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Das Buch "Zockerliga": Wie im Rausch

Zocken ist unter Fußballern weit verbreitet. Einige treibt es in die Spielsucht, so wie den ehemaligen St.-Pauli-Spieler René Schnitzler, der seine Karriere am Pokertisch zerstörte. In dem Buch "Zockerliga" wird sein Absturz nachgezeichnet.

Von Tim Schulze

Er war mal ein junger Fußball-Profi, durchtrainiert und talentiert. Früher. Jetzt hat er zwanzig Kilo zugenommen und über 100.000 Euro Schulden. Er ist arbeitslos und für zwei Jahre vom DFB gesperrt. Acht Jahre glich das Leben des ehemaligen Fußball-Profis René Schnitzler einer Achterbahnfahrt, die am Ende vollkommen außer Kontrolle geriet. Mit 18 Jahren verfiel er der Spielsucht, sie kostete ihn seine Karriere und ruinierte seinen Ruf. Jetzt sitzt Schnitzler in einem Café im Hamburger Schanzenviertel und gesteht: "Es ist im Moment sehr schwierig für mich. Das ist sicherlich ein absoluter Tiefpunkt."

Die Journalisten Wigbert Löer und Rainer Schäfer präsentieren zusammen mit dem ehemaligen Profi des FC St. Pauli das Buch "Zockerliga. Ein Fußballprofi packt aus", für das Schnitzler Pate stand. Es handelt davon, wie sich ein talentierter Fußballer verstrickt in einer Welt illegaler Pokerrunden, schneller Autos und hemmungsloser Prasserei. Am Ende lässt er sich mit einem Wettpaten ein, von dem er hohe Summen kassiert, um St.-Pauli-Spiele zu manipulieren. Er hat den beiden Autoren Einblicke gewährt in die Welt des Profis-Fußballs: "Ich erzähle hundertprozentig das, was ich erlebt habe", sagt Schnitzler.

Spielsucht ist ein großes Problem im Profi-Fußball


Zum Beispiel von den jungen Profis in den Clubs der ersten, zweiten und dritten Liga, die auf einmal sehr viel Geld verdienen. Es gibt eine Menge Freizeit, die viele von ihnen mit ausgiebigem Zocken ausfüllen, es geht oft um hohe Summen. Meistens bleibt es folgenlos. Nicht jeder Profi, der pokert, ist gleich spielsüchtig und verschuldet sich. Nicht jeder zockt so exzessiv, wie Schnitzler es über Jahre getan hat, oft wie im Rausch.

"Spielsucht ist das größte Problem im Profi-Fußball außerhalb des Platzes", sagt der Autor Rainer Schäfer, das "Thema werde nur systematisch bagatellisiert". Viele Manager und Sportdirektoren der Bundesliga hätten ihnen Fälle geschildert, aber keiner wolle mit Namen zitiert werden.

Schnitzler verfällt bereits mit 18 Jahren der Zockerei. Zu diesem Zeitpunkt spielt er in der A-Jugend von Gladbach und gilt als hoffnungsvolles Talent. Kurz nach seinem Geburtstag fährt er mit einem Freund ins Casino nach Aachen. Da ist es um ihn geschehen. Später, als er schon in die die zweite Mannschaft aufgerückt ist, trifft er bei einer illegalen Pokerrunde im Rheinland Oliver Neuville, den Vizeweltmeister von 2002. Neuville spielt konzentriert, raucht selbstgedrehte Zigaretten und verabschiedet sich nachts um drei. Er will ausgeschlafen zum Training erscheinen. Darin unterscheidet er sich von Schnitzler, der schon in jungen Jahren selten ein Ende findet.

Geld spielt keine Rolle mehr


Als Schnitzler in Hamburg beim FC St. Pauli anheuert, verdient er je nach Prämien zwischen 11.000 und 15.000 Euro im Monat, netto. Er wirft mit dem Geld um sich: ein teures Appartement, Klamotten und Schmuck. Innerhalb weniger Monate legt er sich erst einen Audi TT und dann einen Mercedes CLS zu. "Geld spielte keine Rolle mehr. Bei vielen Profis dreht sich alles um die Themen Autos, Frauen, Zocken", sagt Schnitzler. Es geht um das Gefühl, alles kriegen zu können. Es gibt keine Grenzen. Selbst die Verantwortlichen des Hamburger Clubs sollen bei Gelegenheit mitgezockt haben.

Schnitzler spricht von einem gut "strukturierten Netzwerk", das auch in der Hansestadt existiert. Ist man erst einmal drin, bekommt man Kontakte und Angebote für illegale Pokerrunden. So war es im Rheinland, so ist es auch in der Hansestadt. In Hamburger Edelhotels werden regelmäßig Pokerabende organisiert, bei denen auch schon mal Prostituierte zum Programm gehören. Fußball-Profis sind hier gern gesehene Gäste.

Exzessive Formen des Zockens finden überall statt. Der Trainer Claus-Dieter Wollitz berichtet den Autoren von seiner Zeit beim VfL Osnabrück: "Es wurde vor dem Training gespielt und danach sogar noch vor dem Duschen weitergespielt, ebenso auf dem Weg zu Auswärtsspielen und auf der Heimreise." Das Zocken gehört in vielen Profimannschaften offensichtlich zum Alltag. Und es macht anfällig für Spielmanipulationen. Warum nicht auf ein Spiel der eigenen Mannschaft wetten, dessen Ausgang man selbst beeinflussen kann und größere Summen kassieren? Mehrere Profis des VfL Osnabrücks ließen sich tatsächlich kaufen und manipulierten Spiele.

Schnitzler will kein Einzelfall sein


Schließlich lässt sich auch Schnitzler mit der Wettmafia ein. Ein Zockerkumpel stellt den Kontakt zum niederländischen Wettpaten Paul Rooij her, wie der stern im Januar aufdeckte. Hier lässt sich eine Geldquelle erschließen für ihn, der inzwischen hochverschuldet ist. Er kassiert insgesamt 100.000 Euro von Rooij, um Spiele des FC St. Pauli zu manipulieren. Er behauptet bis heute, dass er das Geld zwar genommen, aber die Spiele nicht beeinflusst habe. Vieles spricht dafür, dass er die Wahrheit sagt.

Im Dezember 2010 durchsucht die Polizei wegen der Kontake zum Wettpaten seine Wohnung in Mönchengladbach. In Bochum läuft der Prozess gegen den Wettpaten Marijo Cvrtak, der Schnitzler in seinen Aussagen beschuldigt hatte. Das ist der Wendepunkt. Schnitzler sagt bei der Staatsanwaltschaft aus und entschließt sich, seine Geschichte öffentlich zu machen.

Seine Zeit in Hamburg ist längst beendet, sie wollten ihn nicht mehr haben. Danach war er noch beim Fünftligisten FC Wegberg-Beeck in der fünften Liga unter Vertag, jetzt ist er vereinslos. Schnitzler ist 26 Jahre alt und hofft, nach Ablauf seiner Sperre wieder Fußball spielen zu können. Im Moment absolviert er seine Therapie gegen seine Sucht. Er hat noch nicht aufgegeben.

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