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Niederlage gegen Frankreich Wunschdenken und Schönrederei – die deutsche Elf fühlt sich stärker als sie ist

Daumen hoch: Thomas Müller grüßt die deutschen Anhänger in der Allianz Arena nach dem Spiel gegen Frankreich
Daumen hoch: Thomas Müller grüßt die deutschen Anhänger in der Allianz Arena nach dem Spiel gegen Frankreich
© Federico Gambarini / DPA
Es wäre mehr drin gewesen gegen die Franzosen – so lautet das Urteil vieler DFB-Akteure. Doch das ist ein Trugschluss. In Wahrheit war die Überlegenheit des Weltmeisters riesengroß und die Deutschen haben ein gewaltiges Problem.

Der französische Nationaltrainer Didier Deschamps ist ein höflicher Mann. Dazu gehört, dass man dem Gegner Respekt zollt. So sagte Deschamps nach dem Spiel gegen Deutschland, er habe "ein großes Spiel gegen einen sehr starken Gegner" gesehen. Das war nett gemeint. Die Aussage hatte nebenbei einen weiteren Effekt – lobt man den Gegner, verleiht man dem eigenen Sieg mehr Wert. Es stimmte ja: Dass die deutsche Elf engagiert und mit viel Einsatz zu Werke gegangen war im ersten Spiel der EM, war niemandem verborgen geblieben.

Doch mit dem Wahrheitsgehalt solcher Höflichkeitsfloskeln ist das so eine Sache. Mehr analytische Substanz hatte da schon ein weiterer Satz, den Deschamps sagte: "Mit dem zweiten Tor wären wir auf der sicheren Seite gewesen, aber so viel gelitten haben wir auch nicht in der zweiten Halbzeit." Was Deschamps meinte: Die deutsche Elf rannte zwar tapfer an und es gab tatsächlich eine kurze Druckphase zur Mitte der zweiten Halbzeit, aber eine ernsthafte Gefahr strahlte die deutsche Offensive nicht aus.

Löws Mannschaft ist längst nicht wieder auf Spitzenniveau

Es ist ein bisschen so wie in den Klamauk-Filmen mit Bud Spencer. Er hält Gegner mit einem langen Arm auf Distanz, während dieser wilde Luftschläge austeilt, aber keine Chance hat, einen Treffer zu landen, weil seine Arme zu kurz sind. Wie das Kräfteverhältnis an diesem Abend in der Allianz Arena tatsächlich verteilt war, drückte auch ein Satz von Paul Pogba aus: "Sie haben uns viel Ärger gemacht heute." Solche Sätze sagt man, wenn man sich überlegen fühlt und alles unter Kontrolle hat.

Hörte man sich aber die Aussagen von Bundestrainer Joachim Löw und einiger deutscher Spieler an, hatte man den Eindruck, als wäre es ein Spiel auf "Augenhöhe" gewesen, das nur durch ein unglückliches Eigentor entschieden wurde. Toni Kroos meinte, er und seine Mitspieler hätten das Spiel bis auf wenige Ausnahmen "relativ gut kontrolliert" und laut Robin Gosens "fehlte heute einfach nur das letzte Quäntchen Glück".

Es war der klassische Versuch, das Ergebnis schönzureden und die wahren Machtverhältnisse zu verschleiern. Die Partie gegen den Weltmeister zeigte vielmehr, dass Löws Mannschaft längst nicht wieder nicht auf diesem Niveau angekommen ist. Wäre Kylian Mbappé nicht zwei Mal knapp ins Abseits gelaufen oder hätte der Schiedsrichter die hochriskante Grätsche von Hummels gegen Mbappé mit einem Strafstoß geahndet: das Spiel wäre eine desaströse Niederlage geworden. Die Équipe Tricolore hatte zwar deutlich weniger Ballbesitz, kontrollierte aber das Spiel zu jedem Zeitpunkt.

Nur Wille allein reicht nicht

Es steckt also bei einigen DFB-Akteuren viel Wunschdenken in der Beurteilung der eigenen Leistung, zu viele Problemstellen sind offen, für die Löw noch keine Lösung gefunden hat. Nicht nur die mangelnde Effizienz in der Offensive ist ein Problem. Kimmichs Versetzung auf die Außen-Verteidiger-Position bleibt fragwürdig. Gegen Frankreich blieb der Bayernprofi weit unter seinen Möglichkeiten und fehlte als Taktgeber im Mittelfeld. Kai Havertz war als Teil der Offensivreihe überfordert. Thomas Müller konnte der Mannschaft nicht die Impulse geben, die sie benötigte. Allein der viel beschworene Wille und die Lauf- und Kampfbereitschaft werden die mangelnde Balance im Team nicht ausgleichen.

Gegen Portugal, den Titelverteidiger, stehen die Deutschen deshalb schon gewaltig unter Druck. Mit Blick auf den Turnierverlauf ist es deshalb aus deutscher Sicht tröstlich, dass auch die Tabellendritten eine Runde weiterkommen. Doch das gilt nur für das Überstehen der Vorrunde. Weiter sollte man im Moment nicht denken.


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