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Fußball Alexa, spiel das Bayern-Spiel: So lief der erste Champions-League-Abend auf Amazon Prime

Erster Auftritt: Moderator Sebastian Hellmann (von links) diskutiert mit Kim Kulig, Matthias Sammer und Mario Gomez über das Spiel.
Erster Auftritt: Moderator Sebastian Hellmann (von links) diskutiert mit Kim Kulig, Matthias Sammer und Mario Gomez über das Spiel.
© MIS / Imago Images
Zum ersten Mal zeigt Amazon Prime ein Champions-League-Spiel. Dabei tut der neue Sender alles dafür, bloß nicht als neuer Sender aufzufallen. Eine Nachtkritik.

Hätte man diese Übertragung in die bei Amazon üblichen Streamingkategorien einsortieren müssen, sie wäre gewiss nicht unter Action gelaufen. Auch Drama träfe es nicht. Nein, das, was die geneigten Fußballzuschauer da am Dienstagabend geboten bekamen, war wohl am allerehesten als romantische Komödie zu bezeichnen. Es wurde viel und oft gelacht, noch mehr gefrotzelt, durchweg geduzt und am Ende hatten sich alle lieb. Selbst der FC Barcelona war dem FC Bayern in seinen alpinen Trikots so zugetan, dass er ihn ohne jede Gegenwehr drei Tore schießen ließ.

Und so saß man danach noch lange auf der Couch, starrte den längst schwarz gewordenen Bildschirm an und mochte überlegen, woher einem diese kumpelhafte Art der Berichterstattung bekannt war. Achja, genau, von Sky, daher! Nun läuft die Champions League in dieser Saison aber nicht mehr auf Sky, zum ersten Mal seit mehr als zwei Jahrzehnten, sondern auf DAZN – und, wie gestern gesehen, eben auch auf Amazon Prime.

Der Versandhandelsriese darf das Topspiel am Dienstag zeigen, und so ein Gigantenduell im Camp Nou gleich zu Beginn, das war doch was. Nur was? Für den neuen Sender die Gelegenheit, bloß nicht als neuer Sender aufzufallen. Hätte man nicht gelegentlich auf das Logo in der oberen rechten Bildecke gestarrt, auf den grinsenden Amazon-Pfeil, die Umstellung wäre nicht aufgefallen. Was zuvorderst an Sebastian Hellmann lag, den sich Prime listig von Sky ausgeliehen hat, damit er jetzt halt gestreamt die Königsklasse wegmoderiert. Und das, was bei Sky Lothar Matthäus war, ist jetzt Matthias Sammer. Hellmann ließ sich davon nicht irritieren und ohnehin nur ein Mal den Namen Amazon fallen, fast so, als sei ihm mittlerweile selbst egal, unter welchem Senderdach er seine Sätze in die Nacht flötet.

Wieder ein neuer Sender

Der deutschen Fußballgemeinde dürfte das nicht ganz so einerlei sein, nicht erst seit der EM ist von einer ganz generellen Übersättigung die Rede – und jetzt schon wieder neue Sender? Wer es wirklich ernst meint im Jahr 2021, der braucht zwei Internetabos für die Spiele unter der Woche, dazu Sky für die Bundesligen und RTL für die Nationalmannschaft und ihre WM-Qualifikation. Die Frauen laufen wiederum auf Magenta TV. Darf man sich darüber aufregen? Natürlich, man darf.

Die Älteren werden sich gleichwohl erinnern, dass man früher sogar mal zu tm3 zappen musste, um Champions League zu gucken, und diesen Nischensender hatte man ganz bestimmt nicht auf der Fernbedienung eingespeichert.

Doch zurück zum gestrigen Abend, der also ein historischer war, auch wenn das niemand vor sich hertrug und betonen wollte. Das Neue, das mit Prime einhergeht, es drückte sich deshalb vor allem in den Details aus. Darin, dass man eine Warnung angezeigt bekam, bevor man überhaupt zum Stream schalten konnte: "Livesendungen könnten nicht jugendfreie Inhalte enthalten." Akzeptierte man klickend, kam direkt danach: Oliver Kahn. Inhaltlich absolut konsequent.

Der Titan, der ja mittlerweile Funktionär ist und sein Auftreten auch dahingehend präsidialisiert hat, er wurde von Hellmann zu einigem befragt – Salihamidžić, Goretzka und 1999, die Mutter aller Niederlagen. An den Antworten schien Hellmann nicht allzu interessiert. Auch das hat er sich also von Sky zu Prime hinübergerettet, dieser sleeke Versicherungsmakler unter den Sportmoderatoren.

Später dann, Kahn war gegangen, übernahmen die Experten, die ab sofort heißen: Sammer, Kim Kulig und Mario Gomez. Nun gab es in der Vergangenheit oft Kritik an den unlauteren Arbeitsbedingungen bei Amazon, diese Drei schienen davon allerdings ausgenommen. Oder war die gefrorene Mimik von Kulig ein stummer Hilferuf? Für Sammer muss man derweil ein eigenes Verb erfinden, das seiner Expertise Rechnung trägt und noch mehr der Art, diese auszudrücken. Sammern vielleicht? Das ist Ganzkörperkunst, ohne Rücksicht auf sich selbst. In der Halbzeit turnte der Kahlrasierte gar die missglückte Abwehraktion von Barcas Verteidiger Eric Garcia nach, die dem 0:1 voraus gegangen war.

Bloß nicht auffallen

Da grinste dann auch mal Mario Gomez aus dem Slim-Fit-Anzug, der ihm offenbar kurz vor Sendungsbeginn am Körper zusammengenäht worden war. Alexa, trug dieser Gomez eigentlich wirklich keine Socken in seinen Slippern? Zu erkennen sind solche Feinheiten im Stream, weil Amazon die Champions League in Ultra HD präsentiert. Was, das Gesamtbild besehen, außerordentlich ist. Aber auch mit sich bringt, dass man in Nahaufnahme auf den Spielerstirnen die Schweißperlen zählen kann.

Weil für derlei Hochauflösung eine stabile Bandbreite nötig ist, liefen ein paar soziale Netzwerke dann auch lustig voll mit den Fotos, die verärgerte Fußballfans von ihrem eingefrorenen Stream gemacht hatten. Aber für das Internet kann Amazon wohl eher nichts, da müsste man Andy Scheuer adressieren. Auch ein Bayer, immerhin.

So plätscherte dieser Abend in seiner ganzen Skyhaftigkeit dahin, unterbrochen nur von einem Schwarzbild um die 60. Minute herum und den gelegentlichen Exegesen des als Co-Kommentator verpflichteten Benedikt Höwedes. Der Jonas Friedrich assistierte. Der auch wieder von Sky ausgeliehen ist. "Hat brutal auf sich aufmerksam gemacht", rief Höwedes einmal, und auch wenn man sich an diese Motivationsseminarsprache leider gewöhnt hat, schreckte man doch kurz hoch: Wer denn, bitte? Amazon Prime eher nicht. Dafür war es zu sehr Sky.

Und irgendwo an diesem Dienstagabend wird Wolff-Christoph Fuss stille Tränen der Verzweiflung geweint haben, weil er als Einziger nicht auch bei Amazon mitmacht.


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