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Bestseller-Autor aus Norwegen: Ein Comedian rechnet ab: Zur Hölle mit eurem Outdoor-Wahnsinn!

Alle Menschen lieben es, in der Natur zu sein. Bis auf einen: Are Kalvø. Der norwegische Autor hat einen Selbstversuch unternommen und darüber den Bestseller "Frei. Luft. Hölle" geschrieben. Wir stellen das Buch mit einem Kapitel vor.

Wandern durch Fjord-Norwegen: "Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung"“, sagen viele der Freunde zu Are Kalvø.

Wandern durch Fjord-Norwegen: "Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung"“, sagen viele der Freunde zu Are Kalvø.

Getty Images

Wandern boomt und geht quer durch alle Schichten. Aber was ist dran am Outdoor-Boom? Norwegens bekanntester Komiker Are Kalvø saß in der Kneipe und merkte, dass ihm seine Freunde immer fremder wurden, weil sie aus der Stadt flüchteten und in ihrer Freizeit das Freiluftleben vorzogen.

Also hat er den Rucksack geschnürt, sich auf Wanderschaft begeben und sich in die Welt der Berghütten zwischen müffelnden Socken und aufgewärmten Tütensuppen begeben.

Sein Selbstversuch gipfelte mit einer humorvollen Abrechnung in Buchform: Unter dem Titel "Frei. Luft. Hölle" landete der Band auf Anhieb auf Platz eins der Bestsellerlisten in Norwegen. Zur Buchmesse ist das Buch auch in deutscher Übersetzung erschienen.

Im Folgenden bringen wir  einen Auszug aus seinem neuen Buch.

Ich habe in den letzten Jahren so viele Freunde an die Natur verloren. Gute Leute. Patente Leute. Lustige Leute, die früher gern mit in die Kneipe gegangen sind, um Stuss zu reden. Was machen sie jetzt? Sie stehen früh auf, fotografieren eine Skispur, posten das Bild auf Facebook und Instagram und schreiben dazu: "Super Tag im Freien."

Leute, die ich früher als gute Freunde betrachtet habe. Und als geistreich.

"Super Tag im Freien." Das ist das Beste, was sie jetzt hinkriegen.Vielen geht es an einem bestimmten Punkt im Leben so: Du fängst an, den Humor zu verlieren. Und die Haare. Oft passiert es gleichzeitig. Ich befürchte inzwischen, dass der Humor womöglich in den Haaren sitzt.

Du verlierst den Humor und die Haare und entdeckst das Bergwandern für dich. All dies geschieht gleichzeitig, wenn du den Punkt im Leben erreicht hast, wo die Türsteher schon lange aufgehört haben, dich nach deinem Ausweis zu fragen, sondern sich stattdessen erkundigen, ob du ganz sicher bist, dass dies der richtige Ort für dich ist.

In diesem Alter treten verschiedene Veränderungen ein.

Du fängst an, Sport zu treiben. In der Hoffnung, auch ohne Haare und Humor noch so gut wie möglich auszusehen. Und natürlich weiß ich, dass manche Leute sagen, sie trieben nicht Sport, um gut auszusehen, sondern weil der Sport als solcher ihnen eine Befriedigung verschaffe. Okay.

Aber wenn der Sport keine Konsequenzen hätte, seien es gesundheitliche oder ästhetische, dann würden wir uns ja gar nicht die Mühe machen. Es ist noch nie vorgekommen, dass ein Arzt zu einem Patienten gesagt hat: "Du hast noch einen Monat zu leben", und der Patient geantwortet hätte: "Dann fange ich an, Sport zu treiben! Dafür werde ich meine letzten vier Wochen nutzen. Ich werde meine letzten vier Wochen auf dieser Welt in Lycrazeug verbringen, in einem grell erleuchteten Fitnesscenter, gemeinsam mit anderen Menschen in Lycra, die ich nicht kenne und die nach Schweiß riechen, und wir werden starr vor uns hinschauen und Musik hören, die nicht zu laut sein sollte, während wir auf Fahrrädern strampeln, die sich nicht vom Fleck bewegen."

Du hörst nicht unbedingt auf, auszugehen, wenn du dieses Alter erreichst, aber du bevorzugst zunehmend Orte, wo es nicht so viel Lärm gibt. Und keine Türsteher. Oder Menschen. Denn neuerdings legst du Wert darauf, deine Freunde zu treffen, um dich mit ihnen zu unterhalten. Über unvorstellbar langweilige Dinge. Denn das gehört dazu. Wenn wir in diesem Alter ausweichend auf die Frage der Liebsten antworten, was wir eigentlich auf der letzten Männertour gemacht haben, dann nicht, weil wir irgendwas Unsägliches gemacht hätten oder uns nicht daran erinnerten, sondern weil wir nicht gern zugeben, dass wir drei Tage in London im Pub gesessen und über das Abfeiern von Überstunden geredet haben.

Oder schlimmer noch, über Sport. Oder die Natur.

Denn es rennen nicht nur plötzlich alle in die Natur

Sie hören auch nicht auf, darüber zu reden. Und sie reden darüber ohne den geringsten Humor. Leute, die früher geistreich und quicklebendig waren, geben jetzt allen Ernstes Sätze von sich wie:

"Die Stille im Gebirge ist mit nichts anderem vergleichbar."

Doch. Sie ist mit jeder anderen Stille vergleichbar. Abgesehen davon, dass es bestimmt nicht völlig still ist, wenn es im Gebirge still ist. Insofern gleicht die Stille im Gebirge wahrscheinlich dem Wind. Oder dem Regen. Oder dem Gesurre von Mücken.

"Wenn du früh aufbrichst, hast du die ganze Natur für dich allein."

Are Kalvø: "Frei. Luft. Hölle -  Mein Selbstversuch,  den Outdoor-Wahnsinn  lieben zu lernen". Erschienen im DuMont Reiseverlag, 360 Seiten, Preis: 14,99 Euro.

Are Kalvø: "Frei. Luft. Hölle -
Mein Selbstversuch,
den Outdoor-Wahnsinn
lieben zu lernen"
. Erschienen im DuMont Reiseverlag, 360 Seiten, Preis: 14,99 Euro.

Na gut. Aber ist das nicht ein bisschen egoistisch?

"Das Gebirge erfüllt mich mit einer ganz eigenen Ruhe."

Wie schön für dich. Und warum erzählst du mir das?

"Nur in der Begegnung mit der Natur verstehst du, wie klein du bist."

Also wenn du nur in der Begegnung mit der Natur verstehst, wie klein du bist, hast du ganz einfach ein übersteigertes Selbstbild. Wenn du dir bewusst machen willst, wie unbedeutend deine Probleme sind, dann denk an Aleppo. Nicht an Jotunheimen.

"Ich habe angefangen, Berggipfel zu sammeln. Dinge habe ich genug."

Wir wissen beide ganz genau, dass du deshalb nicht aufgehört hast, Dinge zu sammeln. Du hast dir gerade für siebentausend Kronen eine Saftpresse gekauft. Berggipfel sammelst du zusätzlich.

"Dieses Jahr wandern wir in den Ferien von Hütte zu Hütte …"

Das sind keine Ferien. In den Bergen von Hütte zu Hütte zu wandern, ist bestenfalls eine Karikatur von Ferien, die ausschließlich die zwei langweiligsten Ferientätigkeiten beinhaltet: Packen und Schleppen.

Tagelang von Hütte zu Hütte

Aber das machen die Leute. Von Hütte zu Hütte wandern, tagelang, während mit dem Schweiß der Humor von ihnen abtropft. Sie besuchen Hütten, die Pyttbua (Pfützenbude), Krækkja (Krähenbeereneck), Tjennhuken (Teichwinkel) und Gaukhei (Kuckuckshalde) heißen. Und diese Namen habe ich mir nicht ausgedacht. Es sind tatsächlich Namen von Hütten in der norwegischen Bergwelt. Und dahin fahren Leute in Urlaub. Ganz im Ernst. Fokstugu (Schneegestöberhütte), Styggemannshytta (Teufelshütte), Mygg heim (Mückenheim).

Mückenheim!!

Winter in der Polarregion: Eiskalt und menschenleer - eine Reise in den Norden Norwegens
Das Insel Sakrisøy auf den Lofoten: eines der vielen Motive aus dem Bildband "Faszination Nordnorwegen" von Thomas Kleine

Das Insel Sakrisøy auf den Lofoten: eines der vielen Motive aus dem Bildband "Faszination Nordnorwegen" von Thomas Kleine

Wie weit hat das eigentlich schon um sich gegriffen? Wie viele Freunde bleiben mir überhaupt noch, die nicht die Natur sozialen Kontakten mit Geblödel und Gelächter vorziehen? Kürzlich nahm ich mir vor, systematisch vorzugehen. Ich suchte alle in den sozialen Medien. Alte Klassenkameraden, Studienfreunde, ehemalige Lehrer und Dozenten, Kollegen und Chefs. Sie leben sehr unterschiedlich. Sie wohnen im Norden und im Süden, im Osten und im Westen. Sie sind homosexuell oder heterosexuell. Sie sind Singles, fest liiert, verheiratet oder irgendwas dazwischen. Sie haben keine Kinder, zwei Kinder oder fünf, mit zwei, drei oder vier Frauen. Sie sind Architekten, Ingenieure, Handwerker, Fabrikarbeiter, Schriftsteller oder Lehrer, sie sind Kioskbetreiber oder verkaufen Möbel.

Aber alle, und da meine ich alle, posten Bilder von Bergen.

Vielleicht stehen sie auch auf dem Berg. Womöglich mit nacktem Oberkörper. Einer von ihnen sogar mit nacktem Unterkörper. Darüber will ich lieber nicht sprechen. Vielleicht stehen sie vor dem Berg. Vielleicht haben sie ihn auch nur fotografiert. Aber alle, absolut alle, haben mindestens ein Bild von einem Berg.

Ich kenne niemanden, der keine Bilder von Bergen auf Facebook postet.


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