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Italienische Esskultur: Bolognas neueste Attraktion: Im Food-Disneyland des guten Geschmacks

Wer das unverfälschte Italien sucht, ist in der ältesten Universitätsstadt Europas bestens aufgehoben. Nicht nur im Food-Themenpark "Fico" sind Lebensgefühl und Lebensmittel untrennbar miteinander verflochten. 

Von Jochen Siemens

Altstadt mit Arkaden:  Bolognas Piazza Maggiore mit dem Palazzo d’Accursio und der Basilika San Petronio.

Altstadt mit Arkaden:  Bolognas Piazza Maggiore mit dem Palazzo d’Accursio und der Basilika San Petronio.

Getty Images

Eines müssen wir vorausschicken, selbst wenn es ein wenig belehrend klingt: Man kann in Bologna nirgendwo "Spaghetti Bolognese" bestellen. In ganz Italien nicht; wer es aber in Bologna versucht, hat keine zweite Chance: Nichts beleidigt die Bologneser und ihre schöne Stadt mehr, als nur der Name einer Nudelsauce zu sein. "Spaghetti Bolo" können sich nur Banausen nördlich der Alpen ausgedacht haben.

Die Tortellini dagegen kommen wirklich aus Bologna, oder besser aus der Provinz Emilia-Romagna, deren Hauptstadt Bologna ist. Und die deshalb auch "la grassa", "die Fette", genannt wird. Dass die Tortellini- Form dem Bauchnabel der Venus nachempfunden wurde, ist eine Sage, die die Sinnlichkeiten auf das Schönste vermählt. Bologna, eine kulinarische Schatzkammer mit den längsten überdachten Fußwegen der Welt, wird dennoch von vielen Reisenden nur gestreift, weil sie meinen, Italien sei Florenz, Venedig und Rom.

Der Food-Themenpark von Bologna

Damit sich das ändert, hat ein Mann mit dem Namen Oscar Farinetti nun etwas auf die Beine gestellt, das "Fico" heißt und einzigartig ist in der Welt: den größten Themenpark zum Thema Essen, ein Schlemmer-Disney, in dem man sich nun aber nicht nur vollfuttert, sondern eine Menge lernen kann. Und soll. "Italien", sagt Farinetti, "ist das artenreichste und fruchtbarste Land Europas. Die Erde, das Klima, das Meer, besser als hier kommt das nirgendwo zusammen."

Der größte Themenpark zum Thema Essen: Die Fabbrica Italiana Contadina (Fico) steht in Bologna.

Der größte Themenpark zum Thema Essen: Die Fabbrica Italiana Contadina (Fico) steht in Bologna.

AFP

Wenn auch die Italiener es selten fertigbringen, eine funktionierende Regierung zu wählen – es mal mit rechten, mal mit linken Clowns probieren –, so sind sie beim Essen doch sehr entschiedene Patrioten. Egal, was, Hauptsache, vom Besten, Hauptsache, aus Italien.

Und deshalb heißt die Nudelsauce, die bei Fico von einer Manufaktur hergestellt wird, ja auch "Ragù" und nicht anders. Und genau durch dieses kulinarische Selbstbewusstsein spaziert man in den endlosen Hallen, die im November 2017 eröffneten und in diesem Jahr vier Millionen Besucher haben werden, erwartet Farinetti. Fico ist eine Abkürzung für "Fabbrica Italiana Contadina", Lebensmittel aus bäuerlicher Herstellung.

Der Themenpark liegt ein wenig außerhalb, man kommt vom Hauptbahnhof Bologna alle 30 Minuten mit einem Shuttle dorthin und steht dann vor einem zehn Hektar großen Hallenkomplex, alles noch neu, der Eintritt ist frei und gleich am Eingang die erste Lektion: In einem riesigen Regal sind tausend Äpfel aufgereiht, die man bitte nicht mitnehmen, sondern lernen soll, dass es in Europa 1200 Apfelsorten gibt – 1000 davon kommen aus Italien. Behaupten die Macher von Fico einfach mal.

Mortadella und Multimedia-Pavillons

Und es geht gleich so weiter, "mangia e impara" könnte man es überschreiben, "iss und lerne". Erste Station nach dem Eingang: Mortadella, diese baumstammdicke Fleischwurst mit Fettwürfeln, denkt der Banause und würde den Mortadella-Meister hier beleidigen. Denn der erklärt jede Zutat an seiner Wurstmaschine genau: welches Schweinefleisch, welcher Speck, wie viel und welches Salz. Die Masse von oben in den Darm füllen – so, dass die Speckstücke sich gleichmäßig verteilen – und dann in einem Glasschrank bei 80 Grad Heißluft brühen.

In der Pizza-Werktstatt von Bolognas Lebensmittelpark Fico

In der Pizza-Werktstatt von Bolognas Lebensmittelpark Fico

AFP

Gleich daneben einer von sechs didaktischen Multimedia-Pavillons, Thema: der Mensch und das Feuer, denn ohne Feuer kein Kochen. Schautafeln und Kurzfilme, manche etwas zu künstlerisch überdreht, aber egal, wieder was gelernt. Und weiter.

Man kann gleich am Anfang auch ein türkisfarbenes Fahrrad besteigen, weiterradeln, irgendwo abstellen und einen Kurs im Pizzateig-Kneten machen, dauert eine Stunde, und wieder lernt man: Der Teig sollte einen Tag gehen – einen Tag! – und der Ofen mindestens 380 Grad haben, dann wird's auch mit der dünnen, am Rand leicht verkohlten Pizza zu Hause etwas. Junge Paare schauen sich an, 380 Grad, neuer Ofen vielleicht? Okay, Pause.

Die einst kommunistische Vorzeigestadt Bologna

Es gibt 45 Restaurants und Bars in Fico, und natürlich muss alles bezahlt werden. Die Restaurantpreise sind moderat, die Kurspreise unterschiedlich. Pastateig herstellen oder Lasagne mit Ragù kochen kostet 20 Euro, Kurssprache auch Englisch. 44 Kurse werden insgesamt angeboten, manche nur für Kinder, man sollte vorher auf der Website Termine und Uhrzeiten ansehen.

Aber auch ohne Kurs ist der Besuch von Fico eine Lust, denn hier lässt sich fast alles erwerben. Jede Pasta, jedes Glas Ragù, Schinken, Käse, Öl, selbst Küchengeräte – eine Art Ikea des Essens. Deshalb haben die Fahrräder große Körbe, steht am Ausgang ein großes Postamt, das die kulinarischen Waren in die ganze Welt verschickt.

Genuss-Impresario Oscar Farinetti: Der Geschäftsmann gründete Eataly und das Schlemmer-Disneyland mit dem Namen Fico in Bologna.

Genuss-Impresario Oscar Farinetti: Der Geschäftsmann gründete Eataly und das Schlemmer-Disneyland mit dem Namen Fico in Bologna.

AFP

Fico soll, so Oscar Farinettis Idee, auf das Original neugierig machen – und das heißt Bologna. Früher mal eine kommunistische Vorzeigestadt mit der ältesten Universität Europas, hat sie ihren Ruf als Genießerort bewahrt. Man kann stundenlang durch die überdachten Portici spazieren, einen der mittelalterlichen Türme hochsteigen und auf der Piazza Maggiore die nie fertiggestellte Basilika bestaunen. Oder sich einfach vom studentischen Leben an der Universität treiben lassen. Umberto Eco lehrte hier, und Lucio Dalla schrieb seine Lieder.

Irgendwann gerät man dann in die kleinen Gassen abseits der Piazza Maggiore und sieht, was Oscar Farinetti meint, wenn er vom Original schwärmt: Läden mit Schinken, Käse, frischen Tortellini, der Duft von Fenchel und Salbei in der Luft. Man kauft dies und das, setzt sich zu einer Brotzeit in die "Osteria del Sole", trinkt ein paar Gläser Wein oder Bier (es gibt hier nichts anderes), isst seinen Schinken, den Käse und hört den alten Bolognesern zu, deren Wohnzimmer das hier ist. Man muss sie gar nicht unbedingt verstehen, um zu wissen: Das hier ist wirklich sehr, sehr Italien.

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