VG-Wort Pixel

Abstürze der Boeing 737 Max Abschlussbericht zu Boeing-Crashs spricht von Schlamperei und Vertuschung

Beim Hearing in Washington D.C. im Oktober 2019: Angehörige von Opfern der abgestürzten Boeing 737 Max von Ethiopian Airlines zeigen Fotografien der ums Leben gekommenen Passagiere.
Beim Hearing in Washington D.C. im Oktober 2019: Angehörige von Opfern der abgestürzten Boeing 737 Max von Ethiopian Airlines zeigen Fotografien der ums Leben gekommenen Passagiere.
© Win McNamee / Getty Images
Der offizielle Abschlussbericht des US-Repräsentantenhauses zu den Hintergründen der Abstürze zweier Boeing 737 Max mit 346 Toten ist jetzt öffentlich. Sowohl gegen den Flugzeugbauer als auch die US-Flugaufsicht FAA gibt es schwere Vorwürfe.

Seit eineinhalb Jahren stehen 387 an Airlines ausgelieferte Boeing 737 Max und mehr als 400 auf Halde produzierte Exemplare am Boden. Kurz nach dem Absturz einer zweiten Maschine diesen Typs am 10. März 2019 in Äthiopien wurde das neuste Kurzstreckenflugzeug des US-Flugzeugherstellers mit einem weltweiten Flugverbot belegt.

Mit Spannung wurde der Abschlussbericht des US-Repräsentantenhauses erwartet, der am Mittwoch in Washington D.C. veröffentlicht wurde. Die 238 Seiten umfassende Untersuchung ist das Ergebnis zahlreicher Befragungen von Luftfahrtexperten, Mitarbeitern, Ingenieuren und ranghohen Angestellten sowohl von Boeing als auch von der Federal Aviation Administration, der Bundesluftfahrtbehörde der USA.

Unter dem Titel "Final Committee Report: The Design, Development and Certification of the Boeing 737 Max" geht der Ausschuss mit beiden Institutionen hart ins Gericht. Im Kapitel "Final Observations" wird Keith Leverkuhn, der ehemalige Leiter des Boeing 737 Max Programms, mit den Worten zitiert, dass die "Entwicklung (der 737 Max) ein Fehler war."

Umstrittene Firmen- und Sicherheitskultur

In dem Abschlussbericht geht es weniger um die Absturzursache der zwei Flugzeuge, die beide aufgrund identischer Fehlfunktionen verunglückten, sondern um die Hintergründe bei der Entwicklung der 737 Max, deren umstrittene Zulassung und fehlendes Pilotentraining.

Zu sehr hatte sich die US-Luftfahrtbehörde durch eine Verlagerung der Abnahme auf Boeing-Mitarbeiter verlassen. Auch wird in dem Papier die sich wandelnde Firmenkultur im Hause Boeing unter die Lupe genommen, in der immer weniger die Ingenieure das Sagen haben.

"Die wichtigsten Untersuchungsergebnisse dieses Berichts weisen auf eine Unternehmenskultur hin, die dringend einen Sicherheits-Reset benötigt", lautet ein Fazit des Berichts. Seit der Jahrtausendwende werde das Unternehmen zu sehr auf Profit getrimmt – auf Kosten der Sicherheit. Interne Bedenken von Mitarbeitern wurden vom Management immer wieder weggewischt.

Harry Stonecipher, der Präsident und Chief Operating Officer von Boeing in den Jahren 2003 bis 2005, sagte schon während seiner Amtszeit: "Wenn Leute meinen, ich hätte die Kultur von Boeing verändert, war das ganz meine Absicht. Es wird eher wie ein Unternehmen geführt und weniger wie ein großes Ingenieurbüro."

Das missglückte Update eines 50 Jahre alten Flugzeuges

In dem umfangreichen Dokument des zuständigen Ausschusses für Transport und Infrastruktur im Repräsentantenhaus heißt es unter anderem: Die Abstürze waren "der schreckliche Höhepunkt einer Reihe falscher technischer Annahmen von Boeing-Ingenieuren, mangelnder Transparenz auf Seiten des Managements und einer grob unzureichenden Aufsicht durch die Bundesluftfahrtbehörde."

Bei der Weiterentwicklung der seit 1967 gebauten Boeing 737 zur Max stand das Unternehmen unter Zeitdruck, da die Airbus-Konkurrenz mit der erfolgreichen A320-Baureihe bereits eine neue Generation mit noch effizienteren Triebwerken entwickelt hatte.

"Im Fall der Boeing 737 Max begann die Kette mit Entscheidungen, die Jahre zuvor gemacht worden waren, um ein halbes Jahrhundert altes Design zu aktualisieren", hatte Kapitän "Sully" Sullenberger bei einem der Hearings ausgesagt.

Der Pilot war 2009 durch eine erfolgreiche Notwasserung mit einem Airbus A320 auf dem Hudson River bekannt geworden. Für ihn sind die beiden 737 Max-Abstürze "ein Beweis dafür, dass unser derzeitiges System von Flugzeugdesign und Zertifizierung gescheitert ist."

Boeing und FAA haben 346 Menschen auf dem Gewissen

Am Ende des Abschlussberichts heißt es, dass bei dessen Fertigstellung in den Medien zu lesen war, Boeing beachsichtige eine Umbenennung der Boeing 737 Max in Boeing 737-8. Dieser Idee wird eine deutliche Absage erteilt. "Wenn die Untersuchung des Ausschusses eine Lektion für Boeing erteilt hat, ist es die Tatsache, dass eine Namensänderung oder PR-Bemühung nicht die kulturellen Probleme anspricht, die die Sicherheit der 737 Max beeinträchtigten und letztlich zu den beiden fatalen Abstürzen und den Tod von 346 Menschen führten."

Während des nunmehr 18-monatigen Flugverbots hat Boeing die Software des umstrittenen Steuerungsprogramms MCAS überarbeitet und weitere Modifikationen vorgenommen, um das Pannenflugzeug erneut zertifizieren zu lassen.

In den vergangenen Wochen erfolgten Testflüge durch die FAA und in Kanada durch die EASA, die Agentur der Europäischen Union für Flugsicherheit. Offen bleibt aber, wann die fast 800 Exemplare der Boeing 737 Max eine Wiederzulassung erhalten und abheben werden.

Quelle: https://transportation.house.gov

Lesen Sie auch:

737 Max: Neue Boeing wird zum Pannenflieger - nicht zum ersten Mal

Boeings Chef Muilenberg schaute nur auf den Börsenwert – und vergaß das Wichtigste

Bitter für Boeing - jetzt ermittelt das FBI strafrechtlich gegen den Flugzeughersteller


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker