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Jüdisches Museum in Warschau: Auf Zeitreise durch 1000 Jahre

In Warschau gehört das Museum der Geschichte der polnischen Juden zu den meistbesuchten Attraktionen. Ein einzigartiger Bau mit 20 Jahren Vorgeschichte: Dem Holocaust ist nur eine der acht Galerien gewidmet - ein Rundgang.

Von Tilman Müller

Im Jüdischen Museum Warschau steht der Nachbau des Gewölbes der hölzernen Synagoge von Gwoździec

Im Jüdischen Museum Warschau steht der Nachbau des Gewölbes der hölzernen Synagoge von Gwoździec

Vor dem Zweiten Weltkrieg war Warschau eine der schönsten Städte Europas. Kaum jemand kann sich die glanzvolle Zeit, die das Nazi-Regime so grausam ausgelöscht hat, heute noch vorstellen. Doch inzwischen ist Polen wieder ein aufstrebendes Land, und neben den vielen Wolkenkratzern in seiner Hauptstadt gibt es großartige Museen, in denen die untergangene Welt eindrucksvoll wieder auflebt. Im Jahr 2010 eröffnete in Warschau das supermodern erneuerte Fryderyck Chopin Museum.

2014 kam das neue Museum der Geschichte der polnischen Juden hinzu, das inzwischen schon als eines der besten historischen Museen der Welt gilt. Entworfen hat es das finnische Architektenpaar Rainer Mahlamäki und Ilmari Lahdelma.

Schon beim Hineingehen ist zu spüren, dass einen etwas Grandioses erwartet. Die Tür ist eine enorme, nach oben hin leicht wellenförmige Öffnung, die fast bis zum Dach des gläsernen Gebäudes reicht und den biblischen Weg der Juden durch das Rote Meer symbolisieren soll. In der hohen Vorhalle mit ihren geschwungenen Linien sind die Wände in warmen und hellen Tönen gehalten. "Alles so schön jerusalemfarben", sagt eine Besucherin.

Museum des Lebens

Fast zwei Jahrzehnte haben die Ausstellungsmacher am Konzept für das Museum gearbeitet, das die tausendjährige Geschichte jüdischen Lebens in Polen in acht verschiedenen Abteilungen erzählt. Ein Themenbereich ist der Holocaust. Sigmund A. Rolat hat ihn überlebt, ist später in New York zu Wohlstand gekommen und zählt zu den wichtigsten Finanziers des Museums.

Zeitreise durch acht Abteilungen: vom Mittelalter bis in die Gegenwart mittels interaktiver Displays, Modelle und Ausstellungsgegenstände

Zeitreise durch acht Abteilungen: vom Mittelalter bis in die Gegenwart mittels interaktiver Displays, Modelle und Ausstellungsgegenstände

Er habe sich, sagt er, oft mit jungen Leuten unterhalten und sie gefragt, was sie sich in solch einem Museum anschauen würden: "Vernichtungslager, Friedhöfe und verwaiste Orte, wo früher Synagogen standen? Nein, uns ging es nicht um ein weiteres Holocaust-Museum. Wir sind mehr als bloß Opfer. Unser Anliegen musste es sein, ein Museum des Lebens zu schaffen."

Eine Treppe führt hinunter ins raffiniert illuminierte Grün eines Wäldchens namens "Polin". Als die Juden vor langer Zeit, so die Legende, immer weiter nach Osten flohen und in einen Wald gelangten, hörten sie die Worte "Po-lin, Po-lin", das im Hebräischen "Bleibe hier" bedeutet. Da wussten sie, dass sie sich hier niederlassen können. Polin heißt auf Hebräisch auch Polen, und deshalb trägt auch die Ausstellung den Namen "Polin".

Das goldene Zeitalter ab 1569

Jüdische Kaufleute aus Spanien bereisten schon früh polnische Gebiete. Ibrahim ibn Yakub, ein Gesandter der Kalifen von Córdoba, beschrieb die Gegend um Krakau, die er in den Jahren 965 und 966 besuchte, als ein blühendes Land "voller Fleisch und Honig". Von Pest und Pogromen bedroht, zog es im frühen Mittelalter Tausende Juden nach Osten, ins Königreich Polen und ins Großfürstentum Litauen.

Die beiden Länder waren ab 1559 als "Commonwealth" miteinander verbunden und galten in Europa jahrhundertelang als Hort des Wohlstands und der Toleranz. Überall zwischen Ostsee und Schwarzem Meer entstanden ländliche Siedlungen, in denen Juden ein Drittel oder mehr der Bevölkerung stellten, ihre Religion frei ausüben und ihre vielfältigen Traditionen nach Belieben pflegen konnten.

Ländliches Paradies der Juden

Diese Siedlungen werden vielfach "Schtetl" genannt. Doch dieses jiddische Wort wird in der Ausstellung gemieden; die Kuratoren halten den Begriff für eine Art Verniedlichung der damaligen jüdischen Lebenswelt. Das ländliche "Paradies der Juden" wird indes auf besonders eindrucksvolle Weise anhand der barocken hölzernen Synagogen dargestellt, die in der Zeit des polnisch-litauischen Commonwealth im 16. Und 17. Jahrhundert entstanden.

Keine dieser kunstvoll gezimmerten Synagogen existiert heute noch – bis auf den Nachbau der besonders prächtigen Synagoge von Gwozdziec (ein Ort im damals zu Polen gehörenden Galizien), die nun das Polin-Museum schmückt, zweifellos das Highlight der gesamten Ausstellung. Schon das farbenfrohe, mit Tiersymbolen und arabesken Ornamenten verzierte Deckengemälde lässt erahnen, welchen kulturellen Reichtum diese untergangene Welt einst besaß.

Die Abteilung Zlagada bleibt schwarzweiß

Noch in der Zeit zwischen 1918 und 1939, die eine weitere "Galerie" behandelt, erlebte die jüdische Bevölkerung in Polen eine weitgehend "goldene Zeit; doch bereits in dieser Periode geht es um Arier-Paragrafen und Juden-Boykott. Dann kommt die Abteilung "Zlagada" (Vernichtung). Die Farbenpracht des "Museum des Lebens" weicht jäh einem durchgehenden Schwarzweiß. Niederschmetternde Bilder, ähnlich wie in vielen deutschen Gedenkstätten oder Holocaust-Museen der USA.

Vor der Eingangstür zum Museum befindet sich das Ehrenmal der Warschauer Ghettohelden. Hier kniete Willy Brandt am 7. Dezember 1979 nieder.

Vor der Eingangstür zum Museum befindet sich das Ehrenmal der Warschauer Ghettohelden. Hier kniete Willy Brandt am 7. Dezember 1979 nieder.

3,3 Millionen Juden lebten 1939 in Polen, 1945 waren es noch 300.000. Im letzten Saal, betitelt "Nachkriegszeit", wird der deprimierende Neuanfang der polnischen Holocaust-Überlebenden geschildert. Einige fanden in Niederschlesien und in der weitgehend unzerstörten Industriestadt Lodz eine neue Heimat. Die meisten aber emigrierten, viele nach Israel und in die USA.

Draußen vor dem Museum, mitten in Muranów, Warschaus großem jüdischem Viertel vor dem Krieg, steht seit 1946 das Ehrenmal der Warschauer Ghettohelden. Hier kniete Willy Brandt am 7. Dezember 1979 nieder und bat um Vergebung für die deutschen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs.

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