VG-Wort Pixel

"Schumacher" Bewegendes Lebensporträt ohne Voyeurismus: Wie die Schumachers sich ihrem Schicksal stellen

Eine Aufnahme von Michael Schumacher aus dem Jahr 2002 
Eine Aufnahme von Michael Schumacher aus dem Jahr 2002 
© Clive Mason / Staff / Getty Images
Ein gelungener Film: In der Doku "Schumacher", die jetzt bei Netflix läuft, sind besonders die Aussagen der Familie bewegend. Aber auch sonst gelingt es den Machern, ein spannendes Lebensporträt der Formel-1-Legende zu zeichnen.

Der Film soll ein Geschenk der Familie sein an den Vater und Ehemann, dessen Unfall am 29. Dezember 2013 ein gewaltige Leere hinterlassen hat. In der Familie, unter den Freunden und im Motorsport. Michael Schumacher verunglückte an diesem Tag beim Skifahren in den französischen Alpen. Er stürzte bei hoher Geschwindigkeit abseits der Piste und schlug mit dem Kopf auf einen Felsen. Trotz eines Helms trug er schwerste Kopfverletzungen davon - und lebt seitdem abgeschirmt und unter der Obhut der Familie auf dem Anwesen in Gland am Genfer See. In welchem Zustand sich der mittlerweile 52-Jährige genau befindet, ist nicht bekannt. Details zum Gesundheitszustand gibt die Familie in der Dokumentation, die seit dem 15. September auf Netflix zu sehen ist, nicht preis.

Die Dokumentation will keine Neugier befriedigen, sondern den Menschen und Rennfahrer Michael Schumacher in all seinen Facetten zeigen - und das gelingt ihr auf eindringliche Weise, auch mit privaten Aufnahmen, die zum ersten Mal zu sehen sind. Besonders bewegend sich die Äußerungen der Familie gegen Ende des Films, die einen Eindruck davon verschaffen, wie sie mit dem Schicksal klarzukommen versucht. "Jeder vermisst Michael da. Aber Michael ist ja da, so. Anders, aber er ist da. Und das gibt uns allen Kraft, finde ich," sagt Ehefrau Corinna mit Tränen in den Augen. Tochter Gina schwärmt von ihrem Vater, der sich in seiner Freizeit ganz den Kindern widmete: "Das war immer das Highlight, wenn er zurückkam. Das war so schön, weil er immer alles mitgemacht hat, und das stundenlang."

Mick Schumacher zeigt sich tief bewegt

Wie groß das Loch ist, dass Schumacher hinterlassen hat, macht besonders Sohn Mick deutlich, der seit dieser Saison selbst in der Formel 1 fährt. "Dann natürlich ist es so, dass nach dem Unfall, diese Erfahrungen, diese ... ich glaub, Momente, die viele mit den Eltern erleben, nicht da sind. Oder weniger da sind. Das, finde ich, ist ein bisschen unfair". Es ist die Sehnsucht nach einem Vater, den er mit 14 Jahren verlor. "Ich glaube, dass Papa und ich uns in einer anderen Weise verstehen würden jetzt". Schumacher junior ist selbst gerade in die Königsklasse des Motorsports aufgestiegen und würde so gern mit seinem Vater darüber reden. "Ich würde alles aufgeben, nur für das". Es ist der stärkste Moment der Doku, als Mick Schumacher diesen Satz sagt.

Wie in diesen sehr persönlichen Szenen gelingt es den Machern im gesamten Film, eine angemessene Balance zu wahren. Sie erzählen die außergewöhnliche Karriere eines Mannes, ohne zu pathetisch, glorifizierend oder zu kitschig zu sein. Da sind Schumachers absoluter Ehrgeiz, das Charisma, die Führungsqualitäten, das fahrerische Talent. Als Schumacher 1991 als Ersatzfahrer von Jordan sein Debüt in der Formel 1 feiert, ist sofort allen klar: Hier kündigt sich eine außergewöhnliche Karriere an. Was Michael Schumacher von anderen Fahrer unterscheidet, ist die Tatsache, dass "er sein Talent voll ausschöpften" kann, sagt Ross Brawn, sein Teamchef bei Benetton und Ferrari, mit dem er alle sieben WM-Titel gewann.

In sportlicher Hinsicht sind die Aussagen der früheren Konkurrenten oder seines Teamkollegen Eddy Irvine am spannendsten. Da schwingt sehr viel Respekt und Bewunderung mit, aber auch Verwunderung über einen brutalen Ehrgeiz, der mehrmals über das Ziel hinausschießt.

Mika Häkkinen: Schumacher hatte keine Angst

"Sein Ansatz zu siegen war, keine Angst zu haben. Er hat keinen Gedanken verschwendet, dass ich oder jemand anderes verletzt werden könnte," sagt Mika Häkkinen. Der Finne ist Ende der 90er Schumachers stärkster Konkurrent und schlägt ihn zwei Mal in Folge im WM-Duell. Nach einem Rennen mit heftigen Duellen ist Häkkinen sauer auf Schumacher und will mit dem Rivalen sprechen. "Das kannst Du nicht machen. Wenn wir mit 300 unterwegs sind und ich komme von hinten an und bin so viel schneller als du, dann kannst Du mich nicht einfach blocken." Schumacher habe nur mit den Schultern gezuckt und gesagt: "Mika, wir fahren Autorennen".

Michael Schumacher

Sehen Sie im Video: Schumacher-Doku auf Netflix – Trailer zeigt erste Bilder aus dem Film.

Später, nachdem er seinen Abschied aus der Formel 1 bekannt gegeben hat, langweilt Schumacher sich. Ihm fehlt die Herausforderung. Er geht Fallschirmspringen ("Aber er springt ja nicht einmal, sondern gleich 24 Mal"), doch er vermisst die Formel 1 und feiert ein Comeback bei Mercedes. 2012 ist dann endgültig Schluss. Ein Jahr später verunglückt er.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker