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Reiseerfahrung: Wohnungstausch - wenn Fremde in unserem Bett schlafen

Jessica Braun und Christoph Koch sind als Wohnungstauscher um die Welt gereist. Ihre durchweg positiven Erfahrungen haben sie in einem Buch zusammengefasst. Das macht Lust auf die neue Art des preiswerten Reisens.

Von Jessica Braun und Christoph Koch

Wohnungstausch

Von Kopenhagen bis Princeton, von Mexiko bis Australien: Seit Jahren gehen Jessica Braun und Christoph Koch auf Reisen, indem sie mit Fremden die Wohnung tauschen.

Der erste Nachbar, den ich in kennengelernt hatte, war Danny. Ich goss gerade die Pfingstrosen im sonnigen Garten, als der Mann in Shorts und Sandalen fröhlich über die Büsche winkte, die unser Grundstück von seinem trennen. Ich streckte die Hand über die Rosenstöcke und stellte mich vor.

"Ihr tauscht also regelmäßig?", fragte mich Danny. "Wo wart ihr denn schon überall?" Ich fing an aufzuzählen und wunderte mich insgeheim. Wenn wir zu Hause jemandem vom Wohnungstausch erzählen, lautet die erste Frage nie, wo wir schon überall waren. Deutsche stellen eher solche Fragen:

  • Findet ihr es nicht seltsam, dass jemand anderes in eurer Wohnung ist?
  • Findet ihr es nicht komisch, dass Fremde in eurem Bett schlafen?
  • Habt ihr keine Angst, dass eure Tauschpartner eure Sachen durchwühlen?
  • Habt ihr keine Sorge, dass die in eurer Wohnung etwas ka­putt machen?
  • Woher wisst ihr, dass eure Tauschpartner nicht eure Unter­wäsche anziehen oder eure Steuerunterlagen klauen?
  • Woher wisst ihr, dass eure Tauschpartner keine grausamen Axtmörder sind?

Die beiden letzten Fragen sind am einfachsten zu beantworten: Wir wissen es tatsächlich nicht. Aber theoretisch könnte auch der Taxifahrer, zu dem man ins steigt, ein Axtmörder sein. Oder der Heizungsableser, der einmal im Jahr vorbeikommt, etwas mitgehen lassen. Ja, die Menschen, mit denen wir tauschen, sind Fremde. Aber wir haben sie uns ausgesucht. Mit ihnen gemailt, telefoniert oder via Skype miteinander gesprochen. Dank Google lässt sich zudem schnell herausfinden, ob der Typ aus Berkeley dort wirklich als Professor arbeitet oder sich das nur ausgedacht hat.

Kein Schwindler oder Schlüsselerschleicher

In all den Jahren, in denen wir getauscht haben, und bei den inzwischen Dutzenden von Paaren und Familien, mit denen wir schon über die Plattformen Kontakt hatten, war bisher noch kein einziger fauler Fisch dabei, kein einziger Schwindler, Betrüger oder Schlüsselerschleicher. Das bestätigen auch all unsere Tauschpartner: keine bösen Überraschungen.

Vielleicht liegt es daran, dass die Tauschplattformen in der Regel eine Mitgliedsgebühr zwischen fünfzig und 150 Euro pro Jahr verlangen. Das schreckt vermutlich schon mal die meisten Kleinganoven und jugendlichen Spaßvögel ab. Sicher, einen ambitionierten Axtmörder können auch hundert Euro nicht bremsen. Aber der findet seine Opfer doch einfacher ohne Haustausch. Erst mit uns Reisedaten abzusprechen und die Schlüsselübergabe zu arrangieren, nur um uns dann in seiner Wohnung aufzulauern ? Viel zu kompliziert. Ich glaube, die Wahrscheinlichkeit, von einem Klavier erschlagen zu werden, das beim Abtransport aus einem Fenster im vierten Stock auf die Straße kracht, ist höher.

Die anderen Fragen, die uns regelmäßig gestellt werden, sind nicht ganz so einfach zu beantworten. Der Gedanke, dass für ein langes Wochenende, zwei Wochen oder drei Monate jemand anderes in den eigenen vier Wänden lebt, ist auf Anhieb tatsächlich erst mal ungewohnt und ungewöhnlich. Jessica und ich haben relativ schnell unseren Frieden damit gemacht. Aber so etwas ist natürlich eine sehr persönliche Angelegenheit – und wenn jemand allein bei dem Gedanken, dass eine andere Familie am eigenen Esstisch frühstückt, das große Gruseln bekommt, dann ist Haustausch nicht das Richtige. Zum Glück gibt es ja noch etliche andere Arten, Urlaub zu machen.

Einige der Einwände, die wir öfter hören, lassen sich recht einfach entkräften. Zum Beispiel: "Ich könnte nie in einem Bett schlafen, in dem andere Leute schon Gott weiß was gemacht haben." Natürlich darf man so denken. Konsequenterweise sollte man dann aber auch nicht in einem Hotel übernachten. Denn dort haben bereits Hunderte andere vorher im selben Bett geschlafen. Und nicht nur das.

Außerdem wird die Bettwäsche beim Wohnungstausch ja genauso gewaschen wie im Hotel, bevor der Nächste sich reinlegt. Außer, es kommt etwas dazwischen.

Jedes Angebot kann man aussortieren

Bei einer unserer Tauschfamilien ging es vor der Abreise drunter und drüber. Die fünfjährige Tochter hatte beim Aufräumen versehentlich einen der Wohnungsschlüssel in den Müll geworfen. Die Eltern bemerkten den Verlust erst kurz vor dem morgendlichen Aufbruch zum Flughafen. Sie stellten alles auf den Kopf, um den Schlüssel wiederzufinden, doch vergeblich. In der großen Hektik vergaßen sie offenbar auch, ihre Bettwäsche zu wechseln.

Als Jessica und ich abends müde unter die Decken schlüpften, pikten uns mehr Krümel als in einer Keksfabrik. Wir verbuchten es unter Unaufmerksamkeit aufgrund von Abreisehektik und nahmen uns einfach frische Laken aus dem Schrank. Abgesehen von dieser kleinen Panne haben wir bisher jedoch stets saubere und aufgeräumte Unterkünfte vorgefunden.

Trotzdem muss man bereit sein, sich auf andere Wohnungen, Lebensweisen und Lebensstandards einzulassen. Und akzeptieren, dass die Tauschpartner in manchen Dingen vielleicht einen etwas anderen Geschmack haben als man selbst. Natürlich sieht man auf den Fotos in den jeweiligen Onlineprofilen vorher meist ziemlich genau, was einen erwartet. Und wer den Anblick von IKEA-Möbeln oder Raufasertapete auf keinen Fall zu ertragen imstande ist, muss entsprechende Angebote eben aussortieren.

Minibad und Dachterrasse

Tauschen bringt einen dazu, die eigenen Standards immer mal wieder auf den Prüfstand zu stellen: Das Badezimmer unserer allerersten Tauschwohnung in Kopenhagen war beispielsweise nicht viel mehr als einen Quadratmeter groß. Auf diesem Quadratmeter war alles untergebracht: Toilette, Waschbecken, Spiegel, Dusche. Eine Mininasszelle, in der man logischerweise kaum etwas abstellen oder aufbewahren konnte, denn beim Duschen wurde sie komplett unter Wasser gesetzt.

Ich bin nach wie vor froh, dass unser eigenes Bad zu Hause größer ist. Aber nach einem kurzen Moment der Irritation kam ich mit dem Minibad genauso gut klar. Und freute mich über die Dachterrasse, für die dank der Nasszelle genügend Platz war.

All das erzählte ich auch Danny, unserem Nachbarn in Princeton, während ich mit ihm im Garten stand. Natürlich nicht in jedem winzigen Detail, sondern eher in groben Zügen.

"Klingt ganz gut", sagte er am Ende meines Galoppritts durch unsere Haustausch-Historie. "Vielleicht sollten wir das auch mal ausprobieren." Er betrachtete sein Haus, so als wollte er abschätzen, ob dieses jemanden reizen könnte. Dann fing er seinen Sohn auf, der auf ihn zugerast kam, hob ihn hoch und wirbelte ihn einmal im Kreis herum. "Aber vielleicht warten wir auch erst einmal ab, was Anne und James sagen, wenn sie aus eurer Wohnung in Berlin zurückgekehrt sind." Dann zwinkerte er mir zu und verschwand wieder im Haus.


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