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Kolumne

Rot-weiß - die Bayern-Fan-Kolumne: Der Umbruch beim FC Bayern muss noch radikaler werden als gedacht

Seit Jahren arbeitet Liverpool mit Hunderten Millionen an der brutalen Klopp-Maschine. Kein Wunder, dass dem FC Bayern, der im verschleppten Umbruch steckt, die Grenzen aufgezeigt wurden. Doch das Paradies ist trotzdem nicht weit entfernt. Was Uli und Kalle jetzt tun müssen.

Von Stefan Johannesberg

Klopp kickt Bayern aus der Champions League: So reagiert das Netz

Eigentlich möchte jeder Bayern-Fan insgeheim gerade nur über Bastian Schweinsteiger sprechen. Dessen niederländischer Ex-Teamkollege in Chicago, De Leeuw, schwärmte in höchsten Tönen vom einstigen Fußballgott: "Er war so gut. Er hatte alle Fäden in der Hand, man konnte ihn immer anspielen", erklärte De Leeuw. Dieser Mann hat so ein großes Verständnis für Fußball, er hielt einen Vortrag und alle Spieler in der Kabine hingen in seinen Lippen."

Die Erinnerungen an die goldene Generation mit mehreren Final- und Halbfinalteilnahmen sowie dem CL- und WM-Titel treiben einem die Tränen der Rührung in die Augen – und die Erkenntnis, wie sehr gerade dieser Schweinsteiger als Führungsspieler und Spiel-Leser fehlte. Sein Nachfolger Thiago ist – bei aller Brillanz – weder das eine noch das andere. Wenn es in großen Spielen nicht so läuft, das andere Team besser ist oder die bessere Taktik hat, taucht der Spanier ab wie die Armada im 16. Jahrhundert. Das bedeutet: Will man in Zukunft wieder gefürchtet werden und eine Chance auf den Titel haben, wären ein oder zwei Taktgeber und Führungsspieler besonders im Mittelfeld nicht verkehrt. Doch wo sind all die Häuptlinge hin?

FC Bayern 2019/2020: Führungsspieler im Mittelfeld

Das Positive zuerst: Corentin Tolisso kommt zurück. Nach dem Verkauf von Vidal und dem Weltmeistertitel hatte man dem Franzosen eigentlich eine tragende Rolle in der neuen Bayern-Mannschaft zugedacht. Sein Kreuzbandriss zerstörte Kovacs angedachtes 4:3:3 mit den zwei Box-To-Box-Achtern Goretzka (Hallo Niko, Leon ist kein 6er!) und eben Tolisso, der noch das weit größere Allround-Potenzial hat.

Ein anderer Kandidat ist Joshua Kimmich. Auf rechts bildet er trotz gewisser Schwankungen mit zweistelliger Vorlagen-Zahl eine der wichtigsten Konstanten im Spiel der Münchener. Wieder einmal. Zwar überzeugte er bei den Bayern in der zentralen Rolle nicht wirklich, doch im 3:4:3 des Jogi Löw machte er gegen den Holländer Frenkie de Jong und den Franzosen N'Golo Kanté ohne Spielpraxis auf dieser Position eine recht gute Figur. Toni Kroos konnte sich neben ihm der nervigen Spielmacherrolle entledigen und in seiner Comfort-Zone agieren. Vielleicht ist das ja die Blaupause für die Bayern, Thiago und Kimmich zentral einspielen zu lassen (Rudy hat man ja auf die Ersatzbank eines Absteigers verkauft). Es war schon immer für alle Seiten ein Erfolgsrezept, wenn sich die Systeme von DFB und FCB ähnelten.

Ernsthaft bemühen um Rakitic und Rabiot

Jenes 3:4:3 oder auch ein 3:5:2 ließ Kovac bereits bei Frankfurt spielen und Medienberichten zu Folge plante er letzten Sommer auch, diese Taktik bereits frühzeitig an der Säbener Straße zu trainieren. Die Weltmeisterschaft und fehlende Transfers machten ihm jedoch einen Strich durch die Rechnung. Spätestens in der kommenden Vorbereitung wird der Kroate aber konsequent daran arbeiten. Und selbst wenn er Kimmich auf rechts belässt - potenzielle Führungsspieler wie der Ex-Leipziger und Alaba schieben sich durch die Absicherung der Dreierkette noch stärker nach vorne.

Im Mittelfeld müssen jedoch auch zwei Spieler gehen. Renato Sanches sollte als Leihspieler in der Bundesliga Erfahrung sammeln und James passt einfach nicht in den MiaSanMia-Kovac-Fight-Geist. Zudem bekam er gegen Liverpool körperlich seine Grenzen aufgezeigt und lässt immer wieder die Diva raushängen. Bayern muss sich daher, um Spieler wie Rakitic (Gegenwart als Sechser) und Rabiot bzw. Havertz (Zukunft als offensiver Mittelfeldspieler) bemühen, ernsthaft bemühen.

FC Bayern 2019/2020: Ohne Investitionen keine Titel

Neben Kimmich fehlte gegen Liverpool auch der zweite Führungsspieler und Identifikationsfigur: Thomas Müller. Trotz der Niederlage wird ihm selbst und den Verantwortlichen nicht entgangen sein, wie wichtig der Ex-Nationalspieler gerade für das System von Kovac und als Raumreißer für Stürmeraltstar Lewandowski ist. Daher muss Müller – was viele Fans schon seit Jahren fordern – gesetzt sein. Die letzten Jahre gab es, egal ob bei Pep, Ancelotti oder Kovac, immer Diskussionen um seine Leistung und seine Position. Die muss vor der kommenden Saison eindeutig gelöst werden, um Unruhe zu vermeiden und eine gesunde Hierarchie im Team sicher zu stellen.

Insgesamt fehlte es gegen Liverpool aber natürlich an mehr: an mehr Geld. Oder besser: Es fehlte an klug eingesetzten Millionen. Der englische Traditionsklub investiert seit Jahren Hunderte Millionen in das perfekte Klopp-Team. Uli Hoeneß dagegen nahm dieses Jahr in der Transferperiode sogar Geld ein und gestand Robben, Ribéry und Rafinha einen Abschied auf dem Platz statt auf der Tribüne zu - trotz potenzieller Schwächung der Mannschaft und fehlender Titel. Das ist süß, aber amateurhaft und kostet den FC Bayern sicherlich mehr als nur dieses eine Jahr. Denn: Ein Umbruch mit neuen Hierarchien und Gesetzmäßigkeiten läuft normalerweise über einen längeren Zeitraum. Je weiter ich den nach hinten verschiebe, umso mehr muss ich in kürzester Zeit oder unter höherem Druck transformieren und desto länger brauche ich im Endeffekt. Ein erster negativer Effekt ist bereits erkennbar: Durch die Drucksituationen auf Trainer und Team spielen die jungen Talente um Jeong oder Davies kaum bis gar nicht.

Ter Stegen statt Neuer in Nationalelf - gut für Bayern

Aber: Uli und Kalle haben es jüngst schon angekündigt, die Zeit des Sparens ist vorbei. Und egal wie die Saison endet, Niko Kovac bekommt garantiert die Chance, mit einer frischeren, jüngeren Truppe, erfolgreich zu sein. Was muss in den unterschiedlichen Mannschaftsteilen also noch, zusätzlich zum bereits Geschriebenen, passieren? Grundsätzlich: Es muss wieder eine A-Elf und eine fast gleichstarke B-Elf geben.

  • Tor: Joachim Löw sollte Neuer zeitnah degradieren und ter Stegen zur Nummer Eins machen. Ja, richtig gelesen. Für den FC Bayern wäre dies ein Glücksfall, denn Manuel könnte sich so mental und körperlich wieder rebooten. Die Fehler und fehlenden Großtaten häuften sich in dieser Saison. Hier und da sollte man zusätzlich Supertalent Früchtl ein paar Spiele bei den Profis ermöglichen. Als Torwart im eigenen Verein an der Säbener Straße hochzukommen, hat in den letzten Jahren zwar nur Raimond Aumann geschafft, doch wenn man seine Jugendarbeit ernst nimmt, müssen auch hier Taten folgen.
  • Abwehr: Boateng und Rafinha werden gehen, Süle und Alaba sind gesetzt, Hummels sollte bleiben und Martinez mimt den Stand-By-Vorstopper. Dazu ist Pavard als flexibler, junger und passstarker Spieler bereits sicher verpflichtet. De Ligt werden die Bayern nicht bekommen, so dass der bereits im Winter heftig umworbene Franzose Hernandez als ebenfalls variabler Verteidiger verpflichtet werden sollte. Nach den Erfahrungen im letzten Jahr und dem Potenzial von Kimmich thematisieren diverse Medien auch immer noch einen weiteren Rechtsverteidiger. Im Gespräch waren bisher Noussair Mazraoui von Ajax und Talent Aron Wan-Bissaka von Crystal Palace. 
  • Mittelfeld: siehe oben.
  • Flügel: Ribéry und Robben hören auf und kriegen hoffentlich den verdienten, großen und tränenreichen Abschied, der den beiden Altstars und prägenden Figuren des letzten Jahrzehnts gebührt. Kingsley Coman und Serge Gnabry bilden das Zukunftsgerüst und verfügen über internationale Klasse. Beide sind jedoch sehr verletzungsanfällig, so dass Robbery definitiv quantitativ ersetzt werden müssen. Namen rotieren ja genug durch den Bytes- und Blätterwald. Nicolas Pépé von Lille, Steven Bergwijn von Eindhoven, Callum Hudson-Odoi aus Chelsea, Florian Thauvin aus Marseille, Ajax-Ass Hakim Ziyech oder Cengiz Ünder vom AS Rom – die Liste der möglichen Transferziele ist lang. Die beiden Talente Alphonso Davies und Woo-yeong Jeong brauchen noch Spielpraxis bei anderen Vereinen. Eine Leihe gilt als wahrscheinlich.
  • Sturmzentrum: Die Zeit, wo man Petersen, Pizarro oder Kruse als Backup brauchte, scheinen vorbei. Es geht jetzt um gleichwertigen, jüngeren Ersatz für Lewandowski. Frankfurts Haller sowie Timo Werner als etwas anderer Typ sind eigentlich ein Muss – und klassisches Wildern innerhalb der Bundesliga. Zudem entwickelt Miroslav Klose als U17-Trainer die Sturmtalente der Vereinsjugend. Einer der vielversprechenden Knipser ist Joshua Zirkzee. In 26 Spielen  für U19 und U23 traf der bald 18-jährige Niederländer 22 Mal. Auch Fiete Arp, der noch beim HSV unter Vertrag steht, könnte hier mittelfristig eine Option werden.

Und dann wäre da noch Schweinsteiger

Am Ende steht zwar nicht der FC Bayern Deutschland, doch die Mischung aus jung und alt, deutschen und vor allem französischen Spielern sieht mehr als stabil aus. Dazu stößt 2020 mit Oliver Kahn frisches Blut in die Vorstandsebene, die gerade auf mittel- bis langfristiger und strategischer Ebene den Bayern in Europas Elite etablieren wird wollen.

Und dann wäre da ja noch Schweinsteiger. "Der FC Bayern ist immer interessiert, wichtige ehemalige Spieler an den Klub binden. Ich würde mir zum Beispiel auch Bastian Schweinsteiger bei uns wünschen", sagte Rummenigge im Interview mit der Abendzeitung München. "Für mich war das einer der emotionalsten Momente des vergangenen Jahres, als Basti die Ehrenrunde nach seinem Abschiedsspiel gelaufen ist. Da habe ich mir gedacht: Sein Verhalten, das immer superseriös, korrekt und sympathisch war, hat sich ausgezahlt. Ich habe zu Basti relativ viel Kontakt, wir texten regelmäßig und telefonieren auch mal. Ich habe ihm gesagt, er soll sich mal gedanklich damit auseinandersetzen, ob das eine reizvolle Option für ihn ist." Und schon fängt der Bayern-Fan wieder an zu träumen.

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