HOME

Stern Logo Bundesliga

Meinung

Konflikt zwischen DFB und Ultras: In anderen Ländern sind die Fans längst leise: Der deutsche Fußball kann stolz sein auf die Proteste

Seit den Beleidigungen gegen den Hoffenheimer Mäzen Dietmar Hopp diskutieren viele in Fußball-Deutschland am Thema vorbei. Dabei war der "Hurensohn" nur ein Hilferuf, der beweist: Die Bundesliga-Fans wehren sich wenigstens noch gegen den Ausverkauf ihres Sports.

Fans von Borussia Dortmund auf der Südtribüne des Signal-Iduna-Parks

Fans von Borussia Dortmund halten auf der Südtribüne des Signal-Iduna-Parks ein Transparent mit DFB-Logo im Fadenkreuz hoch

Fußballfunktionäre sind eine sehr selbstgefällige Spezies. Wenn Spieler rassistisch angegriffen werden, hören sie gerne weg – aber bei Beleidigungen gegen milliardenschwere Investoren drohen sie mit Spielabbrüchen. Das mag überspitzt formuliert sein. Der Eindruck konnte in den letzten Tagen trotzdem entstehen.

Seit sich Bayern und Hoffenheimer in einem pathetischen Akt den Ball hin- und herschoben, weil ein Banner in der Bayern-Kurve den Sinsheimer Mäzen Dietmar Hopp diffamiert hatte, diskutieren viele in Fußball-Deutschland am Thema vorbei. Dabei war der "Hurensohn" nur ein Hilferuf, der beweist: Die Bundesliga-Fans wehren sich wenigstens noch gegen den Ausverkauf ihres Sports.

Die Fanproteste sind alternativlos

Sie machen mobil gegen neue Anstoßzeiten, hohe Ticketpreise, Kollektivstrafen. Gegen alles, was die Werte ihres Sports bedroht, was den Wettbewerb verwässert. Bei aller berechtigten Kritik am Ton und an der Auswahl der Personen, gegen die sich ihr Protest richtet, sind die Anliegen nicht nur nachvollziehbar, sondern alternativlos. Weil sie sich um alles drehen, was echten Fußballfans am Herzen liegt. In dem Kulturkampf, der an diesem Wochenende zu eskalieren droht, geht es nicht mehr exklusiv um die Interessen und Rechte der Ultras. Er betrifft alle, die mit dem Fußball zu tun haben: Vereine, Verbände, Spieler, Funktionäre, Fans.

Im Rahmen der Debatte, in der Beleidigungen im Stadion mit rechtsextremen Anschlägen wie in Hanau unreflektiert in einem großen Topf Aufregung verrührt werden, wird vernachlässigt, welchen Wahnsinnigkeiten die Fans andauernd ausgesetzt werden, welchen Innovationen der Fußballzirkus frönt.

Denn dies ist immer noch die Zeit, in der Weltmeisterschaften nach Katar vergeben und anschließend in den europäischen Winter verlegt werden, die Zeit, in der an Sinnlosigkeit nicht zu überbietende Wettbewerbe wie die Nations League aus der Taufe gehoben werden, die Zeit, in der allen Ernstes über europäische Superligen nachgedacht wird, und die Zeit, in der Übertragungsrechte in Gänze an Streamingdienste verhökert werden.

Verbände streben nach Maximalprofit

Die Reformen prasseln seit einiger Zeit so stetig auf die treuesten unter den treuen Anhänger ein, dass sie keine Nostalgiker sein müssen, um sich hilflos zu fühlen. Die Strippenzieher im deutschen und internationalen Fußball verlassen sich so seelenruhig auf die Attraktivität ihres Produktes, dass sie offenbar fest davon ausgehen, jeder Unmut über ihr Streben nach maximalem Ertrag werde sich schon versenden.

Und die Entwicklung in vielen Fußballnationen gibt ihnen Recht: In Spanien wurde der Supercup kürzlich als Final-Four-Turnier nach Saudi-Arabien vergeben, in Paris tilgen die Geldgeber von Saint-Germain jegliche Chancengleichheit in der französischen Liga, und in England hat die Premier League die wahren Fans mithilfe horrender Eintrittspreise längst ausgesperrt und stellt seither ein Freizeitvergnügen für reiche Touristen dar. Früher wurde das alte Arsenal-Stadion als "Highbury the Library" verspottet – heute lässt sich die Stimmung in sämtlichen Stadien auf der Insel eher mit der Atmosphäre in einer Bibliothek vergleichen.

Woanders sind die Fußballfans längst leise

In diesen Ländern sind die Fans längst leise und lehnen sich nicht mehr auf gegen die Zustände. Sie haben kapituliert und machen im Zweifel ihr eigenes Ding in den Niederungen des Amateurfußballs, wo das Spiel noch am ehesten ihren Vorstellungen entspricht. Die tumorartigen Auswüchse des Profi(t)fußballs haben sie dahingerafft.

Aber vielleicht erreicht sie ja das aktuelle Zeichen aus der deutschen Fanszene: dass es durchaus Möglichkeiten gibt, die bräsige Selbstgefälligkeit der Verbände auf die Probe zu stellen. Als Beleg dafür muss die Hilflosigkeit gelten, mit der DFB und DFL den Konflikt moderieren und mit der sie vor einem möglicherweise ereignisreichen Spieltag stehen. 

Klingt komisch, aber: Genau das ist der Grund, warum der deutsche Fußball stolz sein kann auf die Proteste. Auch wenn diese Einsicht wohl kaum einen Funktionär in absehbarer Zeit ereilen wird.

tkr

Wissenscommunity