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Kolumne

Rot-weiß - die Bayern-Fan-Kolumne: Alt-Stars wie Boateng, Martinez und Robben lassen Kovac hängen. So muss der Coach reagieren!

Nach der nächsten Enttäuschung gegen Amsterdam läuten bei den Bayern die Alarmglocken. Altbewährte Kräfte schwächeln, viele junge Spieler sind verletzt und der Schwung aus den ersten Spielen ist passé. Schon früh in der Saison ist Crunch-Time für Trainer Kovac.

Von Stefan Johannesberg

Trainer Niko Kovac zur Situation beim FC Bayern: "Nicht nur ich bin überrascht, sondern viele. Das konnte man in der Form nicht erwarten."

Trainer Niko Kovac zur Situation beim FC Bayern: "Nicht nur ich bin überrascht, sondern viele. Das konnte man in der Form nicht erwarten."

DPA

Die Krise ist da und der "FC Hollywood" nähert sich so schnell wie der unzufriedene James aus den Katakomben verschwand. Zwar konnte Coach Niko Kovac nach dem mauen und glücklichen Unentschieden gegen Ajax Amsterdam in der Champions League im Sky-Interview mit Demut und klarer Analyse überzeugen, doch gerade der Neuling auf der Trainerbank der Münchener ist nun gefordert: Drei Spiele in Folge enttäuschten vor allem die älteren Herren und  sogenannten Führungsspieler. Kovac selbst rotierte das Team aus dem Rhythmus, stellte zum Teil unglücklich auf und reagierte während des Spiels viel zu spät. Die Lage ist ob der angespannten Personallage gefährlich, aber nicht hoffnungslos. Mit ein paar stabilisierenden Maßnahmen gegen Gladbach, der nahenden Erholung für die diversen Nicht-mehr-Nationalspieler in der kommenden Länderspielpause und einer eindeutigen Stammachse bleiben die Lederhosen auch in Zukunft an. Hier kommen die knallharten Tipps für jedes Mannschaftsteil.

Torwart: Der Lichtblick – Manuel Neuer in alter Form

Das zeichnet einen großen Torhüter aus. Nach dem unnötigen Fehler gegen Augsburg, als Neuer die Flanke unterschätzte und aus den Händen vor die Füße von Max gleiten ließ, rettete der Nationalkeeper gegen Ajax mit einigen tollen Paraden immerhin einen Punkt. Man sollte sich keinen Illusionen hingeben, um einen siebten Meistertitel in Folge oder den Champions League-Sieg zu feiern, braucht es auf jeden Fall einen Torhüter in Weltklasse-Form. Man denke nur an die Heldentaten von Reals Navas letztes Jahr im Halbfinale gegen den FCB.

Innenverteidigung: Boateng, Hummels, Süle - drei sind einer zu viel

Jérôme Boateng sah bei den Gegentoren in Berlin und gegen Ajax nicht gut aus und auch die langen Bälle fanden eigentlich nie ihr Ziel. Die totale Verunsicherung des Wechselwilligen spürt auch der gelangweilte Erfolgsfan in der obersten Etage der Allianz-Arena. Für das offensive Ballbesitzspiel der Bayern ist der Hüne damit die erste, extrem neuralgische Schwachstelle. Da kommt der "Sportbild"-Bericht über die Unzufriedenheit des Kollegen Hummels zur Unzeit. Dieser klagt laut dem Magazin über fehlende Spielzeit und fehlende Anerkennung – trotz sehr guter Leistung. Für zu langsam, solle ihn Kovac halten.  Aus der Ferne ist unklar, welchen Wahrheitsgehalt die Aussagen besitzen, doch der FCB-Trainer wäre gut beraten, den kopfgesteuerten und nachdenklichen Mats Hummels den Rücken zu stärken. Denn, Niklas Süle, der Dritte im Bunde, muss gesetzt sein.

Die Empfehlung: Boateng muss auf die Bank und darf gegen "Fallobst" ran. Die Stammformation müssen Hummels und Süle bilden.

Außenverteidigung: Kimmich und Alaba stellen sich von alleine auf

Die gute Nachricht zuerst: Rafinha ist wieder ins Mannschaftstraining eingestiegen. Wie wichtig der erfahrene und flexibel einsetzbare Brasilianer ist, zeigte er bis zu seinem Bock gegen Madrid letzte Saison. Stabil, aggressiv und offensiv gönnte er Kimmich auf rechts und Alaba auf links immer wieder wertvolle Pausen, ohne größere Lücken in Defensiv-Verbund wie Aufbauspiel zu reißen. Diese benötigen selbst die beiden Weltklassespieler, denn auf ihnen lastet als erste Anspielstation und Flankengeber hinten wie vorne ein immenser Druck. Zudem haben die gegnerischen Trainer erkannt - und in Tore umgemünzt -, dass es auf der linken Seite zwischen Ribéry, einem hochstehenden Alaba und den dauernd wechselnden Achtern Lücken gibt, die selbst der Österreicher bei einfachen Ballverlusten oder fehlgeschlagenem Gegenpressing nicht schließen kann.

Mittelfeld: Die richtige Dreierformation entscheidet über Erfolg und Misserfolg

Hier liegt für Kovac der Schlüssel, und hier machte er seine ersten Fehler. Sorgte Thiago als spielender Sechser in den erfolgreichen Partien als erste Anspielstation für die vertikale oder horizontale Eröffnung und konnte auch im Rückwärtsgang überzeugen, schaute Kovac gegen Augsburg den unbeholfenen Versuchen von Javi Martinez sehr lange tatenlos zu. Mit Sanches und Müller auf den Achter-Positionen fehlte gegen die manndeckenden Augsburger zudem die komplette Ball- und Passsicherheit. Die Stärken von Martinez, der letztes Jahr noch essenziell als Abfangjäger war, werden im Kovac’schen System nicht mehr gebraucht, seine Schwächen im Aufbauspiel schmerzen selbst dem treuesten Bayern-Fan in den Augen. Gegen Ajax sah man nun das gleiche Bild. Das Resultat: Thiago schob sich von der Halbposition auf die 6 und übernahm von Javi den Aufbau. Damit fehlte er jedoch links in den offensiven Halbräumen und in der Defensive. Das gesamte Spiel des FC Bayern, das vor allem auf Teamstärke und Automatismen beruht, stockte so merklich - zumal auch, wie in der letzten Kolumne schon beschrieben, Thomas Müller als Schleicher mit Torgefahr so nicht mehr wirklich gut funktioniert.

Die Empfehlung: Thiago muss immer auf der Sechs spielen, auch wenn er nach der Verletzung von Tolisso und dem Verkauf von Rudy der einzige echte Spielmacher ist.

Die Problemzone im Mittelfeld hat jedoch noch ein anderes Gesicht: James. Ähnlich wie Hummels erhält er trotz guter Leistungen – nimmt man das Hertha-Spiel mal aus, als er viel zu hoch stand - unter Kovac anscheinend nicht die Anerkennung, die der sensible Kolumbianer braucht. Das ballbesitzorientierte Bayern-Spiel braucht jedoch einen genialen Kombinationsfußballer wie ihn. Erst recht, wenn man bedenkt, dass Ribéry und Robben nicht mehr wirklich im direkten Dribbling an ihren Gegnern vorbei kommen. Beide sind auf Dreiecke angewiesen und damit auf einen selbstbewussten James.

Neben Thiago sollte er also gesetzt sein. Fehlt noch eine Position, um die sich Sanches, Goretzka und Müller streiten. Sanches überzeugte zwar mit Dynamik und zeigte sich wesentlich verbessert, seine taktische Instabilität wäre für das momentan labile Bayern-Aufbauspiel jedoch tödlich. Leon Goretzka hat hier die Nase vorn, auch vor Thomas Müller. Müller wird als erster offensiver Einwechselspieler und Allrounder benötigt, doch für die Stammformation fehlt es an Konstanz und Leistung.

Die Empfehlung: Thiago – James, Goretzka

Sturm: Lauter alte Diven – daher muss Gnabry immer spielen

Wir haben vor der Saison über die alte Flügelzange gelästert und nach den ersten englischen Wochen gehen die beiden in punkto körperlicher wie geistiger Spitzigkeit am Krückstock. Beide müssen im hohen Fußballalter unfassbar viel investieren, um in Strafraumnähe zu kommen – wo dann logischerweise die Kraft fehlt. Es ist nicht überliefert, wie oft sich Ribéry mit Alaba in den Sechszehner der Hertha kombinierte, die Null jedoch prangte auch nach der x-ten schlechten Flanke auf der Anzeige des Olympiastadions. Die Waffen auf außen sind ohne Kingsley Comans Geschwindigkeit stumpf und Serge Gnabry sucht trotz vielversprechender Ansätze noch die finale Bindung zum Spiel. Kovac hat hier eigentlich nur eine einzige Möglichkeit: Gnabry braucht Spielpraxis, egal auf welcher Seite. Oder vielleicht gar als Stoßstürmer? 

In seiner Zeit auf dem Platz überzeugte Serge mit Schnelligkeit, Ballbehauptung und Abschlusswillen – und wer sieht, wie die nervige Diva Lewandowski in einer Tour lamentiert und meckert, der gönnt dem Polen auch mal eine (längere) Pause auf der Bank.

Die Empfehlung: Gnabry, (Robben, Ribery, Lewy)

Die Startelf des FC Bayern 

Vorschlag für die kommenden Wochen:

Neuer – Kimmich, Hummels, Süle, Alaba - Thiago, Goretzka, James - Ribery, Lewy, Gnabry

Fans spotten über mintgrünes Bayern-Trikot

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