DFB-Pokal
Ein Fußball-Fest, das (zumindest teilweise) im Pyro-Nebel unterging

Harry Kane schießt die Bayern zum DFB-Pokalsieg gegen Stuttgart. Die Stimmung ist rauschend – bis beide Fankurven so viel Pyrotechnik zünden, dass kaum noch jemand das Spiel sieht.
DFB-Pokal Harry Kane
Alle wollen ein Stück von ihm: Harry Kane nach dem 3:0-Sieg über Stuttgart im DFB-Pokalfinale
© Marvin Ibo Guengoer / Getty Images

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Die S-Bahn ins Olympiastadion ist nachmittags rappelvoll, das Klima erinnert an eine skandinavische Sauna. Die Bayern-Fans, die einsteigen, werden von den Stuttgartern freundlich mit einem Sprechchor begrüßt: 

FC Bayern, Hurensöhne!“ Die Antwort: „Wir haben euch auch lieb.“ 

Ein Mann im Stuttgart-Trikot: „Wir wollen eigentlich nur, dass ihr keine vier bis fünf Tore schießt.“ Er findet: Stuttgart kann gewinnen, Bayern muss. 

Harry Kane gewinnt für die Bayern den DFB-Pokal

Vielleicht ist er am Ende des Abends zufrieden? Denn die Bayern schießen keine vier bis fünf Tore. Und manche der Bayerntore konnte man im Stadion teilweise eh kaum sehen – aber das liegt an den Fans, nicht am Spiel. 

Die Münchner gewinnen den DFB-Pokal. Es ist mehr als ein halbes Jahrzehnt her, dass man das schreiben konnte. Um genau zu sein: Harry Kane gewinnt für die Bayern den Pokal. Vor 74.036 Fans im ausverkauften Olympiastadion. 

Dieses eindeutige Ergebnis gibt dabei nicht das gesamte Spiel wieder. Gerade in der ersten Hälfte schlagen sich die Stuttgarter wacker und sind zeitweise das bessere Team. Sie drücken die Bayern mit einem extrem hohen Pressing in die eigene Hälfte. Die Bayern bekommen die ersten dreißig Minuten keinen Tritt in dieses Spiel – und man muss es so klar sagen: Stuttgart ist giftiger. Mittelstürmer Harry Kane versucht, sich teilweise den Ball in der eigenen Hälfte abzuholen, wird dabei auf Schritt und Tritt verfolgt. Immer wieder muss Bayerntorwart Urbig lange Bälle spielen. Die Stuttgarter gewinnen in der ersten Hälfte 60 Prozent der Zweikämpfe und holen sich die zweiten Bälle im Mittelfeld. 

Erst in der 30. Minute der erste offizielle Torschuss

Beinahe wird Stuttgart dafür belohnt. In der neunten Minute schießt Mittelstädt nach Vorlage von Undav und trifft: das Außennetz. In der 17. Minute versucht er es aus 21 Metern auf das Tor der Bayern. Urbig muss sich strecken und pariert zur Ecke. Und diese kleinen Nadelstiche setzen sich fort. 

Erst in der 30. Minute kommt Bayern zu seinem ersten offiziellen Torschuss: Diaz bekommt den Ball und schießt – in die Arme von Nübel. In den letzten 15 Minuten der ersten Halbzeit kommen sie wieder ran: Am Ende wird es eine Halbzeit auf Augenhöhe. Im Fernsehen kommentiert der ehemalige Nationaltrainer Jogi Löw in der Halbzeit: „Sebastian Hoeneß hat den VfB taktisch super eingestellt, spielt teilweise Manndeckung, lässt den Bayern keinen Platz. Wenn die Stuttgarter das durchhalten und irgendwann dann auch das 1:0 erzielen, haben sie alle Chancen.“ Der Trainer der Stuttgarter, dessen Onkel die graue Eminenz der Münchner, Uli Hoeneß, ist, macht einen guten Job.  

Die zweite Hälfte beginnt wie die erste: Stuttgart presst hoch, die Bayern müssen versuchen, sich herauszuspielen. Stuttgart ist im Spiel, doch dann der Schock für die Mannschaft in Weiß: Die Bayern haben einen Freistoß, spielen auf Olise auf der Außenbahn. Der findet den Mittelstürmer der Roten: Harry Kane köpft den Ball zum 1:0. 

Als das Tor fällt, ist die Sonne schon am Ende ihres Tagespensums angelangt, der Himmel ist nicht bewölkt und schön. Aber der Himmel wird verdeckt und die Ränge der beiden Kurven so rot wie dieser Sonnenuntergang. Beide Kurven zünden gleichzeitig dermaßen viel Pyrotechnik an, dass das gesamte Stadion einnebelt. Schiedsrichter Sven Jablonski unterbricht das Spiel einige Minuten, bis er sich bei den beiden Torhütern beider Mannschaften vergewissert, dass die beiden genug sehen können. Es riecht nach Silvester, im Stadion bilden sich dicke Rauchschwaden über dem Spielfeld. 

Zu sehen ist: wenig

Das Spiel geht weiter. Schade ist, dass sowohl im Fernsehen als auch im Stadion die Sicht auf das Spiel ab diesem Zeitpunkt lange eingeschränkt ist: Es ist zeitweise nur zu erkennen, welche Mannschaft am Ball ist, nicht welcher Spieler gerade dribbelt, passt oder schießt. Die Stadionbildschirme zeigen minutenlang auch nicht mehr das Spiel: nur die Aufforderung, diese Pyrotechnik zu lassen. Immer wieder kommt die Aufforderung auch vom Stadionsprecher.  

Das ist keine Spaß-Aktion, sondern ein abgesprochener Protest gegen den DFB, gegen die aus der Sicht der Fans überbordende Rolle des Verbandes bei der Bestrafung von Fans und den hohen Ticketpreisen.  

Aber es gilt auch: Wer, was bei dieser Rauchbelastung nicht unwahrscheinlich ist, Probleme beim Atmen oder gereizte Augen hat, soll sich bei den nächsten Sanitätern melden. Das Spiel geht zwar weiter, aber die Fans mit den Bengalos verwehren vielen Zuschauern im Stadion – und teilweise im TV – die Möglichkeit, das Spiel genau zu verfolgen. Und wer Lungenprobleme hat, anfällig für Rauch ist, der muss eben das Stadion verlassen. Den Preis für die Bengalos zahlen diese Menschen – und die Vereine mit den zu vermutenden Geldstrafen. 

Der Endstand: 3:0 für die Bayern

Zeitweise sind es so viele Feuerwerkskörper, dass die vom DFB engagierten Menschen, die die Fackeln zählen sollen, nicht hinterherkommen. Aber die Stimmung in beiden Kurven bleibt das Spiel über fantastisch. Es wird getrommelt, gesungen, geschrien, gepfiffen. Bis weit nach dem Abpfiff zünden sie ihre Feuerwerkskörper.  

Entweder das Gegentor oder die Unterbrechung wegen der Bengalos bringen Stuttgart aus dem Rhythmus. Die Bayern haben viele Räume, können ihre Offensivpower ausspielen. Kane bekommt den Ball, schießt an die Latte. Der Abpraller kommt wieder zu ihm, er dreht sich: zwei zu null für Bayern. Am Ende dann noch ein Elfmeter für die Bayern. Wieder tritt Kane an. Stuttgart-Keeper Nübel hat zwar die richtige Ecke, aber der Engländer hämmert ihn trotzdem rechts unten rein. Das ist der Endstand: drei zu null.

DFB-Pokal Harry Kane mit Fanschal
Rekord-Pokalsieger steht auf dem Schal, den Harry Kane nach oben reckt: 21 Mal haben die Bayern den DFB-Pokal gewonnen
© S. Mellar / Getty Images

Doch die Stuttgart-Fans lassen sich davon nicht beirren: Sie feiern bis zum Abpfiff weiter. Danach die Siegerehrung: Bayern-Kapitän Manuel Neuer, der das Spiel verletzungsbedingt aussetzen muss, streckt den Pokal in die Höhe. Der wiegt 5,7 Kilogramm, fasst etwa acht Liter. Nach dieser Saison haben sich die Bayern verdient, zur Feier mindestens so viel Bier zu trinken. 

Nach dem Spiel nehmen sich viele Stuttgart-Fans auch noch ein Getränk von den vielen Bierständen mit. Ihre Stimmung ist nicht getrübt, sie feiern weiter, Sprechchöre, Klatschen.  

Der Mann aus der S-Bahn ist nicht mehr zu sehen. Aber am Ausgang stehen die beiden Stuttgart-Fans Karin und Andi in ihren schneeweißen Trikots. „Es war eine wahnsinnige Stimmung“, sagen die beiden. Die Niederlage haben die beiden gut verarbeitet, so scheint es. Nur über eines ist Karin schockiert: die Pyrotechnik. „Die hat mir das Spiel vermasselt. Ich habe nichts mehr gesehen.“ Die beiden, die extra aus dem Ländle angereist sind, nehmen es sportlich: „Das gehört halt dazu.“ 

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