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Englisch auf dem Vormarsch: Isländisch - Eine Sprache ist vom Aussterben bedroht

Isländisch ist keinesfalls eine einfache Sprache. Der Meinung sind auch Touristen, sprachgesteuerte Kühlschränke und Smartphones. Das könnte zum Problem werden, befürchten Linguisten.

Von Laila Keuthage

Isländische Fußballfans feuern bei der EM 2016 ihre Mannschaft an

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Rechenhexe statt Computer, kriechender Drache statt Panzer, Maschinenvögelchen statt Drohne. Die Isländer entwickeln liebend gern eigene skurrile Wortkreationen, die einen Gegenstand beschreiben, anstatt Fremdworte und Anglizismen zu verwenden. So schauen sie kein TV, sonder benutzen den Sjónvarp, den Bildrausschicker.

Auch in Sachen Literatur sind die Isländer ganz weit vorne mit dabei: In gibt es pro Kopf die meisten Literaturnobelpreisträger der Welt. Sie haben zwar mit dem Schrifsteller Halldór Laxness nur einen einzigen zu verzeichnen, bei einer Einwohnerzahl von 339.000 führt das trotzdem zur größten Dichte an Literaturnobelpreisträgern.

Doch die Zeiten der lustigen Wortschöpfungen und isländischen Sagen könnten bald vorbei sein, denn einige Wissenschaftler befürchten, dass die isländische Sprache aussterben wird.

Tourismus - Isländisch? Brauchen wir nicht!

Alle wollen nach Island, Geysire und schwarze Strände sehen. Allerdings gibt sich niemand wirklich Mühe, die isländische Sprache zu erkunden. Den legendären "Huh!"-Ruf der isländischen kriegen Touris gerade noch hin, da hört es auch schon auf. Schließlich sprechen die ja sowieso alle gut Englisch - auch das macht Urlaub in dem Inselstaat so attraktiv.

Ein Grund für die guten Englischkenntnisse der Isländer könnte es sein, dass im Fernsehprogramm viele Filme und Serien unsynchronisiert im Originalton, also in englischer Sprache, gezeigt werden - ähnlich wie zum Beispiel auch in Skandinavien oder den Niederlanden. Touristen müssen sich vor und während ihrer Reise dank der guten Englischkenntnisse ihrer Gastgeber nicht bemühen, wenigstens Bruchteile der Landessprache zu erlernen, und dies tun sie auch nicht. Die Folge: Innerhalb des Landes wird immer weniger Isländisch und immer mehr Englisch gesprochen.

Doch laut Linguisten bedrohen noch einige weitere Faktoren die Existenz des Isländischen. 

Island: Schlechte Förderung für Einwanderer

Wie bereits erwähnt: Der Tourismus boomt in Island. Jedes Jahr wächst die Zahl an ausländischen Urlaubern, sodass 2016 über 1,5 Millionen Touristen durch die isländische Natur streiften - und das bei einer Einwohnerzahl von nicht einmal 340.000. Das schafft jede Menge Arbeitsplätze, aber auch Überforderung. Die Tourismus-Branche ist der mit Abstand größte Arbeitgeber Islands und benötigt dringend Arbeitskräfte. Jede zweite neue Stelle wird nicht durch Isländer besetzt. Dadurch wird auch auf der Arbeit immer mehr auf Englisch kommuniziert.

Laut der isländischen Zeitung "The Reykjavik Grapevine" sind die schlechten oder gar fehlenden Sprachkurse für Immigranten ein großes Problem. Die Menschen, die zum Arbeiten nach Island kommen, bekommen demnach entweder keine oder nur überteuerte, nicht auf die Teilnehmer angepasste, und zeitlich ungünstige Kurse angeboten, um Isländisch zu lernen. 

Siri kann kein Isländisch

Ein weiteres Problem: die Digitalisierung des modernen Lebens. Nicht nur echte Menschen sprechen immer weniger isländisch, auch Siri und Alexa geben sich keine Mühe, die Sprache zu lernen. Das gilt ebenso für die Entwickler sämtlicher Geräte, die mittels Sprachsteuerung funktionieren: Navigationssysteme, digitale Kühlschränke, Smartphones, interaktive Roboter und so weiter. Isländisch zählt neben Lettisch, Maltesisch und Irisch zu den schwächsten und am wenigsten unterstützten Sprachen in digitalen Technologien. Dies ging aus einer Untersuchung der "Multilingual Europe Technology Alliance" hervor.

Solche digitalen Neuheiten braucht man zwar nicht unbedingt und ist auch vor 20 Jahren noch ohne sie ausgekommen. Wer jedoch an einer modernen Gesellschaft teilnehmen will, möchte auch die modernen Technologien nutzen. Damit geht für Isländer ein immer geringer werdender Gebrauch der eigenen Muttersprache einher. Dies ist zwar ein schleichender Prozess, aber er findet statt. Eine isländische Lehrerin sagte beispielsweise gegenüber der "Reykjavik Grapevine", sie bekomme mit, dass Schüler sich auf dem Pausenhof teilweise auf Englisch unterhalten - obwohl sie alle isländischer Herkunft sind. Außerdem seien insgesamt Verschlechterungen bezüglich des Vokabulars und Leseverständnisses im Fach Isländisch zu beobachten.

Ist Isländisch das neue Latein?

Fakt ist: Je weniger die Isländer ihre Sprache im Alltag nutzen können, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie diese irgendwann komplett durch Englisch ersetzen.

Vigdís Finnbogadóttir

Islands Präsidentin von 1980 bis 1996: Vigdís Finnbogadóttir, das erste demokratisch gewählte weibliche Staatsoberhaupt weltweit.

Oder um es mit den Worten der früheren isländischen Präsidentin Vigdís Finnbogadóttir zu sagen: "Wenn sich daran nichts ändert, wird Isländisch in derselben Tonne landen wie Latein." Einige isländische Politiker fordern nun, dass die Regierung mehr Geld in die Hand nehmen müsse, um diese Entwicklungen aufzuhalten und die Sprache, die grundlegend zur Kultur Islands gehört, zu retten.

Möglicherweise geschieht dies bald: Um einen kompletten Verlust der traditionsreichen Sprache zu verhindern, gibt es inzwischen seitens des isländischen Bildungsministeriums Überlegungen, eine öffentlich zugängliche Sprachdatenbank zu erstellen, ausgerichtet auf technische Geräte. So wäre es für die Entwickler einfacher und kostengünstiger, auch Isländisch als Sprache in ihre digitalen Neuheiten zu integrieren. Eventuell würden so auch die modernsten Rechenhexen bald auf Isländisch mit ihren Nutzern kommunizieren können. Da eine solche Datenbank das kleine Land jedoch schätzungsweise fast neun Millionen Dollar kosten würde, ist unklar, ob diese Maßnahme wirklich realisiert wird.


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