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Unglücksmaschine: Tonband-Mitschnitt enthüllt: Piloten forderten bei Krisentreffen ein Flugverbot für die 737 MAX

Bereits vier Monate vor dem zweiten Absturz einer Boeing 737 MAX verlangten Piloten einer US-Airline bei einem Krisentreffen mit dem Flugzeugbauer weitreichende Verbesserungen der MCAS-Software. Doch die Boeing-Delegation lehnte ab, wie Zitate eines Ton-Mitschnitts belegen.

Demonstration beim Aktionärsversammlung Ende April in Chicago: Angehörige von Opfern des Fluges 302 von Ethiopian Airlines verlangen, dass Boeing strafrechtlich verfolgt und wegen Totschlags angeklagt wird.

Demonstration beim Aktionärsversammlung Ende April in Chicago: Angehörige von Opfern des Fluges 302 von Ethiopian Airlines verlangen, dass Boeing strafrechtlich verfolgt und wegen Totschlags angeklagt wird.

AFP

Das Meeting fand hinter verschlossen Türen am Flughafen Dallas Fort Worth statt. Am 27. November 2018 hatte die Pilotengewerkschaft von American Airlines mehrere Vertreter von Boeing zum Rapport in einen fensterlosen Raum einbestellt.

Erst durch den Absturz vom Lion-Air-Flug 610 mit 189 Toten vier Wochen zuvor hatten die Piloten von der Existenz der Trimmautomatik MCAS erfahren. Diese neue Software soll einen zu starken Steigwinkel und den dabei drohenden Strömungsabriss verhindern. American Airlines gehört mit mehr als 20 ausgelieferten Boeing 737 MAX 8 zu den größten Kunden diesen Flugzeugtyps.

Von Boeing nahmen an dem Treffen Entwicklungschef Mike Sinnett, Testpilot Craig Bomben und Konzernlobbyist John Moloney teil. Auf der anderen Seite des Tisches saßen Gewerkschaftsvertreter und Michael Michaelis, der Flugkapitän und Sicherheitsexperte von American Airlines. Er verlangte, "Boeing solle bei der F.A.A. eine dringliche Lufttüchtigkeitsanweisung erwirken", schreibt die "New York Times". Die Luftaufsichtsbehörde in Washington müsse notfalls ein Flugverbot verhängen.

Doch laut des Tonbandprotokolls, aus dem die Zeitung zitiert, lehnten die Boeing-Vertreter den Vorschlag ab. Die Rolle der MCAS-Software sei beim Absturz der 737 MAX in Indonesien nicht hinreichend geklärt. Sinnett gab allerdings zu, "dass der Hersteller einen möglichen potenziellen Konstruktionsfehler des Flugzeuges, einschließlich der neuen Trimm-Software, bewerte."

Der zweite Katastrophe

Das einstündige Gespräch muss in einer alles anderen als entspannten Atmosphäre stattgefunden haben. Die Piloten beschwerten sich, dass sie über den Einbau der MCAS-Software in den neuen Flugzeugen der MAX-Serie, die im Hintergrund arbeitet, in Umschulungstrainings weder informiert noch vertraut gemacht wurden. "Ich würde denken, dass es eine Selbstverständlichkeit ist, uns Dinge zu erklären, die tödlich sein können", wird der Pilot Todd Wissing aus dem Krisengespräch zitiert.

Mike Sinnett, Boeing Vice President of Product Strategy,  bei einem Pressetermin in Renton im Bundetstaat Washington

Mike Sinnett, Boeing Vice President of Product Strategy,  bei einem Pressetermin in Renton im Bundetstaat Washington

AFP

Am Ende des Schlagabtauschs fragte ein Gewerkschaftsvertreter, ob der Flugzeughersteller die Situation unter Kontrolle habe, bevor ein Software-Update implementiert sei. "Auf jeden Fall", antwortete Sinnett. Aber er sagte auch: "Sie müssen verstehen, dass unsere Verpflichtung zur Sicherheit genauso groß ist wie ihre. Das Schlimmste, was jemals passieren kann, ist eine Tragödie wie diese, und das Allerschlimmste wäre eine weitere."

Keine drei Monate nach dem Meeting in Dallas stürzte eine Boeing 737 MAX 8 von Ethiopian Airlines  kurz nach dem Start in Addis Abeba ab. Alle 157 Menschen an Bord kamen am 10. März 2019 ums Leben. Drei Tage später wurde das weltweite Flugverbot für die bisher 371 ausgelieferten Jets dieses Flugzeugtyps verhängt.

Hohe Zusatzkosten für Airlines

Nach einem Bericht des "Wall Street Journal" dürfte das bisher auf drei Monate beschränkte Flugverbot verlängert werden. Erst muss die überarbeitete Software von den Luftfahrtbehörden abgenommen, in den am Boden stehenden Jets implementiert und die Piloten trainiert werden. Vor Mitte August seien diesen Maschinen nicht einsatzfähig.

Die betroffenen Airlines werden in der Hauptsaison im Sommer 2019 mit diesen Maschinen wohl noch nicht fliegen können. Das trifft in  Europa unter anderem auf Norwegian, Turkish Airlines, Icelandair und Tui Travel zu.

Der Ferienflieger teilte mit, dass die Leasingverträge für Ersatzmaschinen für den Rest des Sommers verlängert werden müssen, sollte ihre Boeing-Maschinen vom Typ 737 Max bis Ende Mai nicht wieder abheben dürfen. Der Konzern rechnet mit Zusatzkosten in Höhe 300 Millionen Euro, die durch das Grounding entstehen.

Quellenwww.nytimes.com und www.wsj.com

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