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Tipps vom Familientherapeuten: So verläuft der Urlaub ohne Krach

Jetzt beginnt die Urlaubszeit, jeder freut sich auf die Ferien mit der Familie. Aber dann gibt es Streit, wenn alle aufeinander hocken. Woher der Ärger kommt und wie er sich vermeiden lässt.

Herr Solty, wieso streiten wir uns eigentlich im Urlaub?
Stellen Sie sich folgende Situation vor: Mutter und Vater sind berufstätig, die Familie kommt nur am Abend für ein paar Stunden zusammen. In den Ferien sind plötzlich alle zu Hause und verbringen viel Zeit miteinander. Das klingt erst einmal schön. Aber es kann schnell zum Problem werden. Das ist wie an Weihnachten: Man wünscht sich eine harmonische Zeit. Alles soll perfekt sein. Aber jeder hat andere Erwartungen - vor allem an den gemeinsamen Urlaub. Und die prallen dann aufeinander.

Was für Erwartungen sind das?
Das fängt schon an bei der Planung: Die Eltern wünschen sich vielleicht einen entspannten Urlaub im Allgäu, die Kindern haben mehr Lust auf einen All-inclusive-Urlaub am Mittelmeer. Problematisch wird es, wenn der eine nicht weiß, was der andere will.

Was schlagen Sie vor?
Streit lässt sich vermeiden, wenn man sich vorher zusammensetzt und den Urlaub gemeinsam mit den Kindern plant. Leider haben wir verlernt, miteinander zu reden. Es erleichtert die Sache, wenn man offen über seine Wünsche und Vorstellungen spricht. Wichtig sind Kompromisse. Eltern könnten zum Beispiel sagen: Dieses Mal fahren wir in die Berge - aber beim nächsten Urlaub machen wir das, was ihr wollt. In den ersten Jahren, wenn die Kinder noch klein sind, mag die Hütte in den Bergen ja schön sein. Aber Kinder entwickeln sich weiter, ihre Interessen verändern sich. Mit 13 Jahren ist es auf der Alm sicher nicht mehr so spannend wie am Mittelmeer. Eltern müssen die Bedürfnisse ihrer Sprösslinge berücksichtigen. Ansonsten gehen die Ferien schief.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Ich denke da an eine Familie, die schon eine Zeit lang zu uns in die Beratungsstelle kam. Mit dem Sohn, er war 14 oder 15 Jahre alt, gab es zu Hause ständig schlimme Auseinandersetzungen. Nun wollten sie gemeinsam für 14 Tage an die Nordsee fahren - in eine kleine Zweieinhalb-Zimmer-Ferienwohnung. Da dachte ich: Oje! Es gab dort keine Möglichkeit, sich aus dem Weg zu gehen. Dazu kam, dass der Junge gar keine Lust hatte, mit seinen Eltern an die Küste zu reisen. Die ganze Planung war von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Was haben Sie der Familie geraten?
Ich habe gesagt: Überlegen sie sich das gut. Gibt es vielleicht Alternativen? Kann der Junge für diese Zeit nicht bei Freunden oder Verwandten bleiben? Aber seine Eltern bestanden darauf, dass er mitkommt. Sie haben sich unglaublich viel von diesem gemeinsamen Familienurlaub erhofft. Als sie dann zurückkamen, erzählten sie mir, dass sie zwischendurch kurz davor waren, den Aufenthalt abzubrechen. Das waren schwere 14 Tage. Für alle.

Wie schafft man es, eine schöne Auszeit miteinander zu verbringen?
Man sollte sich Pausen voneinander gönnen. Nur weil man zusammen wegfährt, muss man nicht auch rund um die Uhr alles gemeinsam machen. Jeder hat andere Interessen. Die Mutter möchte vielleicht nur die Seele baumeln lassen und ein Buch lesen; aber der Vater will Ausflüge machen, einen Mietwagen ausleihen und die Gegend erkunden. Oder die 13 Jahre alte Tochter möchte eigentlich nur auf der Strandmatte liegen und sich bräunen. Wenn man den anderen keine Freiräume lässt, kann es schon mal krachen.

Und schon sind die Ferien ruiniert?
Nicht unbedingt. Streitereien gehören dazu. Man muss nur wissen, wie man sie löst. Viele Menschen wollen Probleme am liebsten sofort klären. Aber das ist eine fatale Annahme. Während eines hoch emotionalen Streits kommt man kaum zu einer konstruktiven Lösung. Der eine ist verletzt, der andere sauer und traurig. Es ist besser, sich erst einmal zurückzuziehen und zu beruhigen. Später kann man dann einen zweiten Anlauf starten. Für einen Urlaub mit Kindern gilt das noch viel mehr: Für sie ist es sehr schlimm, wenn sich die Eltern vor ihren Augen streiten.

Ist nicht gerade der Urlaub eine gute Zeit, Grundsätzliches zu besprechen. Schließlich hat man mehr Ruhe?
Nein, diese gemeinsame Zeit ist dazu da, um abzuschalten. Sie hat nicht den Zweck, Konflikte und Alltagsprobleme zu klären. Wer Kinder hat, für den gilt: Schulsachen sollten im Tornister bleiben. Wenigstens für zwei Wochen. Gerade Jungen und Mädchen mit ihrem anstrengenden Schulalltag sollten einmal an etwas Anderes denken und sich erholen.

Wird es leichter, wenn Oma und Opa mitfahren?
Heute ist es gar nicht mehr unüblich, mit mehreren Generationen gemeinsam zu verreisen. Das muss dann ganz besonders gut geplant werden. Häufig entsteht die Vorstellung, wenn man sich eine Ferienwohnung teilt, Oma oder Opa könnten auf die Kinder aufpassen. Das sorgt für Spannungen. Im Alltag tritt man einander gelassener gegenüber, weil man sich eben nicht jeden Tag sieht. Am Urlaubsort prallen dann die ganzen Eigenheiten der verschiedenen Familienmitglieder aufeinander. Da können alte Konflikte zwischen den Eltern und Großeltern oder den Schwiegereltern und dem Schwiegerkind aufbrechen.

Was sind die goldenen Regeln für einen gelungenen Urlaub?
Sprecht euch ab. Gewährt euch Freiraum und Individualität. Lasst Ausnahmen zu. Man muss dann nicht immer alles so streng sehen. Wenn es statt wie sonst einer Kugel Eis einmal vier Kugeln gibt - warum denn nicht?

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Isabelle Buckow
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