Werftarbeiterdenkmals in Danzig. Das angrenzende Museum macht die Zustände vor und während der revolutionären Jahre hautnah erfahrbar. Angst, Schrecken, Gewalt und die drohende Niederschlagung der Bewegung sind neben den Erfolgen des Gewerkschaftskampfes beeindruckend dokumentiert.

Nachspielzeit am späten Abend

Am Ende eines langen Tages treffen sich Sportfreunde wie Touristen in einem der zahlreichen Restaurants und Bars zur Nachbesprechung. Die Ente à la "Brovarnia" lässt sich im gleichnamigen Danziger Restaurant (ul. Szafarnia 9) probieren und mit einem Besuch der hauseigenen Brauerei abrunden. "Pierogi", gefüllte Teigtaschen, sind traditioneller Bestandteil polnischer Küche und schmecken hervorragend im "Pierogarnia u dzika" (Piwna 59/60).

Beim Fastfood muss das Eckige ins Runde: "Zapiekanka" heißt die lattenförmige Mahlzeit, meist mit Käse, Schinken und Ketchup in Weißbrot kredenzt, die als gute Grundlage für eine mögliche Verlängerung des Abends dient.

Freudentänze werden anschließend zu Retrorhythmen im "Yesterday" (Piwna 50/51) in Danzig oder im versteckten "Klubo Kawiarnia" in Gdingen (Murat Paszy 19) vollführt. Falls man die Türsteher passiert, lässt es sich auch in Sopots "Spatif" (Monte Cassino 54) angenehm feiern. Wer dagegen in ruhiger Atmosphäre zu Pianoklängen einen Absacker genießen möchte, passt zum "Cotton Club" in Danzig (Złotników 25) oder besucht Gdingens "Bohema Jazz" (Waszyngtona 21). Da am späten Abend weder Fußball noch die Ergebnisse eine Rolle spielen, darf sich jeder als Gewinner betrachten, der bereit ist, auf diesen Geheimtipp zu setzen.

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