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Müllberge, Wohnungsnot, Wassermangel: Die Touristenströme schaden Mallorca. Ein neues Konzept muss her

Die Wunden, die der Massenandrang schlägt, sind unübersehbar. Doch mit großem Engagement arbeiten lokale Organisationen daran, Tourismus und Umwelt in Einklang zu bringen – zum Wohle aller.

Mallorca: Probleme mit Müllbergen, Wohnungsnot und Wassermangel

Naturschönheit: Das Dorf Deià im Tramuntana-Gebirge auf Mallorca ist beliebt bei Individualtouristen. Aber nun ist hier das Wasser knapp.

Wo ein Handtuch aus dem Fenster hängt, wohnt ein Tourist. Laura Dorado steht vor einem Haus in Palmas Altstadt, es ist frisch renoviert, mit dunkelgrünen Fensterläden vor einer rotbraun getünchten Fassade. Sie zählt und kommt auf sieben. Sieben ehemalige Mietwohnungen, in denen jetzt Feriengäste leben. Die Handtücher sind in Palma zu einer Signalflagge der Touristifizierung geworden – wie Selfiesticks und Rollkoffer. "Einheimische machen so was nicht", sagt Laura. "Wir trocknen unsere Sachen im Bad."

Laura trägt einen kleinen Ring in der Nase, auf ihrem linken Oberarm rankt ein schwarzes Blumen-Tattoo. Die 28-jährige Englischlehrerin ist Abgeordnete der lokalen Protestpartei "Crida per Palma" – "Notruf für Palma", die aus einer Bürgerinitiative hervorgegangen ist: Palma hat 400.000 Einwohner – aber zur Hochsaison, wenn die Touristen kommen, verdoppelt sich die Anzahl der Menschen in der Stadt. Die Müllabfuhr kommt an ihre Grenzen; die Busse sind überfüllt, regelmäßig kollabiert der Verkehr auf den Zufahrtsstraßen ringsum mit Staus bis zum Horizont. In den vergangenen Jahren ist aber noch ein Problem hinzugekommen: Die Touristen ziehen plötzlich in normale Wohnungen. Wenn Laura Dorado "Touristifizierung" sagt, dann meint sie vor allem die Auswüchse der Ferienvermietung über "Airbnb" oder "Homeaway".

"Touristen-Aristokratie"

Die größte Sorge der Anwohner sind nicht die Pauschalurlauber, die bloß Ferien in der Sonne machen wollen. Sondern die distinguierten Lifestyle-Touristen und Laptop-Nomaden, die mit ihrem Anspruch auf authentisches Leben abseits der Massen sukzessive in sämtliche Lebensbereiche der Einheimischen vordringen. "Wer ein Instagram-taugliches Haus oder ein Appartement in der Stadt hat, kann es im Sommer für über 1000 Euro die Woche vermieten", sagt Laura Dorado. "Wie sollen wir mit unseren Gehältern damit konkurrieren?"

Einflugschneise: Minütlich fliegen Maschinen den Airport von Palma an – immer über trockenes Land hinweg

Einflugschneise: Minütlich fliegen Maschinen den Airport von Palma an – immer über trockenes Land hinweg

Zwar gibt es auch auf Mallorca inzwischen Verordnungen, die Wohnraum schützen und Ferienvermietung eindämmen sollen. Aber die Kontrollen fallen eher schwach aus. Man denke über eine Mietpreisbremse nach, heißt es inzwischen aus dem Rathaus von Palma. Und über härtere Maßnahmen gegen Airbnb. Aber wer im Stadtgebiet wohnt, sollte besser erst mal nicht umziehen: "Completo", schreiben dieser Tage die Tageszeitungen über den mallorquinischen Wohnungsmarkt, "alles voll".

2016 wurden allein auf Airbnb 78.500 Unterkünfte angeboten. Ein Jahr später waren es schon rund 92.500. Für 2019 sind die Angebote noch nicht ausgezählt, aber bereits jetzt vermeldet die Insel einen Trend, der das Problem illustriert: Die Anzahl der Touristen ist nicht gesunken – aber viele Hotelzimmer stehen leer. Mit solchen Meldungen startet pünktlich zur Saison auch der Schlagabtausch zwischen der Tourismusindustrie und ihren Kritikern: Die Branche warnt vor Einbrüchen in Mallorcas wichtigstem Wirtschaftszweig. Mallorca werde den Preiskampf gegen Ziele wie Tunesien oder die Türkei verlieren, lautet in diesem Jahr ihre düstere Prophezeiung. Und womöglich stimmt das auch. Ein anderer Teil der Wahrheit ist jedoch: Mehr Touristen bringen der Insel nicht mehr Geld. Sie kosten. Abwasseraufbereitung, Müllentsorgung, Energie. Es wird immer schwieriger, den Verbrauch der Feriengäste zu decken – und ihn zu bezahlen. Umweltschützer- und Aktivisten halten deswegen dagegen: Die Regierung müsse sich stärker um den Erhalt der Insel kümmern.

Die Bürgeraktivistin und Politikerin Laura Dorado setzt sich in Palma für die Rechte von Anwohnern ein

Die Bürgeraktivistin und Politikerin Laura Dorado setzt sich in Palma für die Rechte von Anwohnern ein

Das Neue ist: Sie sind damit nicht mehr allein – überall auf der Insel haben sich Netzwerke gebildet, die gegen die Expansionswünsche der "Touristen-Aristokratie" mobilisieren, wie die einflussreichen Hoteliers genannt werden. Auch der frisch gekürte Tourismusminister Iago Neguercela verkündete in einem seiner ersten Interviews: "Umwelt- und Landschaftsschutz dienen dem Tourismus." Denn es gibt viele Faktoren, an denen man ablesen kann, dass die Bedürfnisse des stetig wachsenden Urlaubsgeschäfts eine Dimension erreicht haben, in der sie zur Bedrohung werden.

Die Insel hat eine extrem hohe Dichte an Hotelbetten. Innerhalb von 60 Jahren wurden hier täglich 10.000 Quadratmeter Fläche urbanisiert. Der Grundwasserspiegel sinkt; die Abwassermengen übersteigen regelmäßig die Kapazität der Kläranlagen und landen im Meer. Es sind vor allem Mallorquiner, die deshalb nun Druck machen.

"Terraferida"

"Wir fordern ja nicht einmal, dass weniger Menschen kommen sollen", sagt Jaume Adrover von der Umweltorganisation "Terraferida", was übersetzt so viel heißt wie "Verwundetes Land". "Es dürfen nur nicht mehr werden." Die Insel sei zu stark bebaut, es gebe kaum noch Flächen, wo der Boden sich regenerieren könne. Und das gelte längst nicht mehr nur für den Hotelgürtel an den Küsten, der in den frühen Jahren des Booms gebaut wurde.

In der Caló des Moro, idyllisch im Südosten gelegen, herrscht jetzt Hochbetrieb – obwohl nur ein mühsamer Fußweg dorthin führt

In der Caló des Moro, idyllisch im Südosten gelegen, herrscht jetzt Hochbetrieb – obwohl nur ein mühsamer Fußweg dorthin führt

Das Problem heute ist auch der gehobene Tourismus, erklärt Jaume Adrover. Ein Modell, das in den vergangenen Jahren stark propagiert wurde. Angeblich, weil es die Ressourcen schonen würde. Dabei bringe es bloß mehr Geld und habe es der Reiseindustrie ermöglicht, die ländlichen Regionen ohne Strand ebenfalls attraktiv zu vermarkten. Er hält einen Block in der Hand und zeigt auf die Zahlen darauf. "Ein Einheimischer verbraucht im Schnitt 130 Liter Wasser am Tag. Ein Durchschnittstourist 250." Ein sogenannter Qualitätstourist komme auf 800 Liter Wasser. Weil die Pools ihrer Miet-Fincas größer sein müssen und sauberer; weil Rasen und Garten im Landesinneren auch im Sommer schön grün sein sollen und weil man gern Golf spielt.

Der Deutsche Philipp Baier hat ein System für Trinkwasserspender aufgebaut, um den Verbrauch von Plastikflaschen zu verringern

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Jaume Adrover ist ein Mann, der mit leiser Stimme lange Sätze formuliert, militante Parolen scheinen ihm nicht zu liegen. Er hat sich von diesem Leben des Verbrauchs, wie er das nennt, vor acht Jahren verabschiedet und ist Ökobauer geworden. Rentabel sei das nicht, aber dafür lebe er nun im Einklang mit seiner Überzeugung. In Son Macià, einem unaufgeregten kleinen Dorf zwischen Felanitx und Manacor, beackert er Felder mit einem Handpflug, der sich wie ein Fahrrad schieben lässt. Außerdem erforscht er wasserlosen Gemüseanbau: Seine Ramallet-Tomaten brauchen bloß ein Glas pro Pflanze im April, das reicht.

Ökologische Landwirtschaft bedeute Inselschutz am Fundament, sagt Jaume Adrover, während er eine abgepflückte Tomate in der Hand hält wie ein frisch geschlüpftes Vögelchen. In einigen Küstengebieten ziehe der Boden bereits Meerwasser. Die starken Überschwemmungen im Vorjahr mit mehreren Toten ließen ebenfalls auf einen Boden schließen, der zu trocken und verhärtet sei, um plötzlich auftretende Regenmengen aufnehmen zu können. "Das ist noch nicht bewiesen", sagt Adrover. "Aber leider spricht vieles dafür."

Durch die Altstadt von Palma schieben sich die Menschenmassen – wie hier eine Gruppe von Kreuzfahrttouristen auf Landgang

Durch die Altstadt von Palma schieben sich die Menschenmassen – wie hier eine Gruppe von Kreuzfahrttouristen auf Landgang

Die Aktivisten von "Terraferida" haben Forderungen an die Regierung formuliert. Ihr wichtigster Punkt: Die Ausbalancierung der Bebauung nach der Formel eins zu zwei – für jede neue Unterkunft sollen zwei alte verschwinden. Die jetzige Regierung sei mit vielen Versprechen zum Thema Nachhaltigkeit angetreten, sagt Adrover. Nun müsse sie beweisen, dass sie es ernst meine. "Wenn sie wieder nur Madrid die Schuld geben, wird sich hier nie etwas ändern", sagt er. "Darum müssen wir alle weiter Druck machen. Wir dürfen uns nicht auf sie verlassen."

Einwegplastik-Verbot

Dass viele Mallorquiner ihrer Regionalregierung skeptisch gegenüberstehen, liegt an dem seit Jahrzehnten schwelenden Konflikt um die Frage: Wer hat das Sagen auf der Insel? Die gewählten Politiker? Die Zentralregierung in Madrid? Oder die Tourismusmilliardäre mit ihren einflussreichen Verbindungen?

Es sind die Nachwehen des massiven und immer noch nicht gänzlich aufgeklärten Korruptionsskandals, der vor einigen Jahren ans Licht kam und in den auch hochrangige Abgeordnete, Verwaltungsbeamte und Polizisten verwickelt waren. Seit 2015 regiert auf den Balearen eine Koalition aus Sozialisten (PSOE), der Protestpartei Podemos und dem links-grünen Bündnis Més, zu dem sich lokale Initiativen und Kleinstparteien zusammengeschlossen haben. Bei den Wahlen im Mai wurde sie bestätigt. Auch weil sie sich zum Thema Umweltschutz viel vorgenommen hat: Die Ökosteuer für Touristen wurde erhöht, mit dem Geld sollen vor allem Naturschutzprojekte finanziert werden. Zu den Vorschlägen gehören auch: Verbot der Neuzulassungen für Dieselfahrzeuge ab 2025, Verbot von Einwegplastik ab 2021.

Der Ökobauer und Mitbegründer Umweltorganisation "Terraferida" Jaume Adrover auf seinem Tomatenfeld

Der Ökobauer und Mitbegründer Umweltorganisation "Terraferida" Jaume Adrover auf seinem Tomatenfeld

Die Regierung in Madrid hat jedoch signalisiert, dass solche Gesetze nicht mit der Verfassung vereinbar sein könnten – obwohl auch die EU das Einwegplastik-Verbot beschlossen hat. Es passiert nicht zum ersten Mal, dass Vorstöße in Sachen Ökologie von Madrid abgeschmettert werden. Was es für die Lokalpolitiker aber auch recht bequem macht, die Verantwortung wegzuschieben, nach dem Motto "Wir wollen ja, aber wir dürfen nicht".

Einer dieser Orte, an denen die unterschiedlichen Begehrlichkeiten von Anwohnern, Naturschützern und Investoren gerade aufeinanderprallen, ist Deià im Nordwesten der Insel. Wie gemalt liegt das Dorf in der Serra de Tramuntana, urige Häuser aus Sandstein ziehen sich den Hang hoch, in den Gassen riecht es nach Rosmarin, der hier am Straßenrand wächst. Große Parkplätze gibt es nicht, also auch keine Busse voller Touristen. Urlauber kommen im Mietwagen angefahren und nutzen Airbnb. "Deià hat 654 Einwohner, aber mittlerweile 1200 Übernachtungsplätze", erzählt Lluís Apesteguía, 34, taubenblaues Hemd, dunkler Bart.

Er ist seit Kurzem Bürgermeister des Ortes. Der erste Grüne, der in das Amt gewählt wurde, nachdem jahrelang die PP das Sagen hatte. Apesteguía steht vor dem Rathaus, an dem eine Regenbogenflagge hängt, und raucht. Dann drückt er seine Zigarette aus und bittet in sein Büro im Erdgeschoss. Er hat die Bebauung des Dorfes zu seinem Thema gemacht. Die wachsende Zahl derer, die in Deià investieren. Wie der Brite Simon Nixon, ein Milliardär, der gerade oberhalb der Hauptstraße ein Haus bauen lässt; als Geldanlage.

Baulärm

Früher war Deià ein Künstlerdorf. Robert Graves schrieb hier Gedichte, und Mike Oldfield spielte nachts Gitarre in der Bar "Sa Fonda", wo sich die Bohemiens trafen. Niemand bekam etwas davon mit, dass Anni-Frid von Abba hier ein Haus besaß oder Andrew Lloyd Webber. Doch vor etwa fünf Jahren entdeckte eine neue Generation von Reichen und Schönen das Örtchen für sich, die gern öffentlich macht, wo sie gerade Spaß hat, und Deià wurde immer mehr zum Einzugsgebiet für Paparazzi. Der Modedesigner Matthew Williamson zog her, Models kamen, und Bob Geldofs Tochter Pixie heiratete hier. Wie auch Mario Götze, der im Juni eine Hochzeit feierte, bei der die Anwohner bis morgens um sechs laute Partymusik hören mussten.

Lluís Apesteguía, der kürzlich gewählte grüne Bürgermeister von Deià, will die Bebauung seines Dorfes umstrukturieren

Lluís Apesteguía, der kürzlich gewählte grüne Bürgermeister von Deià, will die Bebauung seines Dorfes umstrukturieren

Mehr als das nervt sie nur der Baulärm von Petit Deià, einem Neubaugebiet am Ortseingang: 21 Häuser entstehen hier, zwar im alten Stil, aber zu neuen Preisen. Das günstigste hat gut 100 Quadratmeter und ist für 800.000 Euro zu haben, das teuerste misst 290 Quadratmeter und kostet 1,7 Millionen. "Das hat mit den Bedürfnissen der Menschen, die hier wohnen und Deià im Winter am Leben halten, nichts zu tun", sagt Apesteguía.

Der Bürgermeister konnte Petit Deià nicht mehr aufhalten, doch alle anderen Bauprojekte will er jetzt erst mal stoppen. Um in Ruhe auszuwerten, was das Dorf noch aushalten kann und was nicht. Apesteguía sagt, Deià solle durchaus wachsen, "aber anders – im Interesse der Bürger. Mit dem Bauland, das wir haben, könnten wir elf Petit Deiàs bauen. Doch wir brauchen sozialen Wohnungsbau, damit unsere Kinder wieder Wohnraum finden, wenn sie zu Hause ausziehen. Und nicht von hier fortgehen müssen."

Wie jetzt im Sommer, wo kein Zimmer mehr frei ist. "Was dazu führt", so Apesteguía, "dass wir nicht mehr genug Wasser haben und welches kaufen müssen. Seit Ende Juni kommen jeden Tag mindestens fünf Lastwagen ins Dorf, um uns zu versorgen. Unsere Quelle schafft 400 Kubikmeter Wasser täglich, wir brauchen jetzt aber 600." Er wurde im Dorf geboren, und seit er denken kann, stehen dort Hotels. Aber er sagt: "Früher haben wir vom Tourismus gelebt. Heute überleben wir ihn."

Bei der Köchin und Mitbesitzerin des Restaurants „Nama“ in Deià, Bonnie Han, ist alles bio – sie setzt auf lokale Produkte von der Insel

Bei der Köchin und Mitbesitzerin des Restaurants „Nama“ in Deià, Bonnie Han, ist alles bio – sie setzt auf lokale Produkte von der Insel

Bei den Anwohnern hat das den Gemeinschaftssinn geschärft. Und auch Menschen, die hier arbeiten, fühlen sich verantwortlich: "Wir müssen zusammenhalten", sagt Bonnie Han. Sie ist Mitbesitzerin und Chefköchin des "Nama", eines Restaurants an der Hauptstraße. Mehr Arbeit als die Küche mache ihr mitunter der Fahrdienst, den sie eingerichtet habe: "Ich bringe unsere Angestellten nachts mit dem Bus nach Palma", erzählt sie. Denn auch die finden während der Saison in Deià keinen Platz mehr.

Mallorca braucht Hilfe

"Es geht jetzt darum, schlaue Entscheidungen zu treffen", sagt Han, die in Singapur geboren wurde. Das Essen in ihrem "Nama" ist bio und kommt von den Bauern der Insel, sagt sie – angefangen bei den Zitronen, die Han aus einem Garten auf der anderen Straßenseite holt. Es wird weniger Fleisch und mehr Fisch angeboten. Und sie servieren im "Nama" Wasser aus den Glasflaschen von "Cleanwave", die sie auch für ihre Mitarbeiter besorgt haben – damit der Irrsinn mit dem Plastik endlich aufhört.

Auf den Balearen werden täglich rund 1,5 Millionen Plastikflaschen und Getränkedosen verbraucht. An den Stränden der Insel treffen sich umweltbewusste Menschen darum nun regelmäßig zum "Beach Clean-up": Dann wird Plastikmüll gesammelt; "am Stadtstrand von Palma kommen schon mal 270 Kilo zusammen", erzählt Philipp Baier, ein Deutscher aus Heidelberg, der seit 15 Jahren auf der Insel eine Eventagentur betreibt. Er ist der Begründer von Cleanwave, einer Bewegung, die 2017 entstand: Sie sorgt dafür, dass Leitungswasser gefiltert und von den Menschen getrunken wird – aus Edelstahlflaschen, die Cleanwave vertreibt. Auffüllstationen gibt es inzwischen überall auf den Balearen, die Standorte sind über die Website zu finden.

Zwei Urlauberinnen mit Gepäck und Handykamera auf dem Weg zu ihrer Unterkunft in Palma

Zwei Urlauberinnen mit Gepäck und Handykamera auf dem Weg zu ihrer Unterkunft in Palma

Und weil Umweltbewusstsein gerade schick ist, sieht man in Palma nun Frauen mit den Flaschen aus dem Auto steigen oder Makler von Engel & Völkers damit herumlaufen. Baier, 43, ein gut gelaunter Surfertyp mit blauen Augen, erzählt, dass er über seine Eventagentur "halt die richtigen Leute gekannt" habe, um seine Idee in Umlauf zu bringen: Tui, Iberostar oder MTS Globe, alles Reiseriesen, hätten ihr Personal mit seinen Edelstahlflaschen versorgt und würden auf Plastik verzichten. Diesen Sommer seien 800 Kinder in Segelcamps damit ausgestattet worden, und überhaupt: Kinder! "Wir haben ein Programm initiiert, mit dem wir in Schulen gehen, und es ist großartig, wie dann Eltern anrufen und fragen: Was genau macht ihr da, wovon mein Kind erzählt hat? Und wie kann ich unseren Verbrauch umstellen?" Die Zahlen sprechen für Baiers Idee: 2017 konnte durch Cleanwave der Verbrauch von 288.000 Plastikflaschen verhindert werden, 2019 werden es schon mehr als vier Millionen sein.

Baier sagt: "Du kannst heute die Schuld nicht mehr bei jemand anderem suchen, du musst selber etwas ändern. Das Bewusstsein dafür ist in den Gassen angekommen. Alle reden jetzt darüber."

Auf der Ma-19, der Autobahn, die am Flughafen vorbeiführt, staut sich regelmäßig der Verkehr

Auf der Ma-19, der Autobahn, die am Flughafen vorbeiführt, staut sich regelmäßig der Verkehr

Dass Ausländer, vor allem die aus Deutschland, ihre anerzogene Liebe zu Pfandflaschen und Mülltrennung auch im Urlaub nicht ablegen, gefällt dem Ökoaktivisten Jaume Adrover ziemlich gut. Ihm gefallen auch die Schweden mit ihrer "Flugscham". Wenn man ihn fragt, wie man es denn nun richtig mache als Tourist auf Mallorca, dann sagt er: "Es würde helfen, wenn alle ein bisschen darüber nachdenken würden, dass nicht alles unbegrenzt zur Verfügung steht." Touristen sollen gern weiterhin kommen, aber müsse es denn wirklich mehrmals im Jahr sein? Nur weil es finanziell möglich sei? Genüge nicht eine Fernreise, so wie früher? Das würde Mallorca helfen, sagt er, und auch dem Planeten. Letztlich sei die Erde ja auch eine Insel.

"The Final Countdown"

Aber Adrover sieht auch positive Veränderungen. In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Zahl der ökologischen Landwirtschaftsbetriebe auf den Balearen verachtfacht. Über 350 Bauern gehören einer mallorquinischen Vereinigung an, sie teilen sich Maschinen und Expertise. Der Trend zu Bioprodukten und nachhaltigem Konsum habe die Nachfrage erhöht, sagt Adrover. Und auch die Politik erkenne allmählich den Handlungsdruck: Sie schob Subventionsprogramme für junge Mallorquiner an, die mit Ökohöfen ihr Geld verdienen wollen. Und nicht mit Tourismus. "Es kommt jetzt darauf an, dass wir hier alle an einem Strang ziehen", sagt er.

Protestbewegung: Einheimische tragen eine selbst gebastelte Pappfigur durch Palma. Es soll ein Schutzheiliger gegen Müll, Luftverschmutzung – und Wohnungsnot sein.

Protestbewegung: Einheimische tragen eine selbst gebastelte Pappfigur durch Palma. Es soll ein Schutzheiliger gegen Müll, Luftverschmutzung – und Wohnungsnot sein.

An einem heißen Juliabend marschieren Bewohner Palmas wie bei einem katholischen Prozessionszug durch die Altstadt. Einige Frauen tragen lange, schwarze Kleider, sie haben sich Schleier und Tücher ins Haar gesteckt. Auf einer Sänfte tragen vier Männer eine selbst gebastelte Pappfigur: Es ist ihr Schutzheiliger, der sie vor Müll, Luftverschmutzung und Wohnungsnot bewahren möge. Die Blaskapelle spielt dazu "The Final Countdown", was in den verwinkelten Gassen ordentlich laut scheppert. Die Touristen in den Boutiquehotels und Restaurants sind erst amüsiert. Dann genervt. Die Botschaft der gut gelaunt herumtanzenden Demonstranten kommt trotzdem an: Ihr macht hier Urlaub – aber wir sind auch noch da.

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