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Jérôme Boateng im Porträt: "Der coolste Nationalspieler der nächsten 30, 40 Jahre"

Er lernte bei den Harten und ist nun ein Anführer der Nationalmannschaft: Den wunderbaren Fußballer Jérôme Boateng bringt nichts aus der Ruhe, weder ein WM-Finale noch AfD-Hetze.

Von Mathias Schneider

Jerome Boateng

Jerome Boateng, 27 Jahre alt, 58 Länderspiele: ein Mann mit vielen Facetten

Da steht er also, der Mann, den viele Deutsche ihr Vorbild nennen. Er trägt eine schwarze Sackhose, dazu ein langärmeliges T-Shirt. Die Haare: stramm nach oben. Die Sneaker: golden, mit roten Schnürsenkeln, entworfen von NBA-Profi Dennis Schröder. Für ihn, Jérôme Boateng.

Es ist Ende März. Am Vortag kam der Anruf, "die Maschine", wie sie ihn bei seinem Schuhausrüster nennen, trete am Nachmittag in Berlin auf, nichts Offizielles, „Guerilla-Marketing“. Boateng hat Zeit für solche Aktionen, er hatte sich zum Rückrundenauftakt so verletzt, dass er monatelang nicht spielen konnte.

Nun stehen sie Schlange, die Jungs mit ihren Smartphones und die Mädchen, die sich mit leicht verdrehtem Körper an ihn schmiegen. Viele haben das, was noch immer ein Migrationshintergrund genannt wird. Boateng ist auch Sohn ihrer Stadt, die Projektionsfläche eines Lebens, das sie für sich selbst erträumen. Boateng beugt sich aus seinen 1,92 Metern zu ihnen herunter. Er hat diesen reduzierten Blick eines Stars drauf, nicht distanziert, nicht nahe. Vor allem aber ist er gelassen.

Jerome Boateng: "Bin froh, Deutscher zu sein"

Mit dieser Gelassenheit reagierte er auch am vergangenen Sonntag auf die Äußerungen des AfD-Politikers Alexander Gauland, der behauptet hatte, "die Leute wollen einen Boateng nicht zum Nachbarn haben". Beim Länderspiel abends dann gegen die Slowakei feierten die Menschen ihn, als wollten sie mit den Händen abstimmen gegen Ressentiments. Am Ende übernahm Boateng gar die Kapitänsbinde. Nach der Partie stand er in den Katakomben und sagte mit ruhiger Stimme: "Es ist traurig, dass heute noch so etwas gesagt wird.“ Er klang nicht bestürzt, zu absurd die Beleidigung. Als komme sie aus einer fernen Zeit. Rassismus, das kannte er bislang nur aus Jugendfußballzeiten: Wenn sie in den Osten reisten, da beschimpften ihn die dortigen Anhänger schon mal wegen seiner Hautfarbe. Er, Sohn eines Ghanaers und einer Deutschen, schob noch den Satz hinterher, er fühle sich "gut integriert. Ich bin froh, ein Deutscher zu sein".

Boateng gehört jetzt zu den Anführern einer Elf, die sich erstmals 2010 auf einer großen Bühne gezeigt hatte, bei der Fußball-WM in Südafrika. Dort waren Spieler wie Mesut Özil, Sami Khedira und er Gesichter einer neuen, multikulturellen Mannschaft. Kaum eine Institution in Deutschland ist so erfolgreich um Integration bemüht wie der DFB. Bereits bei der WM 2030 werde jeder zweite deutsche Nationalspieler ausländische Wurzeln haben, prognostiziert der Verband. Im Januar 2015 hielt der Bundestrainer Joachim Löw eine Rede, in der er sagte: "Wie schön wäre es, wenn Deutschland irgendwann auch Weltmeister des friedlichen und freundlichen Zusammenlebens unterschiedlicher Kulturen und Religionen wäre."

Ein Mann mit vielen Facetten

Jérôme Boateng, 27 Jahre alt, 58 Länderspiele, steht für diesen Prozess. Als Weltmeister, als eine immer noch wachsende Persönlichkeit auf dem Platz, omnipräsent in den sozialen Medien und doch schwer zu fassen, auch nach vier Treffen mit ihm und nach langen Gesprächen mit seinen Vertrauten. Zum einen ist da ein verbindlicher Mann, der nie zu spät kommt, immer höflich ist und zuvorkommend. Zum anderen ist da ein Bursche, der stets auf dem Sprung scheint, rastlos durch die Welt jettet, als fürchte er nichts mehr, als innezuhalten. Der Lifestyle eines Popstars, auch das ist sein Ding: Er erfüllte sich mit flashigen Autos Jungsträume. Dann gibt es den dritten Boateng, das ist der Kämpfer auf dem Feld, aufrecht, aggressiv.

Wenn der Bundestrainer Joachim Löw für die Europameisterschaft in Frankreich seine Mannschaft baut, wird der Name Boateng ganz unten stehen – dort, wo das Fundament ruht. Er zählt zu den besten Innenverteidigern der Welt. Löw hat ihn Anfang des Jahres in den Mannschaftsrat berufen, das Kabinett des Bundestrainers. Für einen, der bislang die Rolle des lässigen Bassisten in der Rockband innehatte, ist das ein Schritt nach vorn, ans Mikrofon.

Das erste Treffen, Leipzig, Oktober 2015. Das Boateng-Outfit: kurze Trainingshose, dazu Thrombosestrümpfe, wie sie heute fast alle Fußballer zur Regeneration tragen. Links und rechts ein schwarzer Brilli im Ohr, dazu eine güldene Brille, so sitzt er im Teamhotel. Er redet leise, ohne Betonung. Am Vorabend hat die Nationalmannschaft mit 0 : 1 in Irland verloren. Er hat erst gegen drei Uhr in den Schlaf gefunden, nach vier Stunden ist er aufgewacht, Abflug.

Bei diesem Gespräch reflektiert er seine Rolle: Seit 2009 gehört er schon zur Nationalelf, lange musste er hinten aushelfen, wo immer gerade einer fehlte. Seine mangelnde Konzentrationsfähigkeit galt als große Schwäche. Bisweilen machte ein einziger kapitaler Fehlpass einen starken Auftritt zunichte. Mitunter überdrehte er unter Stress, grätschte ohne Not, kassierte rote Karten. 2012 habe er sich deswegen an den Teampsychologen des DFB, Dieter Hermann, gewandt: "Ich wollte gezielt Übungen machen." Hermann gab Boateng zwei Tipps: "Um wach zu bleiben, sollte ich einfach mit mir selbst sprechen – rechts!, links! –, mich immer wieder umdrehen, räumlich denken." Die Selbstgespräche sind Teil seiner Spielroutine geworden. Ergebnis: Im WM-Endspiel 2014 war er der beste Mann auf dem Platz, gewann 83 Prozent seiner Zweikämpfe. "Vor früheren Finals war ich sehr nervös", sagt er, "aber auf dieses Spiel habe ich mich gefreut." Viel tiefer lässt er nicht blicken, er bleibt ein Mann der Abwehr.

George Boateng, 34, ist da anders. Zu dem Treffen in Berlin trägt er eine schwarze Basecap, ein schwarzes Camouflage-Shirt, Jeans, Turnschuhe. Jérôme spiele heute körperbetonter als früher, sagt er. Das war das Ergebnis langer Gespräche zwischen ihnen. "Der Stürmer muss schon, bevor er den Ball annimmt, spüren: Verdammt, Jérôme ist hinter mir. Er muss seinen Atem riechen. Jeder Stürmer hat Angst vor Jérôme. Das ist Anerkennung und Macht."

George Boateng ist der älteste von drei Berliner Brüdern. Jérôme nennt ihn bis heute eine wichtige Bezugsperson. Talentiert war auch er, wie Jérôme, wie Kevin-Prince, der mittlere, der ebenfalls Karriere als Fußballer gemacht hat. Doch es habe ihm an Vorbildern gefehlt, die Zeit der Nachwuchszentren war noch nicht angebrochen. Sein Stolz sind nun die Brüder. Er redet über Jérôme in einem rauen Slang; man könnte gleich einen Beat darunterlegen. Tatsächlich tritt George oft als Rapper auf. Ein Track heißt: "Gewachsen auf Beton".

George ist mit Kevin-Prince auf den Straßen Weddings aufgewachsen. Oft kam er wegen Diebstahls und Schlägereien mit dem Gesetz in Konflikt. „Unsere wahren Kämpfe waren andere: Anerkennung. Selbstfindung. Wo kommen wir her? Was sind wir? Sind wir Deutsche? Afrikaner?“

Erziehung in der "Panke"

George und Jérôme haben denselben Vater. Jérôme aber wurde im ruhigeren Wilmersdorf groß, als behütetes Kind. Doch auch diese Ehe des Vaters ging in die Brüche. Den Kitt der Brüder aus verschiedenen Welten bildete der Fußball, den sie in einem Käfig namens "Panke" spielten.

George beginnt zu erzählen. Von dem Jungen Jérôme, der auf dem Bolzplatz "das Selbstbewusste, Ekelhafte, das wir hatten, nicht kannte". Er erzählt von "Aggressionstränen", die sie dem Kleinen abgewöhnten. "Er hat viel geweint, aus Wut. Dann hieß es: Ab nach Hause! Er hat das verstanden: Wenn ich weine, bin ich raus." Warum diese Härte? "In der Situation war keine weiche Seite angebracht. Nicht, wenn 25 Jungs mit fliegenden Ellbogen rauskommen. Wenn es hart war, waren wir noch härter."

Diese Zeit hat Jérôme Boateng geprägt, hat ihm die Unerbittlichkeit verliehen, zu der er fähig sein kann. Vor allem dann, wenn er sich ungerecht behandelt sieht. "Er ist ein ganz lieber Junge", sagt George, "aber wenn es nicht so läuft, wie er will, und er es nicht nachvollziehen kann, hast du ein Problem mit ihm. Dann verschwindet der Gentleman schnell mal."

Boateng hat früher oft nach Niederlagen geweint. Nach dem Ausscheiden des FC Bayern im Halbfinale der Champions League gegen Atlético Madrid dagegen trat er so kontrolliert vor die Mikrofone, als laufe das Spiel noch. Er hat gelernt, sein Temperament zu beherrschen, was nicht heißt, dass er nicht mehr mitmischt, wenn es auf dem Spielfeld zu Scharmützeln kommt. Dann baut er sich drohend auf, die Brust raus. Trotz seiner vermeintlichen Trägheit – der Kern ist impulsiv.

Boateng leidet, wenn ihm sein Ventil fehlt, der Sport. Nach seiner Adduktorenverletzung im Januar nahm er seine beiden Töchter nicht mit in den erzwungenen Kurzurlaub nach Dubai. "Ich kann sehr reizbar sein", sagt er. "Ich ziehe mich zurück, mache Kleinigkeiten größer, als sie sind. Das wollte ich den Kindern ersparen."

Diese Seite kennen nur wenige. Während sich Kevin-Prince mit Eifer zum Enfant terrible entwickelte, passte sich Jérôme früh dem Fußballgeschäft an. Er ist keiner, der aus Prinzip quertreibt.

Seit fünf Jahren lebt Boateng in München, doch seine Heimat ist Berlin geblieben. Die langen Sackhosen, die verspiegelte Sonnenbrille passen besser in die wilde Stadt. In einem Wirtshaus in Grünwald, in bayerischer Gemütlichkeit aus warmen Holzmöbeln, sieht es aus, als sei ein Hipster in einen Mundartschwank geplumpst. Er ist ein Mix dieser Stadt Berlin, und er ist eine Mischung aus seinen Eltern, der zurückhaltenden Martina und dem extrovertierten Vater Prince.

Prince Boateng verspätet sich an einem Donnerstagnachmittag im März um zehn Minuten. Die Tochter, Jérômes Schwester, hat eine neue Matratze geliefert bekommen, da musste er anpacken. Boateng, 63, trägt eine Michael-Jordan-Baseballkappe, dazu ein schwarzes, langärmeliges T-Shirt, Jogginghose und Basketballstiefel. Sofort wird klar, woher Jérômes Modefimmel rührt: Der Vater hat früher in einer Boutique gearbeitet.

Prince Boateng sieht jünger aus, als er ist; nicht eine Falte in seinem Gesicht. Seine Mutter sei über 90 geworden, erzählt er, die Großmutter 120 Jahre. Es ist also gerade mal Halbzeit in seinem Leben. Vor der Haustür parkt ein Cadillac Escalade mit schwarz getönten Scheiben. Boateng Senior bittet im ersten Stock in seine Altbauwohnung. Auf einer Kommode im Flur stehen Replikate des Champions-League-Pokals und des WM-Pokals. An den Wänden: zwei Porträts von Jérôme, dazu eine Collage mit Princes vielen Kindern; mit darauf: sein erstgeborener Sohn Solomon.

Prince Boateng kümmert sich mit seiner Exfrau Martina als Geschäftsführer der "JB 17 GmbH" ums Geschäft. Beide reisen regelmäßig nach München, um die fünfjährigen Zwillingstöchter von Jérôme in dessen Villa in Grünwald zu betreuen. Bei der Weltmeisterschaft waren Vater und Enkel mit in Brasilien. Jérôme braucht die Gewissheit, seine Familie in der Nähe zu haben; sie stabilisiert ihn.

Trotzdem zieht es ihn hinaus. Hier ein Nike-Termin, dort die Präsentation seiner Brillenkollektion. Er steht bei Roc Nation unter Vertrag, der Agentur des Hip-Hop-Stars Jay Z, der auch den Basketballer Kevin Durant vermarktet. Das ist die Liga. "Du bist es gewohnt, immer auf Achse zu sein, das färbt ab, auch auf dein Privatleben", sagt Boateng. Er sei aber mittlerweile mehr daheim, bei den Kleinen.

Die Verhältnisse sind ein bisschen kompliziert: Die Mutter der Zwillinge, Sherin Senler, lebt in Berlin. Mit ihr lieferte sich Boateng einen Sorgerechtsstreit, der vor Gericht endete. Boateng gewann. "Die Geburt hat viel verändert. Mehr, als ich je gedacht hätte. Dass es so extrem ist, hätte ich nicht gedacht. Deshalb habe ich so um sie gekämpft", sagt er. Ein Leben ohne Vater, das sollte sich nicht wiederholen. Seit einigen Wochen versucht er vorsichtig einen Neuanfang mit Senler. In Wolfsburg wächst ein weiterer Sohn getrennt von ihm heran. Frage an Jérômes Vater: Ist sein Sohn schon ein reifer Familienvater? "Das kann er noch gar nicht sein", sagt Prince Boateng, "sein Leben ist noch zu unruhig. Er hat selten frei, aber er muss versuchen, auch Zeit für seine Kinder zu haben." Das Ganze sei ein Prozess, in dem sein Sohn noch stecke. "Er ist in einem Alter, in dem die eigene Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist."

Jérôme Boateng, so resolut er seine Karriere plant, wirkt manchmal privat wie ein Getriebener, als könne er das nur schlecht ab – Ruhe. Zur Familie gesellt sich mancher Kumpel, der etwas abhaben will vom Starglanz.

"Ich bin mir nicht sicher, ob es immer alle ehrlich mit ihm meinen, die um ihn herum sind", sagt Alex Ba in Berlin. Ba, Sohn eines Senegalesen und einer Deutschen, kommt ganz ohne schrille Hülle aus. Cremefarbene Hose, schwarzer Hoodie, vor der Tür steht ein Kleinwagen. Boateng nennt ihn seinen engsten Freund. Auf Boatengs iPhone sind Bilder gespeichert, die zwei kleine Jungs mit Ball unter dem Arm in Wilmersdorf zeigen.

Gereift, aber lange nicht am Ziel

Als Jérôme Boateng mit 19 von Berlin zum HSV wechselte, ist Ba mit ihm gegangen – und hat in Hamburg seinen Zivildienst absolviert. "Alex weiß alles von mir, mehr als ich selbst", sagt Boateng. Vergessene Passwörter, Flüge buchen, der erste Blick geht immer zu Alex. "Er hat sich daran gewöhnt, dass ich da bin", sagt Ba und verdreht die Augen. Wenn es eine Person gibt, die einem Mann, der überall nur Zuspruch erfährt, den Spiegel vorhält, dann ist er es. "Jérôme ist sehr gutgläubig und deshalb anfällig für Jasager. Wenn ich ihm das dann sage, ist zwei Tage Funkstille. Danach geht es wieder weiter."

Ba begreift sein Engagement als Freundschaftsdienst, aber er verdient sein eigenes Geld, darauf legt er Wert; er kümmert sich um die Steuerangelegenheiten einer Werbeagentur. Weitere Freunde im Fußballbusiness hat er nicht. Boateng habe sich "auf den Weg gemacht, Verantwortung zu übernehmen", sagt Ba. "Er ist noch nicht am Ziel."

Das Leben des Jérôme Agyenim Boateng, den so viele gern um sich haben, als Mitspieler, als Nachbarn, als Freund, ruht auf vielen Säulen. Er ist ein glänzender Star, ein Vorzeigesportler, ein lässiger Hund. "Ihr werdet in den nächsten 30 bis 40 Jahren in der Nationalmannschaft nie mehr so einen coolen Typen finden", hat sein Bruder George in Berlin gesagt.

An einem Märztag in München lässt Boateng schließlich das Visier doch noch ein wenig offen. Es ist der Tag, an dem er zum ersten Mal nach seiner langwierigen Verletzung wieder mit Stollenschuhen trainieren kann. Boateng wirkt gelöst wie ein Kind. Ein Lächeln zieht über sein Gesicht. Kein distanziertes Lächeln hinter einer verspiegelten Sonnenbrille, sondern das eines Jungen, der endlich wieder kicken darf. "Ich liebe das, den Ball am Fuß zu spüren. Ich kann mir ein Leben ohne das Spiel nicht vorstellen."

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