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TV-Kritik

"Doppelpass": Seid demütig und dankbar: Markus Söder tritt gegenüber dem Fußball auf die Euphoriebremse

Der Ball rollt endlich wieder! Und wie gut ist der erste Spieltag nach dem Corona-Cut bitte schön gelaufen? Die Bundesliga ist in Hochstimmung. Im "Doppelpass" wurde Markus Söder, der maßgebliche Architekt des Re-Starts, gefeiert wie ein Torschützenkönig. Doch Söder warnte.

Von Mark Stöhr

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder war maßgeblich daran beteiligt, dass der Ball wieder rollen darf

DPA

Zu Gast beim "Doppelpass" – ist das schon die Vorstufe zur Kanzlerschaft? In den "Quatsch Comedy Club" des deutschen Fußballdiskurses dürfen nur Auserwählte. Kicker mit 200 Bundesligaspielen Minimum, verdiente Vereinsfunktionäre und breitbeinige Meinungsmacher, die auch mal ein verbales Foul begehen dürfen, solange sie nicht den Rasen kaputttreten. Entscheidend ist der Stallgeruch. Wer nicht nach Fußball riecht, muss draußen bleiben. Wonach riecht also Markus Söder? Nach der Sendung mutmaßlich nach Weihrauch.

Für die Liga und ihre Lobby ist der bayerische Ministerpräsident der Messias. Er, der schärfste Sheriff des Shutdowns, war maßgeblich daran beteiligt, dass der Profifußball das Sonderprivileg erhielt, wieder zu trainieren und zu spielen. Während große Teile der Gesellschaft weiterhin vor den Trümmern ihres Alltags oder ihrer Existenz stehen. Entsprechend groß war das Buckeln im Sport1-Studio. Moderator Thomas Helmer stellte Söder mit Doktortitel vor und verlieh ihm das Attribut "glühender Fußballfan". Die Markus-Söder-Messe war eröffnet.

Paternalistischer Sound Söders

Unterm Strich sei das Experiment, "für das ich mich ja persönlich eingesetzt habe", gelungen, lautete das Urteil des Politikers. Die Runde atmete erleichtert auf. Deutschland, so Söder weiter, habe mit diesem Spieltag ein Signal an die Welt gesendet: "Wir können‘s." Hochstimmung machte sich unter den Anwesenden breit. "Doch", setzte der CSU-Chef wieder eine ernste Miene auf, "dieses Experiment bleibt jedes Wochenende auf Bewährung." Zustimmendes Nicken von links und rechts.

Wie kein anderer hat Markus Söder den paternalistischen Sound in den letzten Wochen kultiviert. Im "Doppelpass" bekam er die ganze Breite des Spielfelds für seinen Drohen-und-Loben-Matchplan. Dass sich die Hertha-Spieler beim Torjubel umarmt und einmal sogar geküsst hätten, habe er auch nicht gut gefunden  – aber, fügte er jovial hinzu: "Ich verstehe, dass sich der Verein, der im Vorfeld so wacklig war, über so ein tolles Ergebnis freut." Und es sei ja auch mal so, dass es beim Torjubel nur "Hinweise zur Orientierung" gegeben habe. "Ich gehe davon aus, dass die DFL ihre Anweisungen noch einmal nachschärfen wird."

Die Demut der Fußballakteure bröckelt

Nicht müde wurde Söder, die Vorbildfunktion des Fußballs hervorzuheben und brachte dabei auch ein Thema zur Sprache, dass in der Branche nicht gerne diskutiert wird: die exorbitant hohen Gehälter und Honorare von Spielern, Trainern und Beratern, die sich vom Rest der Gesellschaft komplett entgekoppelt haben. "Die Gehaltsstruktur vieler Leute, die heute in Kurzarbeit sind", formulierte Söder es diplomatisch, "ist doch eine andere als die vieler Spieler, die ein stabiles Gehalt haben." Seine Botschaft an die Liga: Seid dankbar, seid demütig, es hätte auch anders laufen können.

Aber diese Demut, die allen Akteuren von der Ligaspitze eingeimpft wurde, bröckelt bereits zum Re-Start. Ob es denn tatsächlich bis zum Jahresende nur Geisterspiele geben könne, fragte Sport1-Chefredakteur Pit Gottschalk mit kaum verhohlener Ungeduld. Söder: "Mit Corona kann man keinen Deal machen. Wenn wir keine zweite Welle bekommen, dann ist vieles möglich."

Bundesliga Restart Reaktionen

Bayern-Präsident Herbert Hainer, der sich als kaltherziger Funktionär präsentierte, blies zum Gegenangriff gegen alle "Chefkritiker", die sich in letzter Zeit in den Talkshows zu Wort gemeldet hätten und die nun eines Besseren belehrt worden wären. Und Marcel Reif ereiferte sich über den Bremer Innensenator Ulrich Mäurer, der sich entschieden gegen den Wiederanpfiff der Bundesliga positioniert hatte: "Wer kannte Herrn Mäurer vor Corona? Was der macht, ist mit Polemik nicht hinreichend beschrieben."

Also alles fast wieder wie gehabt. Markus Söder wird sich auch daran messen lassen müssen, wie er sich im Falle einer Verschlechterung der Zahlen verhält. Könnte sein, dass ihm die Fußballlobby dann nicht mehr den roten Teppich ausrollt.

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