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Bundesliga: Mer stonn zo Dir, FC Kölle!

Europa League, Champions League. Alles scheint möglich, seit der 1.FC Köln ganz oben mitschunkelt. Und die Fans singen - egal, was auch passiert.

Von Ulrike Posche

Fans des 1.FC Köln

Die rot-weiße Wand: Fans vom 1.FC Köln haben im Rhein-Energie-Stadion derzeit allen Grund dazu, stolz ihre Schals in die Höhe zur recken

Das wird doch wohl mal erlaubt sein, dass man trotzdem sentimental wird! Dass man das Pech in Frankfurt einfach mal kurz ausblendet!

Wir sind neulich mit der Linie Eins vom Neumarkt zum Stadion raus nach Müngersdorf gefahren. Es war wie Sommer an diesem 30. Oktober. Bleuester Himmel, Dom und Rhein in sonnigem Glanz. Neunter Spieltag, der Tabellenfünfte (1. FC Köln) gegen den Tabellenletzten (HSV), nichts Spektakuläres eigentlich. Auf der Aachener Straße standen die Fans mit ihrem Kölsch in großen Gebinden vorm "Arizona" und vor der "Aphrodite". Dann zog das janze Schmölzje wie bei der Fronleichnamsprozession durch den kathedralenhaften Eingang ins Stadion. Überall kleine Jungs in "Poldi"-Trikots. Da war man schon das erste Mal ergriffen.

Rechts neben der Südtribüne wartete bereits Ingo Reipka, 52, mit dem Maskottchen, Geißbock Hennes VIII. Er war mit dem Dienstwagen aus dem kleinen "Geißbockheim" im Zoo herübergefahren worden. Seine Freundin Anneliese, eine sehr hübsche junge Ziege, vergnügte sich derweil bei einem Auswärtsspiel im Streichelgehege. Erstmals trug Hennes die neue Karnevalsdecke auf dem Rücken, eine tolle Marketingidee des Präsidiums – auch die Spieler trugen ihre Karnevalstrikots mit aufgedrucktem Krätzchen (Elferratsmütze), mit Dom, Tränen und Sessionsmotto über dem Sponsorenlogo. Die fünfte Jahreszeit fängt bekanntlich mit "Hoppeditz Erwachen" an, am elften Elften. Genau jetzt also.

Nur sieben Spieler im Kader eingefühlte Bio-Kölner

Das ist schon irre, wie es das erst 2012 gewählte Präsidium hingekriegt hat, seine Spieler für dieses spezielle Brauchtum zu begeistern. Nur sieben Spieler im Kader sind schließlich eingefühlte Bio-Kölner. Der Rest Völkermühle Europa: einer aus Wien, zwei französische Virtuosen, zwei Serben, ein Däne und so weiter. Doch wenn dat Trömmelche jeht, wollen sie alle auf den Prunkwagen, den der FC im Rosenmontagszug mitrollen lässt. "Es passen aber nur zwölf drauf", sagt FC-Vizepräsident Markus Ritterbach, der zugleich Präsident des "Festkomitees Kölner Karneval" ist.

Im Stadion füllten sich nun langsam die Ränge. Betreuer Ingo hielt den Geißbock im Abseits mit Kohlblättern bei Laune. Beide kennen das Ritual vor dem Anpfiff in- und auswendig: Wenn das Flutlicht angeht, stürmen die Cheerleader mit blickdichten Glanzstrumpfhosen und Silberpuscheln zu "Am Bickendorfer Büdchen", dem Schunkelklassiker der Bläck Fööss, auf den Rasen. Danach führt Reipka den immer strammer ziehenden Geißbock aufs Feld. So war das auch am 30. Oktober. Dann kam die Hymne.

Pipes, Dudelsack, Trommeln, Arsch huh, Schals gereckt: "Ehrenfeld, Raderthal, Nippes, Poll, Esch, Pesch un Kalk. Üvverall jitt et Fans vom FC KÖLLE …"

Es ist rätselhaft: Seit 30 Jahren wohnt man als Exilant in Hamburg und hat sich auf das Temperament dort eingerichtet. Aber wenn 50.000 Kölner im Fußballstadion die sieben Stadtteile der einstigen Römerkolonie Colonia Claudia Ara Agrippinensium aufzählen; wenn sie mit Fahnen in Ruut un Weiß "Mer stonn zo dir, FC KÖLLE" schmettern, wenn plötzlich das ganze Leben so leicht scheint, so "Ov vür ov zoröck – neues Spell heiß neues Jlöck" , dann kann man einfach nur dastehen und – heulen. Heimat vergeht nie.

Es gibt nichts, was das wunde rheinische Herz so berührt wie dieser aus schottischen Klangwurzeln und Reimen der Stimmungsband "Höhner" entstandene Chorgesang.

Märchenhafter Wiederaufstieg aus dem Dunkel niederer Tabellenplätze

Er ist das Geheimnis des märchenhaften Wiederaufstiegs aus dem Dunkel niederer Tabellenplätze. Er ist das Seelen-Elixier, aus dem sich die Spiellust der Mannschaft speist, bis hoch auf den vierten, fünften oder sechsten Tabellenplatz. Gut, nicht nur vielleicht, aber auch. In der alles vereinenden Hymne sammeln sich die beiden Zauber, die fast jedem Kölner innewohnen: die Liebe zur Vaterstadt und zum Verein, zum Karneval und zum FC. Da kann einer sagen, was er will. Sie haben das Wunder von Köln bewirkt.

Als Markus Ritterbach seinerzeit den damaligen Bayern-Präsidenten Uli Hoeneß in die Loge zum Spiel-Gucken lud, sagte Hoeneß anschließend: "Herr Ritterbach, wenn Sie es schaffen, den Karneval und den FC zu verbinden, dann haben sie einen Marketingvorteil, der gigantisch ist." Das hat Ritterbach dann natürlich geschafft. Heute steht der Klub, der vor vier Jahren auf der Grasnabe lag und mit mehr als 30 Millionen Euro verschuldet war, spürbar anders da. Im September konnte ein Rekordergebnis über der 100-Millionen-Grenze verkündet werden und ein Gewinn von 10,5 Millionen.

Und, keine Sorge, wir kommen gleich noch zum Fußball. Zu Stöger, Modeste, Risse und Horn.

Auch oben in den Logen sangen sie an jenem Abend mit. Carolin Kebekus feierte bei ihren Produzenten, Peter Brings von der Band "Brings" beim Bier-Sponsor und Wolfgang Niedecken von "BAP" in der "Geißbocklounge" des Vorstands. Der Abend war dann relativ schnell klar, denn Anthony "Tony" Modeste, 28, gebürtiger Franzose aus Cannes und mit elf Treffern einer der neuen Schützenkönige in der Bundesliga, er ließ sich nicht lumpen und schoss gleich drei Bälle ins Netz.

Anthony Modeste

Eine Pose, in den ihn die Kölner Fans am liebsten Sehen: Stürmer Anthony Modeste ist in der Form seines Lebens. Hier bejubelt er einen Treffer gegen den HSV, insgesamt hat er in dieser Saison bereits elf mal getroffen.

Das ist nebenbei gesagt auch wieder typisch kölsch: Tony! In Köln gab es immer einen Toni. Zuletzt schaffte der aus Wien stammende Köln-Held Toni Polster einen Hattrick. Das war im Jahr 1997. Und zuvor gab es Toni Schumacher I., der in den Sechzigern das Tor hütete, und Toni Schumacher II., der eigentlich Harald mit Vornamen heißt und in den Achtzigern sogar Nationaltorwart und zweimaliger Vizeweltmeister war. Heute ist Toni Harald Schumacher Vizepräsident des FC, und er gilt ein bisschen als Schutzheiliger, obwohl er aus Düren stammt. "Meine Asche soll mal im Fünfmeterraum des Müngersdorfer Stadions verstreut werden" , gab Schumacher, der es immer schon verstanden hatte, gute Schlusspointen zu setzen, einmal als letzten Wunsch an. Mehr Verbundenheit geht eigentlich nicht.

Ein anderer Heiliger wurde indes vertrieben. Nicht von zu viel Weihrauch, sondern von Misserfolg und Kritikern. Der Kölner Weltfußballer Wolfgang Overath, heute 73, war zwar in seiner Zeit als Spieler ein brillanter, manche sagen genialer, Mittelfeldregisseur, aber später als Präsident – nun ja. Vor genau fünf Jahren warf Overath hin. Seither blickt er im Zorn zurück, auch wenn Toni Schumacher sehr dafür wirbt, dass er in den Schoß der FC-Familie zurückkehre, denn: Mer stonn doch zesamme! Noch ziert Overath sich.

Im Jahr 2012 haben dann der ehemalige Pharma-Manager Werner Spinner, Ritterbach und Schumacher den Laden übernommen. Bei der ersten Ansprache, die sie vor der alten Mannschaft hielten, so erinnert sich Ritterbach, "da waren die einen mit Kaugummikauen beschäftigt, andere mit ihrem Handy, und weitere ließen sich von ihrem Dolmetscher was übersetzen. Alle guckten wer weiß, wohin". Danach hätten Spinner und er gesagt: So etwas wollen wir nie mehr. Spinners philosophischer Ansatz lautet seither: "Keine Arroganz!" Dafür Höflichkeit und Empathie. Heute ist fast jeder Spieler zugleich Pate eines vereinseigenen Sozialprojekts. In Schulen beim Lernen helfen, Kicken mit geistig behinderten Kindern. Solche Sachen. "Spürbar anders", lautet das neue Motto. Beim Training wird erkennbar viel gelacht. Man grüßt sich jetzt. Und manchmal steht da morgens neben dem Proben-Publikum auf einmal auch der Erzbischof am Spielfeldrand. Rainer Maria Woelki, gebürtiger Kölner, rot-weißer FC-Schirm, rot-weißer Schal. "Der Erdbeerschorsch", wie er im Kinderwitz heißt.

Spürbar anders

Es scheint, als liege nicht zuletzt deshalb, weil auch der Kardinal im hillije Kölle kein Spiel des FC auslässt, meistens Segen auf dem Verein. (Außer, wenn er in Frankfurt spielt. Oder in Berlin natürlich.) Auf Timo Horn, der wie ein Wikinger in seinem Tor steht. Auf Anthony Modeste, der die Bälle ins Netz zaubert, auf Simon Zoller und Marcel Risse, die sie ihm vorlegen. Und auf Jonas Hector natürlich, dem 26-jährigen Abwehrspieler, der es 2014 in die Nationalmannschaft schaffte. Er war es, nur zur Erinnerung, der bei der EM 2016 Italien aus dem Turnier und Deutschland ins Halbfinale schoss – im Elfmeterschießen.

"Spürbar anders" wurde es nach dem großen Umbruch von 2012 auch im Geißbockheim, dem Vereinssitz in Köln-Sülz. Denn fast alle, die noch 2011 das Sagen hatten, wurden ausgetauscht. Als Geschäftsführer der 1. FC Köln GmbH & Co. KGaA kam Jörg Schmadtke, der drolligerweise früher Torhüter bei Fortuna Düsseldorf gewesen war, ausgerechnet in der verbotenen Nachbarstadt. Außerdem zog der Schwabe Alexander Wehrle als Finanzgeschäftsführer nach Köln. Und ein Wiener mit Schmäh kam auf den Trainerstuhl.

Ritterbach sagt immer so: "Wenn ein Karnevalspräsident, ein Spinner, ein ehemaliger Torwart, ein Österreicher und ein Düsseldorfer zusammenkommen, dann muss man mit Überraschungen rechnen."

Die erste war, dass viele Fans und Mitglieder – es gibt heute 83.000 – damals die neu aufgelegte FC-Anleihe zeichneten und dem klammen Laden auf die Schnelle 12,5 Millionen in die Kasse spülten. Sie waren kurz vor dem Ruin damals. Sogar Lukas Podolski hatte keine Lust mehr, mit seinem geliebten Jugendverein ein drittes Mal abzusteigen in die Zweitklassigkeit, und wollte lieber nach England verkauft werden. Mit dem Geld kamen neue Spieler – und eben auch ein neuer Trainer.

Peter Stöger. Der gebürtige Wiener ist vor und während des Hamburg-Spiels eine graue Eminenz. Graue Hose, graues Hoodie, graue Mütze. Nur die Schuhe, die er trägt, leuchten paradeiserrot bis hoch in die Ränge. Sobald ein Tor fällt, flippt Stöger hinter seiner Brille aus wie Klopp. Modeste kommt artig zum Umarmen, macht sein Emoji-Zeichen, und schon geht es auf den Kölner Tribünen los: "Denn wenn et Trömmelche jeht, dann stonn mer all parat, un mer trecke durch de Stadt, un jeder hätt jesaat: Kölle alaaf, alaaf. Kölle alaaf!" Weiß der Schinder, was das alte Rosenmontags-Lied von "De Räuber" mit Fußball zu tun hat, aber sie singen es nach jedem eigenen Tor. Drei Strophen lang.

Peter Stöger und Jörg Schmadtke

Zwei, die sich im Moment richtig lieb haben: Trainer Peter Stöger hat gemeinsam mit Sportdirektor Jörg Schmadtke einen großen Anteil am Kölner Höhenflug. Die unaufgeregte, Arbeit des Duos tut der Mannschaft, aber auch dem Verein gut.

"Das ist die reine Anbetung der Stadt", erklärt Wolfgang Niedecken. Er liebt es. Und auch, wenn die gegnerischen Fans in Beleidigungsabsicht grölen: "Hauptstadt der Schwulen, ihr seid die Hauptstadt der Schwulen." Und wenn dann die Südkurve antwortet: "Hauptstadt der Schwulen, wir sind die Hauptstadt der Schwulen!" Da sage Niedecken sich: "Ja, in dieser Stadt will ich leben." Im "Kölner Stadt-Anzeiger" hat der als eher sanftmütig bekannte "Dylan aus der Südstadt" vor zwei Wochen einen Krieg losgetreten, den man ihm gar nicht zugetraut hätte. Auf die arglose Frage, wie ihm, dem FC-Anhänger von Kindesbeinen und Natur, wie ihm denn die Hymne gefalle, sagte er kühl: "Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt. Sogar daran, dass die ein Leverkusen-Fan singt."

Mit dem Leverkusen-Fan war natürlich der allseits beliebte Schnurrbartträger Henning Krautmacher gemeint, Frontmann der "Höhner" . Die Boulevardzeitung "Express" erledigte daraufhin sogleich ihr Handwerk und fragte Krautmacher, was er denn davon hielte, dass Niedecken ihn gerade zum Himbeertoni gemacht habe. Die Aufregung über Niedeckens "Höhner-Schelte!" war auf den Lokalseiten dann zwar nicht ganz so gewaltig wie die über die Trennung von Sarah und Pietro Lombardi oder über das Foul des Hamburgers Bobby Wood an Dominic Maroh, aber es hat dann doch ganz schön gerauscht. "Schon mehrfach ist das Lied ja zum besten der Liga gekürt worden" , gab Krautmacher gleichermaßen kühl zurück. Die Hinrunde ist für Verteidiger Dominic Maroh jedenfalls gelaufen: Schlüsselbeinbruch. "FC-Schock!" , titelte der "Express" . Wahrscheinlich halten sie in der Südkurve demnächst wieder ein Transparent hoch, wie damals für Niedecken nach seinem Schlaganfall: "Weed flöck widder jesund, Wolfgang."

Trainer Peter Stöger ist nicht zum Kuscheln da

Peter Stöger hat wirklich das Zeug zur Legende. In der Pressekonferenz nach dem gewonnenen Hamburg-Spiel sitzt er da und hält den Ball so flach, dass es wehtut: "Es woar für uns des erwoartet schwere Spuil. Es woar, wie mers erwoartet hat … die HSV-Spieler woarn giftig. Mer habm uns schwergetan." Ja, aber gewonnen und auf Tabellenplatz vier hochgeschunkelt! Kann man denn da nicht mal ein bisschen euphorischer sein? Peter Stöger ist ein Typ. "A real character", wie Donald Trump sagen würde, keiner, der sich Strähnchen in die Haare färbt oder zu nervösem Überschwang neigt. Und man kann sich auch nicht vorstellen, dass er es zuließe, dass seine Jungs in Prinzessin-Lillifee-farbenen Trikots aufs Feld müssten, so wie kurz zuvor die armen HSV-Spieler. "Sie verteilen ja nicht gern Sonderlob, aber wäre heute nicht mal eins fällig für Anthony Modeste?", fragt ein TV-Sportreporter. Nachdenken, Schweigen, graue Luft ausatmen. "Nein", sagt Peter Stöger, "er is a guter Junge. I bin froh, dass er da ist." Stöger ist zielorientiert, er soll den Verein nach oben bringen. Er ist nicht zum Kuscheln da. Wenn er lachen will, zeigt er seine langen Schneidezähne.

In Köln ist der Trainer Kult, seit er den FC nach minimer Amtszeit bereits aus den Verliesen der Zweiten Liga befreite. Spätestens seit der Klub neulich vor den Bayern stand, ist Stöger auch bundesweit eine Größe. Der frühere "Karnevalsverein" plötzlich Tabellenerster! Neunzehn Stunden lang hat es zwar nur gehalten, immerhin!

"Köln – das ist ja auch eine philosophische Sache" , sagte Markus Ritterbach am Tag nach dem Spiel gegen Hamburg. Die Sonne knallte, es war Reformationstag. Ritterbach ahnte noch nicht, keiner ahnte es, dass der Verein nur sechs Tage später in Frankfurt mit einem 0 : 1 vom Platz schleichen würde. Das Leben war noch wie Himmel un Äd. Ritterbach blickte von der Terrasse des Vereinsheims über den Trainingsplatz, über die golden belaubten Bäume, immer weiter, bis über den Decksteiner Weiher hinaus und erzählte von der "kölschen Mentalität" , während sein Pressesprecher per Handy die Mails checkte. Plötzlich war er wieder da, der ganze sentimentale Driss vom Vorabend, der Herzschlag, die Heimat, das Gestern und das Gewesene. Pipes, Dudelsack, Trömmel che. "En Rio, en Rom, Jläbbisch, Prüm un Habbelrath – üvverall jitt et Fans vum FC KÖLLE." Das war die Sache mit dem Jeföhl. Und wie war das mit der Philosophie? "Das Leben ist nicht schwer" , sagte Ritterbach versonnen, "das Leben ist schön!"

Auch fürs Verlieren haben sie in der Südkurve übrigens ein Lied.

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