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Follow Me Viel heiße Luft: Der Streit um die unnötigen 18.000 Leerflüge in der EU

Ein Flugzeug im Landeanflug
18.000 Leerflüge müssten die Jets der Lufthansa-Gruppe in diesem Winterflugplan machen, damit keine Verkehrsrechte verloren gehen, rechnete Lufthansa-Chef Carsten Spohr kürzlich vor.
© Imago Images
Politik und Umweltverbände schlagen Alarm: Angeblich fliegen jeden Tag 100 Flugzeuge der Lufthansa ohne Passagiere durch Europa, nur damit keine Start- und Landerechte verloren gehen. Worum es bei den "Geisterflügen" und der absurden Regelung der EU wirklich geht.

Slots sind eine wichtige Währung in der Luftfahrt. Dabei handelt es sich um Zeitfenster für Start und Landungen auf Flughäfen. An den großen Airports sind günstige Start- und Landezeiten gerade in den Morgen- und Nachmittagsstunden für den Geschäftsreiseverkehr sehr begehrt und daher ein hohes Gut.

Die Anzahl der verfügbaren Slots, auch "Zeitnischen" in der EU-Sprache genannt, hängt von der Kapazität eines Flughafens ab, diese wiederum von der Anzahl der Pisten und den Abfertigungspositionen für die Jets an den Terminals und auf dem Vorfeld.

Für die Vergabe sind im Auftrag staatlicher Behörden die Flughafenkoordinatoren zuständig. Sie planen Monate im Voraus für die jeweilige "Flugplanperiode", gemeint sind die künftigen Sommer- und Winterflugpläne. In Europa wird "die Zuweisung von Zeitnischen auf Flughäfen in der Gemeinschaft" durch die EU-Verordnung Nr. 95/93 geregelt. Die Koordinatoren, "deren Unparteilichkeit außer Frage steht", weisen die Zeitnischen auf überlasteten Flughäfen "nach neutralen, transparenten und nichtdiskriminierenden Regeln" zu, heißt es in dem 16-seitigen Papier aus dem Jahre 1993.

Für Deutschland haben die Aufgabe die 15 Mitarbeiter der Fluko Flughafenkoordination Deutschland GmbH in Frankfurt übernommen, die sich nach Eigenangaben "im vollständigen Eigentum der Bundesrepublik Deutschland" befindet und "von den deutschen Luftraumnutzern und Flughäfen finanziert wird".

Bei der halbjährlichen Vergabe werden angestammte Rechte, sogenannte "Großvaterrechte" angewendet: Hat eine Airline einen bestimmten Slot regelmäßig genutzt, steht eine Neuvergabe nicht weiter zur Diskussion. Durch diese Art von Bestandschutz darf das Luftfahrtunternehmen auch in Zukunft ihre Zeitfenster nutzen.

Doch im Artikel 10 steht der Absatz, der jetzt für Zündstoff sorgt: "Kann die 80-prozentige Nutzung der Abfolge von Zeitnischen nicht nachgewiesen werden, werden alle zu dieser Abfolge zählenden Zeitnischen in den Zeitnischenpool eingestellt, sofern sich ihre mangelnde Nutzung nicht mit einem der folgenden Gründe rechtfertigen lässt", wobei eine Reihe von Ausnahmen und besondere Umstände aufgeführt werden.

"Scharfer Abriss in den Buchungen"

Mit Ausbruch der Pandemie und dem damit verbundenen weltweiten Einbruch des Flugverkehrs wurde die Quote von 80 auf vorübergehend 25 Prozent abgesenkt und später auf 50 Prozent festgesetzt. Doch ab dem 28. März – mit Inkrafttreten des Sommerflugplanes – plant die Kommission eine Erhöhung der Nutzungsquote auf 64 Prozent. Nach Berechnungen der Lufthansa wären daher noch im Winterflugplan Tausende von Leerflügen ohne Passagiere fällig – rein theoretisch.

Aktuell sieht sich die Lufthansa auch aufgrund der Omikron-Variante mit einem überproportionalen Einbruch der Nachfrage konfrontiert. "Ab Mitte Januar bis Februar sehen wir einen scharfen Abriss in den Buchungen. Im Winterflugplan müssen wir daher im Konzern 33.000 Flüge oder rund 10 Prozent streichen", sagte Lufthansa-Chef Carsten Spohr der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" am zweiten Weihnachtstag. "Aufgrund der schwachen Nachfrage im Januar hätten wir sogar noch deutlich mehr Flüge reduziert. Aber wir müssen im Winter 18.000 zusätzliche, unnötige Flüge durchführen, nur um unsere Start-und-Lande-Rechte zu sichern."

Die Lufthansa fürchtet, dass wichtige Routen im Falle einer Neuvergabe an Wettbewerber gehen. Denn an den Flughäfen Frankfurt und München ist die Airline auf ein dichtes Netz von Zubringerflügen für ihre Langstreckenjets angewiesen, sollte der Interkontinentalverkehr insbesondere nach Asien mit dem im Moment brachliegenden Markt China wieder anziehen.

"Ob bereits Leerflüge im großen Umfang stattfanden, ist schwer zu beweisen", sagt Luftfahrtexperte Heinrich Grossbongardt im Gespräch mit dem stern. Es gehe eher darum, Druck auf die EU-Kommission auszuüben, "um sich strategisch wichtige Slots zu sichern."

Die extrem hohe Zahl von 18.000 "Geisterflügen", die dem ehrgeizigen Klimazielen der EU total widersprechen, erscheint daher eher als ein rhetorisches Eskalationsmodell. "Der Beweis, dass sie wirklich leer fliegen, hat die Lufthansa nie erbracht", sagte der Luftfahrt-Journalist Andreas Spaeth in einem Interview dem WDR.

Geisterflüge gibt es nicht

Auf Nachfrage des stern bestätigte die Lufthansa, keinen einzigen Leerflug durchgeführt zu haben. Vielmehr "fliegen wir nicht mit leeren Flugzeugen, sondern mit Flugzeugen, die pandemiebedingt schlecht ausgelastet sind. Das sind unnötige Flüge, die wir zur Sicherung von Start- und Landerechten an unseren Hubs und den großen Flughäfen der EU fliegen", erklärt eine Sprecherin der Fluggesellschaft, die die Aussagen von Carsten Spohr relativiert.

Normalerweise werden schlecht ausgelastete Flüge von einer Airline aus wirtschaftlichen Gründen gestrichen und die Passagiere auf andere Flüge oder auf Umsteigeverbindungen umgebucht. Doch durch die sogenannte Use-it-or-lose-it-Regel müssen diese Flüge defacto durchgeführt werden.

Nach mehr als sechs Stunden Flugzeit wird es draußen hell. Bis zu 165.000 Liter Kerosin fassen die Tanks der zweimotorigen Maschine. Das verschafft dem Airbus A350 eine Reichweite von bis zu 18.000 Kilometern.

In den USA wurde die Slot-Regelung mit Ausbruch der Corona-Pandemie temporär ausgesetzt. In der EU werden Vorgaben dagegen strikter gehandhabt und in den einzelnen Ländern durch die jeweiligen Flughafenkoordination nicht einheitlich umgesetzt.

Im internationalen Verkehr wird die Force-Majeur-Klausel unterschiedlich ausgelegt und es werden nur wenige Ausnahmen genehmigt. "Die Beauftragung von Ausnahmen ist zudem sehr bürokratisch und aufwendig. Jede Ausnahme muss einzeln und das sowohl am Start- als auch am Zielort gewährt werden – es bedarf also immer zweier Genehmigungen", heißt es von Seiten der Lufthansa.

Ein Sturm im Wasserglas

Die aktuelle Diskussion um die Leerflüge erweist sich eher als ein Sturm im Wasserglas, weil es sogenannte "Geisterflüge" nicht gibt. Vielmehr wird die Presse mit Horrormeldungen über umweltpolitischen Wahnsinn für eine rein lobbyistische Debatte eingespannt.

Dass auch frei werden Slots schnell wieder besetzt werden und für mehr Wettbewerb sorgen, hat sich ebenfalls als ein Scheinargument herausgestellt. So musste die Lufthansa 2020 im Gegenzug für staatliche Finanzhilfen 24 Slots in Frankfurt und München abgeben, wie es die EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestage damals verlangt hatte.

Doch ein Hauen und Stechen um die freien Zeitfenster setzte bei der Konkurrenz nicht ein. Eher das Gegenteil ist der Fall. Vor wenigen Tagen hat Ryanair angekündigt, dass der Billiglieger mit Ende des derzeitigen Winterflugplans alle fünf am Flughafen Frankfurt stationierten Flugzeuge wieder abziehen wird.

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