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Flugreisen und Corona Infektionsgefahr an Bord: Wie gefährlich ist Fliegen in der Pandemie?

Flugbegleiterin Eurowings
Gut geschützt mit Maske: eine Flugbegleiterin geht durch die Kabine
© Imago Images
Das Risiko fliegt immer mit, gerade in Zeiten von Covid-19. Wie hoch ist das Ansteckungsrisiko an Bord? Was wir am Ende des zweiten Corona-Jahres über die Verbreitung von Viren an Bord von Flugzeugen wissen.
Von Andreas Spaeth

Nach gut anderthalb Jahren mit der Pandemie die gute Nachricht zuerst: Flugzeuge haben sich nicht als Virenschleuder erwiesen. Und das, obwohl der Hamburger Professor Dieter Scholz, ein Luftfahrtspezialist, schon im Frühsommer 2020 warnte: "Die Gefahr, sich im Flugzeug mit SARS-CoV2 anzustecken, ist real gegeben."

Die Anzahl der nachgewiesenen Fälle von Infektionen in der Kabine ist seitdem trotzdem verschwindend gering geblieben, gemessen an der Zahl der immer noch oder wieder fliegenden Passagiere. Zwar mag die Rate der unentdeckten Infektionen mangels systematischer Tests hoch sein, aber selbst, wenn die tatsächliche Zahl der Übertragungen an Bord zehnmal höher wäre als die erkannten Fälle, wäre dies eine geringe Quote.

Es scheint klar zu sein, dass Superspreader-Events nicht in Flugzeugen stattfinden. Wenn wieder mehr Fluggäste in die Luft gehen, wird auch die Quote der Genesenen und Geimpften immer höher sein; von daher ist nicht zu erwarten, dass sich diese Erkenntnis noch grundlegend ändert. Die Tatsache, dass Flugzeuge die Virenverbreitung nicht besonders begünstigen, mag vor allem an den spezifischen Verhältnissen bei der Belüftung von Kabinen liegen. Die Hinweise darauf trägt die Luftfahrtbranche seit Beginn der Pandemie vor sich her und wiederholt sie unablässig in einer Endlosschleife sich wiederholender Argumente. An manchen dieser Behauptungen sind durchaus Zweifel angebracht, dazu gleich mehr.

Bei einer Flugreise in der Pandemie fürchteten Passagiere den Flug selbst am meisten, wie eine von der Branche durchgeführte Umfrage unter 4700 Airline-Kunden im Sommer 2020 ergab. 65 Prozent hatten größte Sorge, neben einer infizierten Person sitzen zu müssen, 42 Prozent hatten Furcht, die Toilette zu benutzen und 37 Prozent Bedenken, die Kabinenluft einzuatmen. Sogar der medizinische Berater des Airline-Verbands IATA musste zugeben: "Es gibt eine weit verbreitete Sorge, dass Flugzeuge ein gefährlicher Ort sind."

Die Ansteckungsgefahr bleibt gering

Ein Statistikprofessor des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston hat errechnet, dass auf einem ausgebuchten Zweistundenflug in den USA im Sommer 2020 (also zu Zeiten, als die USA eine der höchsten Infektionsraten weltweit aufwiesen und lange bevor die Amerikaner eine hohe Impfrate erreichten) die Chance einer Infektion in einem Airbus A320 oder einer Boeing 737 bei 1:4300 lag.

Flugreisen und Corona: Infektionsgefahr an Bord: Wie gefährlich ist Fliegen in der Pandemie?
© BDL

Vorausgesetzt jeder Passagier trägt Maske. Und bei 1:7700, wenn jeweils der Mittelsitz freibleibt, was einige amerikanische Airlines damals anboten. "Und dafür müssen drei Dinge schief gehen", erklärte Prof. Arnold Barnett: "Es muss einen ansteckenden Covid-Fall an Bord geben. Dann muss die Übertragung trotz Maske stattfinden. Und dann muss der Infizierte jemand anderem so nahe sein, dass es zur Übertragung kommt."

Gleichzeitig versuchte die IATA ihre Behauptung zu untermauern, dass die Chance, innerhalb von einem Jahr von einem Blitz getroffen zu werden, viel höher sei, als sich auf einem kommerziellen Passagierflug mit dem Corona-Virus zu infizieren. Bis zum Spätsommer 2020 habe man 44 Fälle von Ansteckungen registriert, die vermutlich während eines Fluges stattgefunden haben – in einem Zeitraum, in dem 1,2 Milliarden Menschen im Flugzeug unterwegs gewesen seien. Das sei nur ein Fall je 27 Millionen Reisender.

Selbst wenn 90 Prozent der tatsächlichen Ansteckungsfälle unentdeckt geblieben seien, was auch die IATA als Möglichkeit immerhin einräumte, wäre dies nur ein Fall je 2,7 Millionen Reisender - und das seien "sehr ermutigende Zahlen." Außerdem sei die Mehrzahl der bekannten Ansteckungsfälle an Bord für den Zeitraum dokumentiert, bevor weltweit die Maskenpflicht auch in der Kabine eingeführt wurde, was überwiegend im Mai 2020 der Fall war. "Ein Besuch an der Bar in der Abflughalle ist wahrscheinlich gefährlicher als der Flug selbst", konstatierte der Luftfahrtanalyst Björn Fehrm.

HEPA-Filter reinigen die Kabinenluft

Die Luftfahrtbranche hatte sich von Anfang an bemüht, jegliche Zweifel an der Luftqualität in der Kabine mit einer klaren Argumentation auszuräumen. Vor allem mit der Aussage, dass "die Luft an Bord sauberer als in einem Operationssaal" sei - das wichtigste Mantra, dank des häufigen Luftaustauschs. Und das stets erwähnte weitere Zauberwort ist HEPA-Filter, dem High Efficiency Particulate Air Filter.

Zum Hintergrund: Die Kabinenluft besteht aus einer Mischung aus Frischluft und einem Anteil gereinigter Luft. Etwa alle sechs bis sieben Minuten (bei moderneren Flugzeugtypen alle vier Minuten) findet ein Luftwechsel statt, also eine erneute Vermischung, nicht eine völlige Erneuerung. In einem Airbus A320 etwa besteht die Kabinenluft zu 60 Prozent aus aufbereiteter Außenluft, zu 40 Prozent aus aufbereiteter Luft. Im Schnitt der gängigen Flugzeugtypen wird etwa die Hälfte der Kabinenluft aufbereitet und durch einen Schwebstofffilter geleitet, dem HEPA-Filter.

Diese Filter sind in der Lage, Viren zu filtern und 99,95 Prozent der luftgetragenen Partikel zurückzuhalten. Die Filter werden auch in Operationssälen eingesetzt, aber sie können nur die Partikel reinigen, die sie tatsächlich erreichen. Technisch wäre es genauso gut möglich 100 Prozent frische Außenluft aufzubereiten. Aber die teilweise Nutzung von hochgereinigter Zirkulationsluft hilft Energie zu sparen, weil sie in Reiseflughöhe nicht mehr in der Klimaanlage wie die Außenluft verdichtet werden muss.

150 Kubikmeter Raumvolumen für 189 Passagiere

Experten wie der Hamburger Professor und Diplomingenieur Dieter Scholz kritisieren die Gleichsetzung von Kabinenatmosphäre mit Operationssälen. "Die Luftfahrtindustrie argumentiert verkürzt: Flugzeuge und OP-Räume haben HEPA-Filter, daher ist die Luftqualität gleich gut." Dem entgegnet Scholz: "Wenn HEPA-Filter Viren filtern sollen, dann müssen die Viren vorher in der Kabinenluft vorhanden gewesen sein. Im Umkehrschluss hieße das: Die Luftqualität im OP ist vergleichbar mit der im Flugzeug, wenn 200 Personen um den OP-Tisch herumstehen und zusehen." Ein typischer Operationssaal ist etwa 50 Quadratmeter groß und drei Meter hoch, das entspricht 150 Kubikmeter Raumvolumen, hier arbeiten üblicherweise acht bis zehn Menschen.

Ein typischer Ferienflieger weist etwa den gleichen Rauminhalt in seiner Kabine auf, doch in einem Airbus A320 oder einer Boeing 737 sitzen oft bis zu 189 Menschen plus Besatzung. Viele Passagiere zwängen sich im Flugzeug auf engstem Raum und können sich, wie geschehen, gegenseitig anstecken, bevor die Luft durch die Klimaanlage ausgewechselt wurde.

Das gibt auch die Luftfahrtbranche zu, etwa Airbus: "Das einzige tatsächliche Gesundheitsrisiko besteht im Kontakt von Person zu Person. Durch Niesen oder Husten wird die Infektion über kurze Strecken durch Tröpfchen übertragen. Kein Belüftungssystem ist in der Lage, diese Art der Übertragung zu verhindern." Auch an anderer Stelle sagt ein Airbus-Vertreter: "Eine Infektion durch Anhusten oder direkten Kontakt ist allerdings auch im Flugzeug möglich – gerade, wenn Menschen eng beieinandersitzen."

Leicht gekürzte Fassung aus der Neuerscheinung "Zukunftsperspektiven der Verkehrsluftfahrt - Wie es nach der Krise weitergehen kann" von Andreas Spaeth. Erschienen im Motorbuch Verlag, 152 Seiten Preis: 29,90 Euro.

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