HOME

Kalifornien am Meer: Santa Monica: Wo Alt-Hippies ihre Schildkröten an der Leine Gassi führen

Samtig-milde Luft, blauer Himmel, dazu der Pazifik: Wer Santa Monica nahe Los Angeles besucht, lernt Gelassenheit. Hier begegnet man ausgeprägten Persönlichkeiten und entdeckt vor allem sich selbst.

Von Jochen Siemens

Blick auf den breiten Strand am Santa Monica Boulevard und den Palisades Park bei Los Angeles

Blick auf den breiten Strand am Santa Monica Boulevard und den Palisades Park bei Los Angeles

Getty Images

Schön ist, von einer Reise zu erzählen, in der das Wort "muss" nicht vorkommt. Denn hier gibt es nichts zu müssen. Das merkt man schon, wenn man die wenigen Kilometer aus Los Angeles kommend den Santa Monica Freeway hinunterrollt und auf einmal den Pazifik sieht, auf einen der großen Parkplätze am Strand fährt, die unzähligen Palmen hinaufschaut und, ja, etwas ratlos ist. Und nun? Nichts und nun. Es gibt in Santa Monica keine wirkliche Sehenswürdigkeit, kein großes Museum oder so etwas. Höchstens das Riesenrad auf dem Santa Monica Pier, das solar angetrieben wird, aber das ist in drei Minuten beschaut.

Nein, die wirkliche Sehenswürdigkeit hier ist man selbst. Endlich mal. Und die Wiederentdeckung einer Kunst, die in all den Aktiv-Urlauben und Hot-Spot- Marathons leicht verschollen geht: einfach mal da zu sein und Kalifornier zu werden, für ein paar Tage. Die Luft ist samtig mild, der Himmel meistens blau. Und weil hier fast alle in Sneakers, kurzen Hosen und Hemd herumlaufen, ist es egal, was man anzieht – Hauptsache Sneakers, kurze Hosen und Hemd.

Santa Monica ist zwar von Los Angeles umklammert, aber dennoch eine eigene Stadt mit mehr als 90.000 Einwohnern. Gegründet 1875 als Strandsiedlung, ist sie über die Jahre zum beliebten Ausflugsziel geworden. Leider gehört das Hinterland zu einem der anfälligsten Waldbrandgebiete Kaliforniens, weil die heißen, trockenen Santa-Ana-Winde ordentlich Luft heranpusten. Bei Malibu, dem Reservat von Hollywoods Prominenz einige Kilometer weiter nördlich, wüteten im vergangenen Jahr verheerende Feuer.

Surferinnen mit ihren Brettern

Surferinnen mit ihren Brettern

Getty Images

So, und was macht man jetzt?

Sich treiben lassen und, ganz anders als in Los Angeles, zu Fuß gehen. Das funktioniert hier, weil alle Straßen früher oder später am Strand enden. Spätestens dort merkt man schnell, dass der Kalifornier die autofreie Mobilität auf viele Arten modernisiert hat. Denn an jeder Ecke stehen Elektro-Scooter, die mit einer App zu aktivieren sind und auf denen man dann flink wie eine Libelle über die Straßen oder den "South Bay Bicycle Trail" rollt, den längsten Strand-Radweg der Welt. Man kann natürlich auch Fahrräder leihen und weiter südlich nach Venice Beach fahren. Der sehr breite, weißsandige Strand zieht sich kilometerlang hin.

Am Wasser ist man morgens noch fast allein, mit einem Kaffee aus den ziemlich guten, großen Bars. Man macht ein paar Momente die Augen zu und ist plötzlich von einer mexikanischen Großfamilie umringt, die sich zum Mittag trifft. Später kommen junge Kalifornier an den Strand, meistens aus den vielen Start-up-Büros in Santa Monica, die sehr konzentriert in der Sonne sitzen, sehr konzentriert reden oder sehr konzentriert Volleyball spielen und nach einer Stunde wieder verschwinden. In den 50er Jahren war da auch ein verdammt gut aussehender, blonder Junge dabei, der zum Film wollte: Robert Redford.

Reiseziel Kalifornien: Los Angeles: Die Traumziele jenseits von Hollywood
Getty Center

Getty Center

Mit zwei Millionen Besuchern pro Jahr ist das Kunstmuseum des 1976 verstorbenen Öl-Milliardärs Paul Getty nach der Universal Studio Tour und noch vor dem Hollywood Boulevard und Venice Beach die Hauptattraktion der Stadt. Die fünf Gebäude aus rohem und poliertem Travertin des Architekten Richard Meier zeigen nur einen Bruchteil der 50.000 Werke umfassenden Sammlung. Das Kapital der weltgrößten Kunststiftung beträgt 6 Milliarden US-Dollar. Mit den jährlichen Zinsen in Millionenhöhe werden ständig neue Objekte erworben und die Forschungseinrichtungen finanziert.

Im Meer vor der Nase kann man natürlich auch baden, obwohl es selbst im Sommer eher eine kernigkühle Temperatur hat. Oder man gibt sich dem Tagtraum hin, dass einen Pamela Anderson aus den Fluten rettet, denn die TV-Serie "Baywatch" wurde genau hier gedreht. So ist das, ein Träumen, ein Schauen, ein Kommen und Gehen, und jeder hat irgendwie immer zu tun. Die langweiligen europäischen Dösetage mit Sonnenbrand und Bier gibt es hier nicht. Alkohol unter freiem Himmel und das Rauchen am Strand sind streng verboten, was man auch daran spürt, dass sich die Obdachlosen, die hier in der Nacht ihre Zelte aufschlagen, am Tag sehr höflich zurückziehen. Aber es gibt sie, nicht wenige, und so hat man neben den ölglänzenden Bodybuildern am Muscle Beach einen realistischen Blick auf amerikanische Wirklichkeit.

Wo die Route 66 endet: in Santa Monica

Wer bei allem Müßiggang etwas unternehmen möchte, besucht den Santa Monica Pier mit besagtem Riesenrad und einer Kirmes, die oft voll und laut ist. Immerhin stoppte hier der Filmlauf von Forrest Gump, und es endet genau hier auch die legendäre Route 66.

Die Pier von Santa Monica reicht weit in den Pazifik hinein

Die Pier von Santa Monica reicht weit in den Pazifik hinein

Picture Alliance

Noch interessanter, schöner und kalifornisch spleeniger ist der Abbot Kinney Boulevard im angrenzenden Venice – eine Straße wie ein kalifornisches Trendlabor, in der man viel lernen kann. Etwa, warum vor einem Laden, der "Salt & Straw" heißt, Kunden den ganzen Tag geduldig Schlange stehen: Hier soll es das zurzeit beste Eis der Welt geben, mit sagenhaften Geschmackskompositionen, von denen man noch nie gehört hat. Die Trophäe ist natürlich nicht nur das Eis mit sehr großen Kugeln, sondern auch das Selfie vor der Tür.

Bei "Med Men" gegenüber kann man neben einigen Sorten Dope auch Cannabis-Schokolade oder angebliche Eros-Booster kaufen. Die Cannabis-Boutique, die innen aussieht wie eine Apple-Filiale, ist seit einem Jahr zugelassen. Und noch ein paar Meter weiter befindet sich "Intelligentsia Coffee": An der Kasse wird einem ein Barista zugewiesen, der mit dem Gast jeden einzelnen Espresso diskutiert, die Sorte, die Temperatur und so weiter, bevor er ihn dann "kreiert".

Nach einer Pizza bei "Butcher's Daughter" nebenan geht es auf dem E-Scooter durch die samtwarme Nacht zum Hotel oder Apartment, vorbei an Alt-Hippies, die hier allen Ernstes nachts ihre Schildkröten an der Leine Gassi, na ja, schleichen lassen. Und morgen? Keinen Plan. Einfach nur hier sein. Und ein bisschen träumen zu bleiben.

Lesen Sie auch:

Skyslide




Wissenscommunity