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Meinung

Corona-Prävention: Keinen Plan von Fair Play: Wie Union Berlin der Liga ins Gesicht lachen wollte – und kläglich scheiterte

Am Wochenende bleiben alle Stadien der Bundesliga leer – auch die Alte Försterei zu Köpenick. Zuerst hatten sie dort aber nichts wissen wollen von den Empfehlungen des Gesundheitsministeriums. Damit hat der Verein seinen guten Ruf aufs Spiel gesetzt.

Union Berlin

Fans von Union Berlin in der Alten Försterei: "Herr Spahn hat ja auch nicht empfohlen, dass BMW in Marienfelde die Produktion einstellt"

Dirk Zingler ist Präsident von Union Berlin und offenbar ein richtig guter Gastgeber. Am Samstag empfängt sein Verein in der Fußball-Bundesliga den FC Bayern München, es ist das Spiel des Jahres für den Aufsteiger, und wie immer sollte die Alte Försterei, dieses kleine und stimmungsvolle Stadion, pickepackevoll sein. Am Dienstag hatte Zingler noch schnell eine öffentliche Grußbotschaft an die Fans des Rekordmeisters geschickt: "Kommt vorbei, trinkt mal ein vernünftiges Berliner Pils."

So weit, so launig. Das Problem ist nur: Die Fußballspiele sollen am Wochenende auf Empfehlung des Bundesgesundheitsministeriums ohne Zuschauer stattfinden, um eine Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern. Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Besuchern sind abzusagen, so Minister Jens Spahn.

Corona-Prävention: Gleiches Recht für alle

Die meisten Vereine wollen sich zähneknirschend an die Vorgabe der Behörden halten. Bereits am Mittwochabend werden im Borussia-Park von Mönchengladbach, wo der 1. FC Köln als Gast zum Rheinderby antritt – noch so ein "Spiel des Jahres" –, keine Fans anwesend sein. Und auch der Revierklassiker zwischen Dortmund und Schalke (genau: "Spiel des Jahres") wird am Samstag zum Geisterspiel.

Nur Union Berlin wollte von all dem zunächst nichts wissen. Dabei lässt das Grundverständnis von Fair Play – ganz unabhängig von der gesundheitlichen Fahrlässigkeit, die das Verhalten der Berliner transportiert – eigentlich keinen anderen Schluss zu: gleiches Recht für alle. Dass ein Verein sich in dieser Situation im Alleingang über die Konkurrenz erhebt, grenzt schlicht an den Versuch der Wettbewerbsverzerrung. Denn: Ein Spiel ohne Fans ist ein anderes Spiel.

Das weiß auch Zingler. Aber in extremen Situationen zeigt sich der wahre Charakter. Bislang galt Union als Bereicherung für die Liga, aber jetzt hat der Präsident das andere Gesicht des kultigen Kiezklubs aus Köpenick entblößt: "Es gibt nichts, wenn es um Infektionen geht, das für Europa oder ganz Deutschland gilt", sagte er. "Es muss in der Region vor Ort entschieden werden, deshalb entscheidet nicht Herr Spahn, sondern die Gesundheitsbehörde in Köpenick." Und die hat nach widersprüchlichen Angaben von Verein und Bezirk nun bekannt gegeben: Auch Union wird ohne Zuschauer spielen.

Fast schon trotzig hatte zuvor Zinglers Hinweis geklungen, dass dem Verein als Veranstalter und Arbeitgeber von 180 Mitarbeitern die Unternehmensgrundlage entzogen werde: "Herr Spahn hat auch nicht empfohlen, dass BMW in Berlin die Produktion einstellt, also kann er uns auch nicht empfehlen, dass wir unseren Betrieb einstellen."

Über den Inhalt von Zinglers Whataboutism ließe sich streiten, wenn dafür gerade irgendjemand die Zeit hätte, aber verantwortungslos hat er sich in hochdynamischer Präventionslage ohne Zweifel verhalten. Es spricht nicht für Union Berlin, wenn sich der Präsident eines Hauptstadtklubs öffentlich geriert wie der Provinzfürst des Dorfvereins. Schließlich sind die wirtschaftlichen Folgen für alle Vereine immens. Wie seltsam mutet es da an, wenn ein Verein in der Not nur an sich denkt wie ein Hamsterkäufer im Supermarkt.

Union Berlin: Die Konkurrenz horcht auf

Der Rest der Liga hatte ob dieses höchst unsolidarischen Verhaltens bereits aufgehorcht, vor allem die Konkurrenz der Berliner im Abstiegskampf. Alexander Wehrle, Geschäftsführer des 1. FC Köln, fand es "nicht rational nachvollziehbar, dass wir keine einheitliche Linie haben." Fortuna Düsseldorf wollte bei der DFL für Wettbewerbsgleichheit protestieren.

Verständliche Reaktionen, auf die es nicht zuletzt Zingler mit seinen Äußerungen angelegt hat. Jens Spahn sagte im Deutschlandfunk: "Ich bin etwas verwundert, das will ich sagen, über das, was hier in Berlin mit diesem Fußballspiel passiert."

Nicht nur er. Bei Union haben sie nicht weniger als den guten Ruf des Vereins aufs Spiel gesetzt. Das ist der Eindruck, der bleibt. Unabhängig davon, dass am Samstag an der Alten Försterei nun doch ohne Fans gespielt wird.

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