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New York : Ein Paar ist in New York jeden Monat umgezogen – und weiß jetzt, was es wirklich glücklich macht

Christina Horsten und Felix Zeltner sind in New York in einem Jahr zwölfmal umgezogen. Dabei haben sie gelernt, was ein Zuhause wirklich ausmacht – und warum sie nirgends ankommen müssen, um glücklich zu sein. 

Christina Horsten und Felix Zeltner mit ihrer Tochter Emma

Zwölf Umzüge in einem Jahr: Christina und Felix haben ein ungewöhnliches Experiment gewagt 

Jeden Monat Kisten packen, jeden Monat eine neue Wohnung, ein neuer Stadtteil, neue Nachbarn – und das alles mit einem einjährigen Kind in der Acht-Millionen-Einwohnerstadt New York. Die Journalisten Christina Horsten und Felix Zeltner haben ein ungewöhnliches Experiment gewagt: Sie sind in einem Jahr zwölfmal umgezogen. Dabei haben sie nicht nur gemerkt, wie wenig ihnen materielle Dinge bedeuten, sondern auch, was sie stattdessen glücklich macht. Über ihre Erfahrungen haben sie ein Buch geschrieben: "Stadtnomaden" – und damit ganz unterschiedliche Reaktionen ausgelöst. 

"New Yorker waren von unserem Projekt meistens richtig begeistert", erzählt Christina dem stern. "Aber von Deutschen kam viel Kritik. 'Wenn das jeder machen würde' oder 'Das geht doch nicht' sind da so typisch deutsche Sätze. Im Englischen gibt es die gar nicht. Auch mein Onkel hat gefragt, warum wir immer so sinnlos rum rasen müssen, wovor wir denn fliehen würden."

Schnell merkte das Paar: Wer kein klares Ziel hat, nirgendwo ankommen will, stößt Menschen vor den Kopf. Vor allem offenbar Deutsche, die im Durchschnitt nicht einmal fünfmal in ihrem Leben umziehen. "Es war aber auch nicht so, dass wir aus Langeweile umgezogen sind", sagt Christina. "Es war kein Luxus-Projekt."

Ursprünglich war die Idee des Paares nur eine Notlösung. Der Vermieter hatte sie kurzfristig aus ihrer ersten New Yorker Wohnung rausgeschmissen. Auf einmal standen sie mit ihrem einjährigen Baby auf der Straße. Als sie merkten, wie schwierig es werden würde, so schnell eine neue Wohnung zu bekommen, schmiedeten sie ihren Plan. Heute sagen sie, sie würden es sofort wieder machen. Mittlerweile haben sie zumindest für zwei Jahre einen festen Wohnsitz. Dann geht die Suche weiter. Mit der Idee, dass doch jeder Mensch irgendwann irgendwo ankommen müsse, können Christina und Felix nur wenig anfangen. 

In jeder New Yorker Wohnung ließ die Kleinfamilie ein Foto von sich machen. Meistens auf dem Sofa – ihrem Lieblingsmöbelstück

In jeder New Yorker Wohnung ließ die Kleinfamilie ein Foto von sich machen. Meistens auf dem Sofa – ihrem Lieblingsmöbelstück

"Hinter dem Wort ankommen vermute ich die Sehnsucht, dass es diesen einen perfekten Ort gibt, den super sicheren Job, den ewigen Platz, wo man für immer glücklich ist. Und ich glaube: Den gibt es nicht", sagt Felix. Gleichzeitig können die beiden sich vorstellen, woher diese spezielle Sehnsucht kommt. "Wir leben in einer Zeit, in der sich viel verändert, für viele von uns. Das Ankommen ist dabei ein sehr hohes Ziel. Aber ich finde, man kann ja auch in einem Café ankommen. Vielleicht für 15 Minuten. Und geht dann weiter."  

Sie lernten, auf welche Dinge sie leicht verzichten können

Die beiden sind dafür, weiterzugehen, immer. Während ihres Projekts blieben sie nie länger als einen Monat in derselben Wohnung. Nach und nach lernten sie, auf welche Dinge sie verzichten können: Bücher, die sie schon gelesen haben. Dekoration, die niemand braucht. Zu viel Kinderspielzeug, zu viel Kleidung, Küchengeräte. 

"Wir kochen nicht", sagt Christina und lacht. "Das entsetzt wirklich viele Deutsche. Aber essen zu gehen, ist in New York günstiger, als Essen im Supermarkt zu kaufen."

Noch schlimmer als das Unverständnis vieler Deutscher, dass sie nirgends für immer bleiben wollen und dann – das darf doch nicht wahr sein – noch nicht einmal kochen, finden Christina und Felix aber eine andere Frage. Die Frage, die ihnen am häufigsten gestellt wird: An diesem einen Ort, wo sie jetzt sind, in dieser Wohnung, die sie nun nach all den anderen Wohnungen haben – werden sie da für immer bleiben?

"Das ist der Versuch von Leuten, eine Schublade auf und zu zu machen. Keine Ahnung, ob irgendwer für immer irgendwo bleibt", sagt Felix. "Ich hoffe nicht. Ich hoffe, dass sich Leute auch noch andere Orte anschauen." Die beiden müssen lachen. Die Vorstellung, den Rest ihres Lebens an nur einem Ort zu verbringen, liegt ihnen so fern, wie anderen die Vorstellung, jeden Monat in eine andere Wohnung zu ziehen. Hinzu kommt, dass Mietverträge in New York oft nur für ein Jahr gelten. Die New Yorker haben einen anderen Lebensrhythmus. 

"Wir wissen jetzt, dass wir alles irgendwie schaffen"

Der Bezug der beiden zu ihrer Wohnung, zu dem, was sie ihr Zuhause nennen, hat sich durch ihr Experiment komplett verändert.

"Ich habe nicht mehr so eine emotionale Bindung an meine Wohnung", sagt Christina. "Wenn wir jetzt rausgeschmissen werden würden, wie damals am Anfang, würde nicht mehr meine Welt zusammenbrechen. Ich wüsste, dass wir das schon irgendwie schaffen würden."

Nach diesem Motto scheinen Christina und Felix ohnehin zu leben: Dass sie schon alles irgendwie schaffen. Dass sie nicht immer den perfekt ausgeklügelten Plan brauchen. Der dann am Ende so oft ohnehin nicht aufgeht. Sie sind optimistisch, lachen viel und wirken entspannt, obwohl sie in dieser Nacht erst von New York nach Hamburg geflogen sind: mit ihren mittlerweile zwei Töchtern. Ihre kleine Tochter Emma und Baby Lilly haben sie zum Interview einfach mitgebracht. Christinas Schwester passt auf sie auf.

In New York nimmt Christina ihr Baby überall mit hin, auch zur Arbeit. Eine Elternzeit gibt es in New York nicht. Also kommt Lilly mit, bei Pressekonferenzen schläft sie auf dem Arm ihrer Mutter – oder schreit, wie Babys das eben so machen. Für das Paar sind Kleinkinder bei der Arbeit, wie für viele Amerikaner, völlig normal.

"Viele Eltern schränken ihr Leben ein, sobald sie Kinder haben", sagt Felix. "Sie denken, man kann Kindern nicht so viel zumuten. Unsere Kinder sind sehr glücklich. Wir glauben, man kann Kindern sehr viel zumuten. Man muss es nur auch sich selber zumuten." 

Die kleine Tochter Emma war bei jedem Umzug dabei. "Ich glaube, man kann Kindern sehr viel zumuten. Man muss es nur auch sich selber zumuten", sagt Felix

Die kleine Tochter Emma war bei jedem Umzug dabei. "Ich glaube, man kann Kindern sehr viel zumuten. Man muss es nur auch sich selber zumuten", sagt Felix

Die New Yorker seien da viel entspannter, vielleicht auch herzlicher. "Wenn sie auf offener Straße jemanden mit einem schreienden Kind sehen, sagen sie zum Beispiel: 'We feel you'. Wir wissen in diesem Moment einfach: Wir sind nicht alleine und dass es das Normalste auf der Welt ist, dass Kinder schreien." Ein solches Verständnis würde sich das Paar manchmal auch in Deutschland wünschen.

In Deutschland war das Leben okay, in New York ist es wow 

Es ist Christina und Felix anzusehen, wenn sie erzählen: Dieses unbeschreibliche gewisse Etwas von New York, das nicht alle mögen, aber viele lieben, hat auch sie in ihren Bann gezogen. Im Schnitt geben New Yorker 2.800 Euro im Monat nur für ihre Miete aus. Laut Christina und Felix ist es das wert.

"Du steckst wahnsinnig viel rein in diese Stadt. Wir beide arbeiten mehr und länger und härter als wir das je zuvor getan haben und es gibt Tage, da treibt es dich an den Rand der Verzweiflung", sagt Christina. "Wenn du nicht aufpasst, dann siebt die Stadt dich aus. Dann fliegst du raus. Aber wenn du es schaffst, oben zu schwimmen, dann sind die Menschen, die du triffst und diese Erlebnisse, die du hast, das Beste. Dann gibt die Stadt zurück."

In Deutschland, da sei ihr Leben "schon okay" gewesen. Aber eben auch nur okay. In New York seien die Ausschläge riesig. Entweder bist du ganz unten, oder ganz oben. "Wenn du oben bist, dann spürst du sie, diese Energie, die in New York ist und die dir das Gefühl gibt, die ganze Welt dreht sich letztlich um New York. Was mir so viel gibt, das ich denke: Wow. Also das will ich haben. Du wirst süchtig danach." 

Die Immigranten als Teil des New Yorker Zaubers 

Aber noch etwas anderes mache den besonderen Zauber dieser Stadt aus: die Migranten. "New York besteht zu 50 Prozent aus Migranten. Die bringen ein ganz besonderes Lebensgefühl in die Stadt. Wir sind dort ja selbst streng genommen fremd, aber so viele andere auch. Deshalb wissen sie, wie es ist. Man hilft sich. Ich finde es selbst erstaunlich: Aber in dieser riesigen Stadt aus Beton passen die Menschen sehr gut aufeinander auf."

Natürlich seien auch in New York schlechte Menschen, geben die beiden zu. Natürlich gebe es auch dort Gewalt und Rassismus. "Aber: Hab erst mal eine Stadt mit acht Millionen Einwohnern, in der die Leute 'sorry' sagen, wenn sie dich anrempeln und 'thank you', wenn sie aus dem Bus steigen. Und manchmal frage ich mich: Wäre irgendwo ein zweites New York möglich?", überlegt Felix. "Wäre in Deutschland eine Stadt möglich, die zu 50 Prozent aus Migranten besteht und in der sich trotzdem so viele so sehr zu Hause fühlen wie bei uns, in New York?" 

Bei ihrem Projekt haben die beiden gelernt, was es eigentlich ausmacht, dieses Gefühl des Zuhause-Seins, von dem sie sprechen. Die Wohnung, das wissen sie nun, ist dabei völlig unwichtig.

"Es sind eben genau nicht die Dinge, auf die es ankommt, um sich irgendwo zu Hause zu fühlen. Es sind die Menschen. Das haben wir an unserer kleinen Tochter Emma gemerkt. Egal, in welcher Wohnung wir gelebt haben, egal in welcher Stadt wir unterwegs sind. Das alles interessiert sie nicht. Ihr Zuhause ist da, wo wir sind." 

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