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NSU-Kontakte: Was über den berüchtigten Nazi-Hool von Chemnitz bekannt ist

Fans des Chemnitzer FC haben im Stadion eines verstorbenen Neonazis gedacht. Der Aufschrei war groß. Wer ist eigentlich dieser Mann?  

Chemnitzer Fans ehren den Neonazi Thomas Haller (rechts auf der Viedoleinwand) mit einer Pyro-Show

Chemnitzer Fans ehren den Neonazi Thomas Haller (rechts auf der Viedoleinwand) mit einer Pyro-Show

DPA

Der Skandal wirkt noch nach. Am Samstag hatte es im Stadion des Chemnitzer FC eine Trauerfeier für einen Fan gegeben, der an Krebs gestorben war. Das Porträt des Verstorbenen wurde auf der Anzeigetafel gezeigt, es gab eine Schweigeminute, eine Pyro-Show und Chemnitz-Profi Daniel Frahn hielt im Spiel ein T-Shirt in die Höhe mit der Aufschrift: "Support your local Hool" (Unterstütze deinen örtlichen Hooligan).

Um die Dimension des unglaublichen Vorgangs zu verstehen, lohnt ein genauerer Blick auf die Person Thomas Haller. Er war eben kein gewöhnlicher Fan, der sich politisch verirrt hatte oder unter schlechtem Einfluss stand, sondern eine seit Jahrzehnten zentrale Figur der rechtsextremen Szene in Sachsen, die nun öffentlich im Stadion geehrt wurde.

Politisch aktiv bis zum Tod

Die Chemnitzer Zeitung "Freie Presse“ hat deshalb nachgezeichnet, welche Rolle Haller tatsächlich im braunen Sumpf des Freistaates spielte. Demnach hatte er Kontakte zum nationalsozialistischen Untergrund (NSU) und war bis zu seinem Krebstod politisch aktiv. 

Bekannt ist, dass Haller in den neunziger Jahren die Fangruppe "Hooligans Nazis Rassisten" (HooNaRa) gründete. Die Gruppe bildete auch die Keimzelle für den Sicherheitsdienst, der später für den CFC im Stadion tätig war. Erst 2007 beendete der Klub, der aktuell in der vierten Liga spielt und massive Finanzprobleme hat, die Zusammenarbeit mit Haller. Grund waren ein offenherziges Interview in dem Fußball-Magazin "Rund" und sein öffentliches Bekenntnis zu HooNaRa.

Unter einem Pseudonym hatte Haller damals unter anderem gesagt: "Wenn wir nicht präsent wären, würden die Fans irgendwann sagen: 'Was willst du von mir, du Wichser.' Wenn der weiß, wer ich bin, wagt der das niemals. Die Leute müssen wissen: Der macht keinen Spaß. Der holt mich noch drei Wochen später ab, auch von Zuhause, auch vom Nachtschrank. Ich bin nicht irgendein Wichser, den man anlachen kann. Wir gehören zur Stadt. Wir gehören zum Verein." Zu diesem Zeitpunkt hatte HooNaRa längst Stadionverbot. Zudem wurde die Gruppe vom Verfassungsschutz beobachtet.

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Hallers Name taucht im Zusammenhang mit dem NSU auf

Wie die "Freie Presse“ weiter schreibt, tauchte Hallers Name in den Ermittlungen zum Nationalsozialistischen Hintergrund (NSU) auf. Beim Chemnitzer Thomas S., geständiger Sprengstoffbeschaffer des Trios Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe, stand Haller  im Adressbuch. S. spielte beim Abtauchen des Terror-Trios eine zentrale Rolle und stammt selbst aus der Hooligan-Szene. Hallers Kontaktdaten fanden sich auch im Handy von Thomas Marschner, ein Neonazi, der im Lauf der NSU-Ermittlungen als V-Mann des Verfassungsschutzes enttarnt worden ist. Marschner steht im Verdacht, Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos in seiner Bau-Firma und seinem Szene-Laden beschäftigt zu haben. Marschners Rechtsrock-Band Westsachsengesocks erwähnte die HooNaRa in einem Text, die Band Blitzkrieg widmete HooNaRa einen kompletten Song.

Einmal wurde gegen Haller sogar wegen Totschlag-Verdachts ermittelt. Im Oktober 1999 prügelten Nazi-Schläger den Punker Patrick Thürmer zu Tode. Der Verdacht, dass er bei dem Angriff dabei gewesen sei, erhärtete sich aber nicht. Knapp 20 Jahre später, im August 2018, sollen laut "MDR" die rechten Chemnitzer Fangruppen NS Boys und Kaotic geholfen haben, die rechte Demo in der Stadt zu organisieren, bei der es zu ausländerfeindlichen Ausschreitungen kam. Bei deren Gründung stand der Alt-Hool Pate.

Quellen: "Freie Presse", "Potsdamer Nachrichten", "Süddeutsche Zeitung", MDR, DPA

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