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Österreichisches Gesäuse: Wandern in der Steiermark: wilde Wasser und stille Wälder

Unten tobt wildes Wasser, oben herrscht Stille. Im Nationalpark Gesäuse sind Wanderer in herrlicher Natur und Einsamkeit unterwegs.

Raue Schönheit: Auf dem Weg zum Hochtor lernen Besucher die Faszination des Gesäuses kennen – sanfte Flora und schroffe Felsen

Raue Schönheit: Auf dem Weg zum Hochtor lernen Besucher die Faszination des Gesäuses kennen – sanfte Flora und schroffe Felsen

Die Enns ist ein launischer Fluss, und immerzu muss sie erzählen, wie es ihr gerade geht. Im Frühjahr und Herbst schäumt sie oft vor Wut. Dann peitscht sie ihre Wassermassen durch enge Schluchten. Dann glaubt sie, Berge versetzen zu können mit ihrer Kraft und reißt doch nur ein paar Steine mit. Im Sommer liegt die Enns ermattet in ihrem Flussbett. Sie wimmert und jammert vor sich hin, und weil das bis in die Dörfer zu hören ist, nennen die Bewohner der Steiermark ihre kleine Welt das "Gesäuse".

Selten nur schafft es ein Gebirgsfluss, zum Namenspatron einer Region zu werden. Meist himmelt der Mensch die Berge an und preist und besingt ihre Gipfel. Nicht so im Reich der Enns. Planspitze, Roßkuppe und Haindlkarturm, alle mehr als 2000 Meter hoch, müssen zurückstehen. Hier gibt das Wasser den Ton an.

Ungezähmt: Die Enns schlängelt sich durch das Gebirge, ihr Rauschen ist noch in den Bergen zu hören 

Ungezähmt: Die Enns schlängelt sich durch das Gebirge, ihr Rauschen ist noch in den Bergen zu hören 

Auf vielen Wanderungen durch die Nördlichen Kalkalpen hat man dieses Säuseln im Ohr. Der Soundtrack wird selten gestört, weil man doch ziemlich allein ist auf seinen Wegen. Das hat vor allem mit der Lage des Gesäuses zu tun, das 2002 zum Nationalpark erklärt wurde. Salzburg und sein Flughafen liegen fast zweieinhalb Autostunden entfernt, bis Graz benötigt man zwei Stunden; zudem ist die Anreise mit Bahn und Bus kompliziert. In dieser Isolation zieht das Gesäuse nur die Gäste an, die seine Schätze auch tatsächlich lieben: das wilde Wasser, die Stille der Wälder, die steilen Bergwände.

"Universität des Bergsteigens"

In Österreich gilt das Gesäuse als "Universität des Bergsteigens". Ende des 19. Jahrhunderts haben die Wiener diesen ehrfürchtigen Begriff geprägt – damals führte die Kronprinz-Rudolf-Bahn von der Hauptstadt mitten ins Gesäuse, in die Sommerfrische.

Kletterer Andreas Hollinger kennt sich im anspruchsvollen Gelände bestens aus

Kletterer Andreas Hollinger kennt sich im anspruchsvollen Gelände bestens aus

Einer der namhaften Dozenten der Bergsteiger-Universität ist Andreas Hollinger. Er hat ein Dutzend Routen erschlossen und drei Kletterführer geschrieben. Wer mit Hollinger, 46, unterwegs ist, erfährt viel über die Anfänge des Alpinismus im Gesäuse – und lernt auch, wie schief so manche Heldensage ist, die hier geschrieben wurde.

Das ist zum Beispiel der Weg Richtung Hochtor, 2369 Meter hoch, Sockel aus Dolomit, Spitze aus Kalkstein. Ein Weg mit großer und zugleich zweifelhafter Geschichte.

Los geht es in Johnsbach, einem Bauerndorf am Fuße des Großen Ödsteins. Ein sanfter Pfad führt zunächst durch den Wald, dann wird es zunehmend steiler und steiniger. Kein Problem für jemanden wie Hollinger, drahtiger Oberkörper, federnder Schritt. Er hat genügend Luft, um nebenbei von Heinrich Heß zu erzählen, der noch heute als bedeutendster Bergsteiger des Gesäuses gilt und nach dem die Schutzhütte unterhalb des Hochtors benannt ist.

"Heß war schlau", sagt Hollinger. "Er wusste, wie er sich helfen lassen musste im Gelände. Und er wusste, was er im Tal erzählen musste, um gefeiert zu werden." Am 11. Juni 1877 erschloss Heinrich Heß den Peternpfad, einen anspruchsvollen, schwindelerregenden Weg durch die Nordwände der Hochtorgruppe. So geht die Legende. Heß hatte allerdings einen ortskundigen Begleiter an seiner Seite. Einen, der den Pfad schon viele Male gegangen war.

Der Meister des Peternpfads

Es war Andreas Peter Rodlauer, genannt der "Schwarze Peter". Ein sagenumwobener Kerl, im Hauptberuf Schichtmeister im Bergwerk, im Nebenberuf Wilderer im Ennstal. Wie oft sahen die Bauern einen finsteren Typen mit einer Gams auf dem Rücken durchs Haindlkar laufen, das Gesicht mit Kohlenruß geschwärzt – und nur wenige Stunden später spazierte er durchs Johnsbachtal, auf der anderen Seite der Bergkette. Ein großes Rätsel war das, galten doch die Hochtorwände als unüberwindbar.

Stärken können sich Wanderer auf der Heßhütte bei einer deftigen Mahlzeit

Stärken können sich Wanderer auf der Heßhütte bei einer deftigen Mahlzeit

Doch der Schwarze Peter, Fremdenführer des jungen Bergsteigers Heinrich Heß, hatte einen geheimen Durchgang gefunden. Eine Steilrinne, eng und ständig von Steinschlag bedroht.

Die Pionierarbeit von Rodlauer ist heute fast vergessen. Als Meister des Peternpfads gilt Heinrich Heß, Besitzer einer Armaturenfabrik in Wien. Heß wusste wortreich von seinen Touren zu erzählen und schrieb als Co-Autor das achtbändige Werk "Der Hochtourist in den Ostalpen." Der Peternpfad ist noch heute eine heikle Kletterübung. Er ist nicht gesichert, man braucht einige Erfahrung und einen sicheren Tritt, um gefahrlos durch die Hochtorwand zu kommen.

Flora und Fauna sind einzigartig im Gesäuse

Viele Bergsteiger machen auf der Heßhütte Rast, bevor sie sich auf den Peternpfad wagen oder auf den Gipfel des Hochtors. In dem holzverschalten Haus auf 1699 Metern herrscht seit 29 Jahren Reinhard Reichenfelser. Der Hüttenwirt schätzt die eigene Küche sehr, das verrät sein stattlicher Bauch. Und wenn Reichenfelser eine Getränkebestellung aufnehmen will, fragt er nur: "Wie viel Bier soll ich euch bringen?"

Beliebter Ort mit 4000 Übernachtungen pro Jahr: die Heßhütte 

Beliebter Ort mit 4000 Übernachtungen pro Jahr: die Heßhütte 

Die Heßhütte ist beliebt. Bis zu 4000 Übernachtungsgäste beherbergt Reichenfelser pro Saison. Die meisten Gäste sind Berg-Puristen. Auf der Terrasse sieht man sie in verwaschenen Hosen und sonnengebleichten T-Shirts sitzen; niemand hier will in neuester Outdoor-Mode glänzen. Über dem Geländer hängen ein paar durchgeschwitzte Hemden zum Trocknen.

Es gibt keinen unbeschwerlichen Weg hinauf auf die Heßhütte – überhaupt macht es das Gesäuse seinen Gästen nicht leicht. Man muss sich jeden Höhenmeter selbst erarbeiten. Es gibt keine Seilbahnen und wenige befahrbare Wirtschaftswege; hier im Nationalpark wird die Natur geschützt vor der Axt des Menschen.

Flora und Fauna sind einzigartig im Gesäuse, Andreas Hollinger erzählt gern davon. "Während der letzten Eiszeit war das Gesäuse eine nahezu eisfreie Zone – im Gegensatz zum Rest der Alpen", sagt Hollinger. "Zahlreiche Arten konnten hier überleben."

Hindernislauf: Im Gesäuse müssen Wanderer mitunter riesige Felsbrocken umkurven.

Hindernislauf: Im Gesäuse müssen Wanderer mitunter riesige Felsbrocken umkurven.

Zu den Endemiten, den lokalen Besonderheiten, zählt etwa die Zierliche Federnelke. Man kann die Blume mit ihren rosafarbenen Blüten im Frühjahr oftmals am Wegesrand finden. Wer sie zu übersehen droht, kann sich auch von seiner Nase leiten lassen. Die Federnelke versprüht einen Duft, der an Honig erinnert.

Auf dem Weg zurück ins Johnsbachtal ist noch einmal zu spüren, welch verführerischen Charme das Gesäuse besitzt. Da ist die liebliche Flora, umrahmt von steilem, mitunter lebensbedrohlichem Fels. In Johnsbach, unterhalb vom Wolfbauer, steht eine weiße Kirche, die an diese Gefahren gemahnt: Vor der Kirche erstreckt sich ein Bergsteigerfriedhof, der größte Österreichs. Mehr als 60 Tote sind hier begraben.

Doch das Gesäuse, diese Universität des Bergsteigens, ist ein sicherer Ort, wenn man seine eigenen Fähigkeiten nicht überschätzt. Es gibt genügend Wege, die den Wanderer gut behütet durchs Gelände führen: Auge in Auge mit den kühn emporragenden Felsriesen, und im Ohr immer das Gesäuse der Enns.

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