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Nationalmannschaft bei der EM: Zum Siegen verdammt

Nie war die Erwartung an ein DFB-Team höher. Der EM-Titel soll es in Polen und der Ukraine sein. Joachim Löw hält dagegen - auch weil er weiß: Ein Scheitern hätte wohl weitreichende Folgen.

Von Klaus Bellstedt, Danzig

Der Bundestrainer sieht mal wieder blendend aus. "Je näher das Turnier rückt, desto ruhiger werde ich. Und auch meine Gedanken werden klarer", sagt Löw. Frisch, ausgeruht und entspannt präsentiert sich Deutschlands wichtigster Fußballlehrer ein letztes Mal vor dem EM-Auftaktspiel der Nationalmannschaft am Samstag in Lwiw gegen Portugal (20.45 Uhr/live im -Ticker) den Reportern. Von Philipp Lahm, seinem Kapitän, kann man das nicht behaupten.

Schon seit ein paar Tagen zieren tiefe Augenränder das Gesicht des neben Bastian Schweinsteiger wichtigsten deutschen Nationalspielers. Die Fenster im Mannschaftshotel Dwor Oliwski sollen sich nicht richtig verdunkeln lassen, verriet ein DFB-Mitarbeiter. An der Ostsee geht derzeit um kurz vor 5 Uhr die Sonne auf. Vielleicht sind Lahms geschwollene Augen die Folgen von Schlafmangel. Wahrscheinlicher ist aber, dass der Münchner ein bisschen mit der Verantwortung und dem Druck, der ja vor allem auf seinen Anführerschultern lastet, zu kämpfen hat. Dazu passen seine staatstragenden Aussagen. Wenn Lahm spricht, hört sich das manchmal so an, als würde Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin eine Regierungserklärung abgeben: "Die Republik glaubt an uns – wegen unserer Arbeit." Das ist, wie immer von Lahm, hübsch diplomatisch formuliert. Die Wahrheit ist: Deutschland glaubt nicht nur an diese, seine Mannschaft, das Land erwartet von ihr auch den Titel.

Bierhoff: "Wir träumen alle"

Nie zuvor war die Erwartungshaltung an eine deutsche Fußball-Nationalmannschaft höher als jetzt, wenige Stunden vor dem Start der Europameisterschaft. Und es sind längst nicht nur die eigenen Fans, die sich erhoffen, dass dieses talentierte Team endlich seinen eigenen Ansprüchen gerecht wird. "Ich bin sicher, dass Super-Dinge passieren, die uns erfreuen werden", sagt zum Beispiel DFB-Präsident Wolfgang Niersbach. Team-Manager Oliver Bierhoff wird deutlicher: "Bei anderen Turnieren bestand eine größere Unsicherheit darüber, was das Team zu leisten im Stande ist. 2010 hatten wir eine sehr junge Mannschaft und mussten ohne unseren Kapitän antreten. Dieses Mal wissen wir, was möglich ist. Wir träumen alle." Auch wenn Bierhoff das "T-Wort" nicht direkt in den Mund nimmt, ist klar, welche Sehnsucht den Teammanager vermutlich nicht nur des Nachts umtreibt.

Die allgemeine Euphorie rund um diese Mannschaft hat sie sich selber zuzuschreiben. Nach zwei dritten und einem zweiten Platz bei den vergangenen großen Turnieren, einer Rekord-EM-Qualifikation mit zehn Siegen in zehn Spielen sowie berauschenden Testspielerfolgen wie dem 3:0 im November 2011 gegen Holland, wäre der Gewinn der Europameisterschaft gewissermaßen die logische Konsequenz. Die Spieler denken ähnlich: "Der Anspruch an uns selbst ist enorm groß", lässt Abwehrchef Per Mertesacker verlauten. "Klar wollen wir das Ding gewinnen", meint Torwart Manuel Neuer. Mit Ehrgeiz und Disziplin verfolgen ab Samstag 23 junge und hungrige Teamplayer nur ein Ziel: den Triumph bei diesem Turnier.

Löw ist das zu einfach

"Die Anspannung war noch nie so groß", sagt Bierhoff, der gleichzeitig warnt: "Aber auch die Fallhöhe ist groß." Hinter diesem Satz stecken gleich zwei Wahrheiten: Zum einen wäre für die DFB-Auswahl der Absturz nach einem Scheitern in der Tat brutal hart, zum anderen geht es auch um die Folgen einer EM-Pleite. Was passiert, wenn der Sieg auch dieses Mal verpasst wird? Was wird aus Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger, wenn sie weiter auf ihren ersten internationalen Titel warten müssen? Wie verkraften sensible Stars wie Mesut Özil und Toni Kroos die nächste große Niederlage. Die goldene Generation würde zur Generation der Unvollendeten werden. Keine schönen Aussichten.

Joachim Löw, der Architekt dieser Mannschaft zum Verlieben, ist das alles zu viel – und zu einfach. Als einer der wenigen warnt der Bundestrainer vor zu hohen EM-Erwartungen. Er sagt: "Wir hatten lange keine so gute Mannschaft, aber das garantiert keinen Titel." Bewusst lenkt der Sympathieträger in diesen Vor-EM-Tagen bei jeder sich bietenden Gelegenheit gegen und versucht so, Druck von seinen Spielern zu nehmen. Löw entlässt die Kicker aus ihrer Verantwortung. Mit Sätzen wie diesen: "Warum soll ich von Mario Götze, Toni Kroos oder Mesut Özil mit einem Muss den Titel verlangen? Vielleicht haben sie erst in zwei oder vier Jahren ihren Zenit erreicht." Man nimmt dem Bundestrainer seine Worte ab. Man glaubt ihm, dass für ihn Titel nicht der einzige Maßstab sind. Das Ideal vom schönen Spielstil scheint für Joachim Löw noch wertvoller.

Auch der Bundestrainer braucht den Titel

In einer aktuellen Umfrage für den stern erklärten 83 Prozent der Bürger, der Bundestrainer solle selbst dann im Amt bleiben, wenn das deutsche Team bei der Europameisterschaft schon im Viertelfinale oder vorher scheitert. Vielleicht ist es ja auch der Kredit in der Öffentlichkeit, der Löw vor Beginn des Turniers so tiefenentspannt erscheinen lässt. Aber weil der Coach nicht nur wohltuend unaufgeregt und locker sein kann, sondern mindestens so ehrgeizig und zielorientiert ist wie sein strebsamer Kapitän, scheint klar: Um nicht schulterzuckend und mit einer Kopfleere zurückzubleiben, braucht Löw jetzt ebenfalls diesen Titel. Erst dann wäre er nicht nur ein hervorragender, sondern auch ein großer Trainer.

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