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Arabische Halbinsel: Die Stille in der Wüste des Omans erleben

Der Oman ist das friedliche Vorzeigeland im Mittleren Osten. Wer durch das Sultanat reist, erlebt einen magischen Orient voller Traditionen, schöner Landschaften und mit mitfühlenden Bewohnern.

Von Stefan Nink

Attraktion im Landesinneren: Nizwar. Die Oasenstadt liegt am Südrand des Hadschar-Gebirges, 180 Kilometer von Maskat entfernt.

Attraktion im Landesinneren: Nizwar. Die Oasenstadt liegt am Südrand des Hadschar-Gebirges, 180 Kilometer von Maskat entfernt.

Getty Images

Es ist der erste Morgen in der Wüste, als das Land sein schönstes Geheimnis offenbart. Eine majestätische Ruhe liegt über dem Tal, es ist still, so still, wie es nur sein kann, wenn man mitten in der Menschenleere des Al-Dschabal-al-Achdar-Gebirges anhält und aus dem Auto steigt. Irgendwo reibt eine Zikade ihre Beinchen aneinander, oben am Himmel ruft ein Falke, ansonsten ist da nichts, nicht mal der Wind.

Da taucht ein Mann auf. Zwischen Dornbüschen und Gesteinsbrocken, er ist auf einmal da, als habe er sich genau in diesem Moment materialisiert. Er trägt eine weiße Dischdascha, das traditionelle Männergewand, und einen Vollbart wie ein Sultan. Und fragt, ob es Probleme mit dem Auto gebe. Ach so, keine? Aber vielleicht suche man Hilfe beim Auffinden des Weges? Nein? Er neigt den Kopf zur Seite, seine Kufiya, ein Kopftuch, fällt über die Schulter, er lächelt versonnen, als könne er alles über den Besucher erfahren, wenn er nur ein paar Minuten genau hinsehe.

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Al Maha Desert Resort & Spa

Dubai: Al Maha Desert Resort & Spa

Al Maha lautet der arabische Name der Oryxantilope – und tatsächlich kann man diese grazilen Geschöpfe hier draußen treffen. Das Desert Resort liegt mitten in der Wüste in einem Naturreservat, 45 Autominuten vom hektischen Treiben Dubais entfernt. Optisch einem Beduinencamp nachempfunden – nur natürlich sehr viel luxuriöser –, fügen sich die pavillonartigen, mit handgearbeiteten Möbeln ausgestatteten Suiten pittoresk in die champagnerfarbene Dünenlandschaft ein. Kamelreiten? Eine Wüstensafari? Oder lieber Bogenschießen? Jeden Tag können die Gäste unterschiedliche Angebote wählen, immer morgens und abends, bevor es zu heiß wird und man sich besser im Privatpool abkühlt.


Adresse: Dubai, Dubai Desert Conservation Reserve, Al Ain Road, Tel. 4-832 99 00, www.al-maha.com, DZ ab 635 €  

Man habe tatsächlich bloß angehalten, um die Stille der Wüste zu spüren? Der Mann nickt mit dem Kopf in eine Richtung und sagt, dass er dort hinten wohne. Dort hinten ist nichts außer Geröll. Mitfahren möchte er nicht. Nein, sagt er, er gehe lieber zu Fuß. Und geht hinein in dieses Nichts. Nach wenigen Augenblicken ist er nicht mehr zu sehen.

Teekannen und Gebäck

Vielleicht ist das der prägende Eindruck einer Reise in den Oman: Man fühlt sich gut aufgehoben in diesem Land. Egal, ob am Strand von Qalhat, auf dem Markt von Nizwa oder irgendwo an der Küste bei Taqa, selbst dann, wenn man mitten in der alttestamentarischen Gesteinsödnis anhält und aussteigt – fast immer ist da jemand, der sich nach dem Wohlbefinden erkundigt.

Oft wird einem zugewinkt, manchmal holen Leute Teekannen oder Gebäck aus dem Auto, immer bekommt man ein Lächeln mit auf den Weg. Es ist, als freuten sich die Menschen tatsächlich über jeden, der sie und ihre Heimat besucht. Als seien sie dankbar, dass sich jemand die Mühe macht, mit dem Mietwagen in entlegene Gebirgstäler zu fahren, um die Stille der Wüste zu erleben. Der Oman ist das friedliche Vorzeigeland im Mittleren Osten – wenn auch hier eingeschränkte Meinungs- und Pressefreiheit herrschen, Homosexualität offiziell verboten ist.

Liebe auf den zweiten Blick

Luxusverwöhnte Gäste sind bei der Ankunft vielleicht erst einmal enttäuscht. Das da hinten soll die Hauptstadt sein? Ohne Skyline, ohne Hubschrauber, die Gäste zu Rooftop-Bars fliegen? Der Oman, das merkt man schnell, schmeißt sich nicht ran an seine Besucher, das protzige Höher-größer-teurer-Gehabe seiner Nachbarn ist ihm völlig fremd.

Steine und Sterne: in der Wüste des Omans lässt sich die Stille der Wüste erfahren

Steine und Sterne: in der Wüste des Omans lässt sich die Stille der Wüste erfahren

Getty Images

Im Vergleich zu den anderen Reisezielen auf der Arabischen Halbinsel ist der Oman so etwas wie der stille Cousin, der bei Familienfeiern lieber auf dem Balkon steht und sich die Sterne anschaut, während der Rest der Verwandtschaft drinnen mit neuen Besitztümern oder Luxusurlauben prahlt. Es gibt hier keine Skipisten in Shoppingmalls, keine künstlich angelegten Hotelinseln und keine Türme, deren Spitzen in den Wolken verschwinden.

Stattdessen sieht man in den ersten zwei Stunden: eine vor sich hin bröselnde Festung und etwa 15 Straßencafés, die mit Neonanzeigen wie in den 70er Jahren auf sich hinweisen. Fischer, die ihre Netze flicken, einen Musiker mit Saz. Und eine Bande Nachwuchskicker, die einem den Ball zuspielen und "Özil, Özil!" rufen.

Ganz Maskat sieht man nebenbei auch. Der Oman ist fast so groß wie Deutschland, seine Hauptstadt aber lässt sich locker auf einem Vormittagsspaziergang erkunden. Für die Stadt Matrah nebenan ist dann nachmittags Zeit. Auch deswegen sitzt man schon am zweiten Tag der Reise im Mietwagen und fährt los.

Mit dem Geländewagen unterwegs

Eine halbe Stunde in irgendeine Richtung genügt, und man ist unterwegs in einem Land, das endlos scheint und vor allem leer. Solange man auf den autobahnähnlichen Überlandstraßen bleibt, muss man bloß auf Sandverwehungen achten und auf Dromedare, die gern auf der Straße zu meditieren scheinen.

Komplizierter wird es auf den Nebenstrecken hinein in die Wadis. Die Zufahrt zu diesen engen Gebirgstälern ködert den Reisenden meist mit nur scheinbar guten Bedingungen: die Piste breit, der Schotter fest, so schlimm, denkt man, wird das nicht werden. Wird es aber. Wird es sehr schnell, meist schon hinter der ersten Kurve. Statt bravem Schotter liegen nun unterschiedlich voluminöse Gesteinsbrocken im Weg, aus sanften Mulden werden kratertiefe Löcher, die Piste legt sich schräg oder führt scharf an einem klaffenden Abgrund vorbei.

Schon bald dankt man der Vorsehung, dass man sich am Flughafen für den teureren Allradmietwagen entschieden hat. Und einem einheimischen Autofahrer, der frische Datteln anbietet und den Hinweis, den nächsten Abzweig links zu nehmen: eine Abkürzung, kaum Steine, schöne Panoramen.

Es heißt übrigens, dass man auf solchen Pisten die Seele des Landes entdecke, und vielleicht stimmt das auch. Oasen wie Birkat al-Mawz oder Misfah zum Beispiel, geschützt vor Sonne und neugierigen Blicken durch ein mattgrünes Dach aus Palmwedeln. Die Menschen hier haben vor Ewigkeiten gelernt, wie man mit wenig Grund- oder Quellwasser ein staubtrockenes Stück Wüste in einen Garten Eden verwandelt. Schmale Kanäle verteilen es in jeden Winkel, überall in den Oasen liegt ein leises Plätschern in der Luft. Und ein Hauch von Weihrauchparfüm, wenn eine Frau an einem vorbeigeht. Oder ein Mann.

Weihrauch - Tränen der Götter

Knorriger Weihrauchbaum in der Wüste

Knorriger Weihrauchbaum in der Wüste

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Dieser Duft war es, der das Land einst wohlhabend gemacht hat. Das Harz des Weihrauchbaumes wurde in den Tempeln und Kirchen des Römischen Reichs benötigt. Über die Weihrauchstraße, eine der ältesten Handelsrouten der Welt, transportierten Karawanen es aus dem heutigen Oman zum Hafen nach Gaza. 2000 Jahre später weht der Duft noch immer durch die Luft. Speisen werden mit Weihrauch gewürzt, Geschäfte mit ihm beräuchert, das Wasser in den Hotelspringbrunnen ist mit ihm versetzt. Und auf dem Basar von Salalah haben sich etliche Läden darauf spezialisiert, das getrocknete Harz in verschiedenen Güteklassen anzubieten.

Die Stadt, deren Name klingt wie ein vergessener Popsong aus den Sechzigern, liegt ganz im Süden des Landes. Salalah ist ein beliebtes Urlaubsziel der Omaner; die Ausläufer des Monsuns bringen im Sommer manchmal Regen, über Nacht färbt sich die Wüste dann grün. Im restlichen Jahr aber ist es hier noch ruhiger als anderswo in diesem ruhigen Land. Viel zu sehen gibt es nicht, einen endlosen Strand, vor dem die Sonne sich abends als Feuerball ins Meer abseilt, und einen Basar, auf dem man sanft umworben wird. Setzen Sie sich! Essen Sie mit uns zu Abend! Probieren Sie unseren mit Weihrauch gewürzten Tee!

Bald kann man nicht mehr widerstehen, nimmt Platz, trinkt, isst und kauft ein, für umgerechnet ein paar Euro: jene Harzstückchen, die die Römer einst die "Tränen der Götter" nannten, abgepackt in kleinen Dosen. Wer sie später zu Hause öffnet, die Augen schließt und tief einatmet, kehrt zurück in den Oman. Und ist für kurze Zeit in den Wüsten und Wadis eines Landes, in dem er sich umsorgt und behütet gefühlt hat.

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