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Meinung

Zeichen gegen Rassismus: Wie Thuram, Sancho und Co. die Lächerlichkeit der DFB-Regeln entlarven

Der DFB ermittelt gegen mehrere Spieler, die am Wochenende Zeichen gegen Rassismus und Polizeigewalt setzten. Sancho und Co. mögen zwar gegen die Regeln verstoßen haben – aber dann gehören diese Regeln eben abgeschafft.

Eindrucksvoller Kniefall: Marcus Thuram setzt nach seinem 2:0-Treffer ein unmissverständliches Zeichen

Eindrucksvoller Kniefall: Marcus Thuram setzt nach seinem 2:0-Treffer ein unmissverständliches Zeichen

DPA

Gleich mehrere Bundesliga-Stars haben sich am Wochenende mit der Protestwelle in den USA gegen Polizeigewalt und Rassismus solidarisiert. Der DFB will die Vorfälle nun untersuchen. Der Kontrollausschuss werde sich damit in den nächsten Tagen beschäftigen. Denn, so steht es im Regelwerk, politische Botschaften sind auf der Spielerkleidung oder während der Partie generell untersagt. Sancho und Hakimi vom BVB trugen Shirts mit der Aufschrift "Justice for George Floyd" unter ihren Trikots und zeigten diese beim Torjubel. Schalkes McKennie trug eine entsprechende Armbinde und Gladbachs Thuram ging nach seinem Treffer eindrucksvoll in die Knie – ein unter US-Sportlern so verbreitetes wie kritisiertes Mittel, um auf Rassismus aufmerksam zu machen.

Nun könnte man sagen: Das steht ja nun mal so in den Regeln. Doch so einfach ist es nicht. Denn diese Regeln sind falsch. Sie sind geradezu paradox und gehören abgeschafft. Immer wieder wird die angebliche Vorbildfunktion der Fußballer beschrien. Wenn sie dann aber ihre Reichweite nutzen, um auf ein massives gesellschaftliches Problem aufmerksam zu machen, um Solidarität mit Opfern von Gewalt und Rassismus zu zeigen, sollen sie dafür sanktioniert werden?

Dabei ist letztlich auch unerheblich, ob es am Ende Strafen gibt oder nur Ermahnungen, wie vor einigen Jahren beim selben Themenkomplex und Anthony Ujah. Das Gebot, Spieler sollten ihre Meinung schön für sich behalten, bleibt Unsinn.

DFB: Kann man ja vor und nach dem Spiel

Der DFB ist sich der Brisanz bewusst und verweist in einer Stellungnahme darauf, dass die Regeln ja vom International Football Association Board (Ifab) beschlossen und in Deutschland lediglich übernommen worden seien. Zudem hätten die Spieler ja vor und nach dem Spiel die Gelegenheit, sich entsprechend zu positionieren. Zum einen könnte der DFB als weltgrößter Sportverband natürlich darauf hinwirken, diese Regeln zu ändern und sollte sich daher nicht hinter dem Ifab verstecken. Zum anderen schauen die meisten Menschen nun mal während des Spiels zu. Da haben die Sportler die größte Reichweite und wollen ihre Haltung nachvollziehbarerweise eben dann kundtun.

Was das Ganze besonders absurd macht: Es ist ja nicht so, als wüsste man das alles nicht beim DFB. Präsident Keller stellt sich in dem Statement sogar demonstrativ hinter die Aktionen. "Solche mündigen Spielerinnen und Spieler wünsche ich mir, auf sie bin ich stolz", wird er zitiert. "Moralisch kann ich die Aktionen am vergangenen Wochenende absolut verstehen." Dass sein Verband nun trotzdem ermittelt, weil es ja nun mal in den Regeln steht, ist geradezu lächerlich. Zumal sich die Uefa und mit ihr auch alles Landesverbände seit Jahren mit der Kampagne "Say no to racism" ebenfalls für den selben Kampf einsetzen. Und dafür auch gerne auf die Mithilfe zahlreicher Stars zählt. 

Spieler mit Haltung zulassen

Den Spielern persönliche Botschaften während des Spieles zu verbieten, diese Regel steht exemplarisch für eine in den letzten Jahren ausufernde Unart im Profifußball. Für Manager und Funktionäre, die die Vermarktbarkeit über den Sport stellen. Die alles glatt bügeln wollen, keine Ecken und Kanten, keine Charaktere zulassen. Eindrucksvoll wird das unter Beweis gestellt in den Interviews nach Abpriff, wenn immer wieder die selben Plattitüden zu hören sind und immer weniger Emotionen.

Wer wirklich mündige Spieler will, der muss ihnen den Maulkorb nehmen und sie ihre Meinung sagen lassen. Natürlich wird es dann nicht immer um Themen gehen, in denen ein derart breiter gesellschaftlicher Konsens herrscht wie aktuell (Niemand bei Verstand verteidigt ja, dass ein Mensch sich bei einem anderen so lange auf den Hals kniet, bis der tot ist). Sicherlich würden dann auch mal kontroverse Meinungen zu hören sein. Aber auch das gehört dazu, im richtigen Leben, wie im Fußball. Und wer echte Vorbilder für die Jugend haben will, der muss auch echte Menschen zulassen. 

Quelle: Stellungnahme DFB

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