HOME
Analyse

Krise bei den Überfliegern: Fünf Gründe, warum sich der BVB selbst um den Lohn seiner harten Arbeit bringt

In der ersten Hälfte der Saison dominierte der BVB Liga und Champions League nach Belieben. Nach der Winterpause strauchelt der Klub, ist aus dem Pokal raus und mit anderthalb Beinen auch schon aus dem internationalen Geschäft. Woran das liegt.

Auch BVB-Motor Axel Witsel (r.) hatte in London nicht seinen besten Tag erwischt

Auch BVB-Motor Axel Witsel (r.) hatte in London nicht seinen besten Tag erwischt

DPA

Null zu drei. Borussia Dortmund hat sich am Mittwochabend eine saftige Packung abgeholt in London. Nach der Demontage durch Tottenham Hotspur braucht der BVB im Rückspiel am 5. März ein mittelgroßes Fußballwunder im Signal-Iduna-Park, um noch ins Viertelfinale einzuziehen. Drei Tore müssen es mindestens für eine Verlängerung sein, vier um weiterzukommen. Oder anders: Der BVB ist so gut wie raus aus der Champions League.

Im DFB-Pokal schied die Übermannschaft der Hinrunde bereits überraschend gegen Werder Bremen aus, in der Liga gab es zuletzt zwei Unentschieden, eines davon nach 3:0-Führung kurz vor Schluss. Der Abstand zu den Bayern wird geringer. Dortmund strauchelt, nachdem das Team von Lucien Favre zunächst wie berauscht durch die erste Hälfte der Saison geschwebt ist. Doch die entscheidende Phase im Profi-Fußball ist nun mal das Frühjahr und ausgerechnet jetzt schwächelt der BVB. Das hat mehrere Gründe.

Das fehlende Hirn und Herz des Spiels

Der wichtigste Grund zuerst, auch wenn er ein bisschen nach einer Ausrede klingt: das Fehlen von Marco Reus. Ja, der BVB hat einen breiten, guten Kader, mindestens den zweitbesten in Deutschland. Trotzdem steht und fällt die Leistung der meisten Hochbegabten mit der Anwesenheit von Reus auf dem Platz. Der 29-jährige spielt die Saison seines Lebens, will sich unbedingt die erste Meisterschaft seiner Karriere schnappen - und geht dafür mehr Wege als alle anderen. Er reißt die Jungen mit, ist Antreiber auf dem Feld, schießt die Tore. Reus ist Hirn und Herz des BVB. Ohne ihn ist die Mannschaft signifikant schlechter. 

Die fehlende Körperlichkeit

Das merkte man auch gegen Tottenham. "Immer wenn es gegen robuste Mannschaften geht, haben wir Schwierigkeiten, weil wir nicht dagegenhalten können", beklagte Keeper Roman Bürki nach Spielende. Und Recht hat er. Der BVB besteht zum Großteil aus Künstlern. Haben dann Arbeiter wie Witsel und Delaney noch einen gebrauchten Tag erwischt, und fehlt der Motivator Reus, dann überrennt eine englische Mannschaft Dortmund, wie es in Durchgang zwei phasenweise der Fall war.

Die fehlende Reife

Den Kader des BVB prägen vor allem die Jungstars, die Sanchos, Hakimis, Pulisics und Akanjis. Und auch Diallo, Alcacer oder Guerreiro sind noch nicht im reifen Fußballeralter. Kaum einer hat die nötige Erfahrung, um eine gesamte Saison auf ganz hohem Niveau durchzuspielen. "Ich habe immer gesagt, es gibt viel zu tun", sagte Coach Favre nach der 0:3-Klatsche und spielte darauf an, dass er auch in der Hinrunde ständig versucht hatte, kleine Brötchen zu backen. Das Problem: Gewinnt man ständig und führt die Tabelle mit großem Abstand an, macht sich irgendwann der Gedanke "Wir können Meister werden" in den Spielern breit. Und ganz offensichtlich ist das auch der Moment, an dem die Nervosität beginnt.

Die fehlende Abgeklärtheit

Diese Nervosität im Großen zeigt sich auf dem Platz auch im Kleinen: Dem BVB fehlt es an Abgeklärtheit. Wer in der Verlängerung im DFB-Pokal zweimal führt, darf nicht noch ins Elfmeterschießen gehen. Wer eine Viertelstunde vor Schluss mit 3:0 in Front liegt, darf nicht noch Unentschieden spielen. Und wer nicht aus der Champions League fliegen will, darf nicht in London drei Gegentore kassieren, von denen mindestens zwei geschenkt waren. All das gehört zum Lernprozess einer jungen Mannschaft. Nur ist in der Liga der FC Bayern dem BVB auf den Fersen. Allzu viele Punkte lässt der Rekordmeister in einer Saison nicht liegen. Sollte Dortmund weiterhin straucheln, wird es ganz schnell sehr eng.

Das fehlende Quäntchen Glück

Was in der Hinrunde nur zu gern übersehen wurde: Dortmund hatte immer wieder auch einfach nur gehörig Glück. Im DFB-Pokal wäre man beinahe in Runde eins und beinahe in Runde zwei rausgeflogen. Beide Mal musste Reus in Minute 120 (!) den Siegtreffer erzielen. Und in der Liga war das oft nicht anders. Gegen Leverkusen stand am Ende zwar ein 4:2-Sieg, zunächst lag der BVB aber 0:2 hinten. Gegen Augsburg traf Paco Alcacer mit einem Freistoß in der fünften Minute der Nachspielzeit zum 4:3. Mit ein bisschen mehr Glück, hätte der BVB gegen Bremen und Hoffenheim vielleicht nicht mehr den Ausgleich kassiert, und würde entsprechend deutlich besser dastehen.

Doch das Glück fehlt im Moment und so ist der BVB dabei, sich um seine eigenen Lorbeeren zu bringen. Es droht das Doppel-Aus in den Pokalen und denkt man die aktuelle Entwicklung weiter, droht auch in der Liga auf kurz oder lang die Ablösung von der Tabellenspitze. Besonders für Marco Reus im Herbst seiner Karriere wäre das bitter. So gute Chancen auf die Meisterschaft wie in diesem Jahr, wird er womöglich nicht noch einmal bekommen.

Chile: Ärzte schauen Fußball während OP - Confed Cup im Krankenhaus

Wissenscommunity