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Interview

Der Anti-Atlas: Reiseführer für Abenteurer: Wo liegt der gefährlichste Ort der Welt?

Säure-Seen, Giftschlangen und Plutonium. Ein neuer Reiseführer mit dem Titel "How to kill yourself abroad" beschreibt die schlimmsten Orte unseres Planeten. Warum nur? Wir befragten den Autor Markus Lesweng und zeigen einige der Orte.

Die wohl deprimierendste Stadt der Welt: Norilsk, im höchsten Norden Russlands war einst ein Gulag. Hier werden ohne Rücksicht auf Verluste Metalle gefördert. Luft und Regen sind verpestet.

Die wohl deprimierendste Stadt der Welt: Norilsk, im höchsten Norden Russlands war einst ein Gulag. Hier werden ohne Rücksicht auf Verluste Metalle gefördert. Luft und Regen sind verpestet.

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Herr Lesweng, Sie haben einen Reiseführer für Waghalsige, Leichtsinnige und Lebensmüde geschrieben. Warum?

Es gibt ja unzählige Reiseführer, doch den meisten ist gemein, dass sie jede Milchkanne zu einer Sehenswürdigkeit hochjazzen. Ich dagegen wollte die wirklich ungewöhnlichen Orte und ihre faszinierenden Geschichten zusammenstellen – herausgekommen ist eine Art "Anti-Reiseführer" für Leute mit einem Faible für schwarzen Humor und den gelegentlichen, sanften Hauch von Zynismus.

In Ihrem Buch "How to kill yourself abroad" sind sechzig der widerlichsten Orte der Welt aufgezählt: Dort findet man Seen aus Säure, Giftschlangen, Killerviren, unsichtbare, tödliche Gaswolken und andere Unannehmlichkeiten. Waren sie zum Teil selber dort?

Ich bin monatelang durch Australien gereist und hatte durchaus spannende Begegnungen mit der einheimischen Fauna, darunter eine Giftschlange im Rasenmäher, ein Krokodil im Garten und eine Riesenspinne in der Unterhose. Und ich war am Säure-See in Indonesien. Andere nervenaufreibende Erfahrungen habe ich bei einem Vulkanausbruch in Chile oder beim Planschen mit neugierigen Haien in Polynesien gemacht. Aber nicht alle meine Erlebnisse haben es ins Buch geschafft. Ich wollte die extremsten Orte.

Gehen wir mal ein paar durch. Da ist zum Beispiel die"Insel der Wiedergeburt" in Usbekistan. Klingt erst einmal nett, der Name...

Um wiedergeboren zu werden, muss man allerdings erst einmal hopsgehen. Auf der Insel der Wiedergeburt findet sich passend dazu ein Hals über Kopf verlassener Außenposten der sowjetischen Biowaffenforschung. Niemand weiß mehr, was sich in den Fässern befindet, die nun in der Geisterstadt unbewacht vor sich hin rosten. Vielleicht nichts – vielleicht aber auch Killerviren.

Atlas für Leichtsinnige: So sehen die unmöglichsten Reiseziele der Welt aus
An der Ostküste von Java in Indonesien: "In dem Krater des Vulkans Ijen befindet sich ein Säurebad mit einem pH-Wert von knapp über Null", sagt Autor Markus Lesweng.

An der Ostküste von Java in Indonesien: "In dem Krater des Vulkans Ijen befindet sich ein Säurebad mit einem pH-Wert von knapp über Null", sagt Autor Markus Lesweng.

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Warum ist die Insel Queimada Grande in Brasilien so gefährlich?

Kein Ort der Welt hat eine höhere Dichte an Schlangen, bis zu fünf Stück pro Quadratmeter – und darunter die giftigste Viper der Welt. An einen Ausflug zu dieser Insel werden Sie sich bis an ihr Lebensende erinnern.

Auch Norwegen hat einen extrem gefährlichen Ort. Den Mahlstrom von Saltstraumen...

Wer nachempfinden möchte, wie es Kapitän Nemo mit seiner Nautilus ergangen ist, ist hier goldrichtig. Kleinere Boote und natürlich Schwimmer sind dem stärksten natürlichen Whirlpool der Welt hilflos ausgeliefert.

Zuverlässig und endgültig gegen Muskelverspannungen hilft ein See aus Säure in Indonesien. Wo ist der?

An der Ostküste von Java gelegen, bloß einen Steinwurf vom Urlaubsparadies Bali entfernt. In dem Krater des Vulkans Ijen befindet sich ein Säurebad mit einem pH-Wert von knapp über Null. Wer sich regelmäßig am Krater aufhält, dem verfaulen bereits die Zähne. Wer hier baden geht, endet ungefähr so wie die Nazis, die im Dokumentarfilm "Indiana Jones" unwissend die Bundeslade geöffnet haben.

Auf die Idee, einen Garten mit ausschließlich giftigen Pflanzen zu gestalten, können auch nur Engländer kommen.

Viel hätte nicht gefehlt, und anstelle der schönsten Gärten Englands hätten wir nun einen schnöden Parkplatz. Glücklicherweise hatte eine Herzogin zum richtigen Zeitpunkt den nötigen Mumm, ein altes Anwesen um eine Sammlung der giftigsten Pflanzen der Welt zu ergänzen. Hier, in den Alnwick Gardens an der Ostküste, darf man nichts anfassen, nicht einmal an den Blüten riechen. Aber das sind natürlich nur Empfehlungen!

Würden Sie einem Bad im Meer vor der Insel Réunion empfehlen?

Ja, wenn man ein paar Kilo abnehmen möchte. Man sollte nur konsequent sein und sich vorher mit Senf und mediterranen Kräutern einreiben, um es den Weißen Haien noch möglichst schmackhaft zu machen. Es gibt so einige Orte auf der Welt, die für ihre Haiattacken berühmt sind, aber die Häufigkeit in Réunion ist wahrlich beeindruckend.

Auch einen Urlaub auf dem legendären Atomtest-Atoll Mururoa ist heute noch nicht wirklich empfehlenswert, oder?

Ein kurzer Abstecher nach Mururoa wäre vergleichsweise harmlos, trotz erhöhter Strahlung. Die Gefahr besteht bei einem längeren Aufenthalt oder dann, wenn große Mengen hochgiftigen Plutoniums ungefragt austreten, was dort theoretisch jederzeit passieren kann. Daher lieber nach Bora Bora, dort ist die Welt noch in Ordnung.

Wer Lust auf viele Schwermetalle hat sollte wohin fahren?

In den höchsten Norden Russlands nach Norilsk, einst ein Gulag, heute die wohl deprimierendste Stadt der Welt. Dort wurden – und werden – ohne Rücksicht auf Verluste Metalle gefördert. Luft und Regen sind verpestet, die Lebenserwartung liegt gleich ein Jahrzehnt hinter dem russischen Durchschnitt. Als Bonus gibt es den strengen Winter bei minus fünfzig Grad, natürlich wochenlang ohne Sonnenschein. Wenn sie nicht die Schwermetalle erwischen, dann schafft es die Depression.

Wo liegt aus ihrer Sicht der gefährlichste Ort der Welt?

Die gefährlichsten Ziele liegen "komischerweise" in Russland. Mein Favorit ist ein See, der dermaßen mit Atommüll verseucht wurde, dass man es nicht überleben kann, auch nur eine Stunde reglos am Ufer zu stehen. Angeblich wurde dieser See dekontaminiert, aber wer sich länger als fünf Minuten mit der russischen Geschichte beschäftigt hat, weiß diese Information einzuordnen.

Welche der von Ihnen genannten Ziele kann man bequem erreichen?

Wer eine weite Reise nicht scheut, kann dank guter Infrastruktur die Ziele in Japan, den USA und Australien kommod erreichen. Wenn Zeit und Geld eine Rolle spielen, empfiehlt sich Großbritannien – sowohl mit dem Garten der giftigsten Pflanzen, einem Testgebiet für Milzbranderreger als auch dem weltgefährlichsten Fluss, der bislang jeden umgebracht hat, der hineingefallen ist. Ideal für einen Trip mit der Schwiegermutter: Ausrutschen ist schließlich immer noch gratis.

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