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Hochseeangeln vor Mallorca: Der Tuna-Mann

Den Fisch der Träume fangen: Unser Autor ging mit Angel-Legende Michael Standor auf Thunfischjagd - und fast über Bord. Ein Erlebnisbericht vom Big Game Fishing in den Gewässern vor Mallorca .

Statt zwischen diversen Film-Sets und Pitches jetzt mit Boot und Angel auf dem Mittelmeer: Angel-Legende Michael Standor

Statt zwischen diversen Film-Sets und Pitches jetzt mit Boot und Angel auf dem Mittelmeer: Angel-Legende Michael Standor

Der Fisch hängt im Ankerseil fest. Zum ersten Mal sieht Michael Standor nervös aus. Er sah nicht nervös aus, als das Boot nicht ansprang. "Das ist seltsam, haben wir aber gleich". Er sah nicht nervös aus, als um 5.30 Uhr morgens der Schlüssel für das Lager, in dem die Köderfische aufbewahrt werden, nicht auffindbar war. „Dann fangen wir eben selbst welche.“ Und er sah nicht nervös aus, als wir nach 14 Versuchen nur eine als Tuna-Köder angedachte Stockmakrele fingen. "Dann muss die eben reichen." Aber jetzt, jetzt sieht er ziemlich nervös aus.

Heute ist der dritte Versuch, gemeinsam einen Thunfisch in den Gewässern vor Mallorca zu fangen. Vor exakt einem Jahr fanden wir keinen Termin. Denn der Mann ist gut gebucht. Am Tag zuvor mussten wir nach wenigen Minuten Standors Boot, die "Barracuda", eine neun Meter lange Beneteau, wenden und zurück in den Hafen lenken. Statt der vorhergesagten Windstärke 1 hatte uns Stärke 5 erwartet. Die unwirtliche See hatte das Boot so durchgeschüttelt, dass kurzzeitig die Anfütterungsmaschine über Bord ging. 

Mit selbstgebauten Ködern

Aber jetzt sind wir da: 20 Kilometer vor Cala d’Or hat Standor mit einer weißen Boje seinen geheimen Angelplatz markiert. Würde man ein Geldstück über Bord werfen, es würde nach ungefähr 100 Metern in einer riesigen Furche landen, die sich an dieser Stelle durch den Meeresboden zieht. Eine Art Unterwasser-Canyon. "Hier an dieser Kante tummeln sich die Stockmakrelen. Und hier jagen die Thunfische zwei bis drei Mal am Tag."

Aber nicht jetzt. Denn das Echolot zeigt nichts an. Außer unendliche Wassermassen. Standor nickt Richtung Horizont. Dort zieht ein riesiger Schlepper sein Netz durchs Meer. "Da sind die Tunas jetzt. Sie schwimmen hinter dem Netz her. Und fressen die toten Fische, die aus dem Netz rausfallen. Sie sind schlau. Gehen kaum selber ins Netz. Das haben sie sich über die Jahre irgendwie beigebracht."

Standor nimmt einen großen Haken, ein dickes 650 Gramm schweres Blei und eine leere 1,5-Liter-Wasserflasche. Und beginnt mit der Ködermontage. "Die italienischen Fischer haben das irgendwann erkannt. Und dann Haken mit Fischresten hinter ihre Netze geworfen. Ihre alten Wasserflaschen haben sie als Posen benutzt, wenn die unter Wasser gezogen wurden, wussten sie, dass einer angebissen hatte. Genau so wie die Jungs damals angeln wir heute auch." Er schmeißt die Montage über Bord. "Den Köder bringen wir jetzt auf 80 Meter und dann warten wir."

Die Tuna-Saison beginnt im Mai

Während der Köder sich langsam durch das Wasser nach unten arbeitet, erzählt Standor. Von seiner kleinen aber erfolgreichen Filmproduktionsfirma 4K Workflow, die er in Hamburg besaß. Er produzierte Imagefilme, unter anderem für Airbus und Blohm+Voss. Aber richtig glücklich machte ihn die Welt zwischen diversen Film-Sets und Pitches nie. "Ich dachte immer ans Angeln." Innerhalb von ein paar Wochen verkaufte er seine Firma, zog nach Ibiza und legte sich ein Boot zu. Mittlerweile hat er fünf. Er gründete die Firma Balearic Sportfishing und arbeitet seitdem als Angel-Guide. "Die beste Entscheidung meines Lebens. Ich mache jeden Tag, was ich liebe."

Nur seine Kinder vermisst er in der Haupt-Tuna-Saison von Mai bis Mitte September. "Da bin ich hier auf Mallorca. Sie gehen auf Ibiza zur Schule. Jeden Tag geht es für mich um 5 Uhr aufs Meer. Und erst spät nachts wieder rein. Bei Vollmond oder wenn wir gut im Fisch stehen, bleibe ich die ganze Nacht draußen. Vier Stunden Schlaf sind Luxus."

"In spätestens 20 Minuten knallt es"

Standor, der eben so wirkte als würde er sich am liebsten kurz aufs Ohr hauen, blickt plötzlich alert zum Horizont. Das Schlepperschiff ist kaum noch zu sehen. „Sie haben die Netze eingeholt. Mach dich bereit. In spätestens 20 Minuten knallt es.“

Ich bekomme einen Kampfgurt umgeschnallt. Ein schwarzer gepolsterter Lendengürtel, in dem die Angel fixiert wird. So kann sie dem Angler nicht aus der Hand ins Meer gezogen werden. Auf die Anmerkung, dass ich mitsamt Angel dann ins Meer gezogen werden kann, wird nicht weiter eingegangen.

Plötzlich sind auf dem Echolot zwei große Sicheln zu erkennen. "Sie kommen", sagt Standor. Das Problem: Die Sicheln befinden sich auf 60 Meter Tiefe. Der Köder in 80 Metern. Der 37-Jährige macht ein paar schnelle, kurze Umdrehungen mit der Kurbel. Wir sind jetzt plötzlich ganz still. Selbst die Möwen, die unserem Boot gefolgt sind, weil sie auf essbare Abfälle hoffen, scheinen ihren Atem anzuhalten.

Dann durchbricht ein grelles Geräusch die Stille: Schnur, die von der festgestellten Rolle abgezogen wird. "Fisch!“ brüllt Standor. Alle auf Position!

Welle, warten, kurbeln

Standor guckt mich an und sagt: "Auf dich wartet die härteste Stunde deines Lebens, mein Freund.“ Was soll ich sagen, er hat recht. Keine Ahnung, was ich erwartet habe. Aber das nicht. Nach ein paar Minuten bin ich am Ende. Vollkommen. Kann die Kurbel kaum noch drehen. Immer wieder flieht der Fisch.

"Lass das Meer für dich arbeiten“, sagt Standor. Wenn eine Welle das Boot anhebet, ziehst du automatisch den Fisch mit hoch, ist die Welle durchgerollt, kurbelst du die lose Schnur ein. So arbeitest du dich vor. Meter für Meter." Der Fisch steht jetzt am Grund und 500 Meter weg vom Boot. Mindestens. Wahrscheinlich noch weiter. Meter für Meter, leicht gesagt. Ich bin verzweifelt. Aber ich halte mich an den Rat: Welle. Warten. Kurbeln. Welle. Warten. Kurbeln. 

Dann erneute Flucht. Alles wieder von vorn. Die Kraft, mit der der Fisch nach unten zieht, ist kaum auszuhalten. Es fühlt sich an, als würde ein Passat-Kombi an der Rute hängen. Zweimal muss Standors Gehilfe Christian mich festhalten, damit ich nicht über Bord gehe. Dann geht es besser. Welle. Warten. Kurbeln. Welle. Warten. Kurbeln.

"Verdammt, der Fisch ist weg!"

Plötzlich ist der Druck weg. Stattdessen fühlt es sich an wie ein… Klopfen. Und jetzt, jetzt ist Standor besorgt. Der Fisch hängt mit der Schnur im Ankerseil. Nun muss schnell gehandelt werden. Denn lässt der Druck auf den Fisch nach, löst sich der Haken. Und er ist weg.

Standor hat eine Idee: Wir schnallen die Angeln ab. Du musst sie gut festhalten. Wir entwirren die Seile und ziehen den Anker hoch. So schnell es geht. Vorteil: Wir haben eine Chance, den Fisch zu kriegen. Nachteil: Du musst danach neben dem Fisch auch noch gegen die Strömung anangeln. Alles klar.

Los geht’s. Wir entwirren. Standor und Christian holen den Anker ein. Nachdem die Angelschnur freigelegt ist, beginnt die Kurbelei wieder. Kein Widerstand. Nichts. Kein Druck. Kein Passat-Kombi, der mich in die Tiefe ziehen will. "Verdammt, der Fisch ist weg!“, ruft Standor. Und lässt den Anker los. "Hol den Rest der Schnur ein“.

Adrenalin hilft beim Angeln

Dann versuchen wir es noch mal. Ich kurbele weiter. Nach 20 Meter Schnur ruckt es. Der Fisch ist noch da. "Er ist nur nach oben gekommen“, ruft Standor. "Mach weiter!“ Ich ziehe. Das Adrenalin hilft dabei. Die beiden ziehen an dem schweren Anker wieder hoch. Alle ziehen. An irgendwas.

Thunfisch

Einer der riesigen Thunfische, die man im Mittelmeer vor Mallorca fangen kann. Auch dieses Prachtexemplar kommt gleich zurück ins Meer

Nach weiteren 15 Minuten ist der Fisch zu sehen. Silbrig blau schimmert er uns entgegen, zieht unter dem Boot seine Kreise, die immer kleiner werden. Nach weiteren fünf Minuten ist er im Boot.

Für Belegfotos habe ich keine Muße. Ich muss mir das Frühstück noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Fünf Mal. Die Anstrengung. Ein paar Bilder. Dann wird der circa 65 Kilogramm schwere Thunfisch schnell wieder in die Freiheit entlassen, obwohl Standor eine Lizenz zur Entnahme hat. Aber wir wollen den Fisch nicht mitnehmen. Für Nichtangler vielleicht schwer nachvollziehbar. Wir wollten nur die kurze Begegnung und danach beide wieder zurück – in unsere eigene Welt.



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