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Atalanta Bergamo gegen FC Valencia Fußballspiel Zero - wie eine Champions-League-Partie zum Corona-Infektionsherd in Norditalien wurde

Hans Hateboer von Atalanta Bergamo jubelt über das 1:0 gegen Valencia, die Fans stehen auf den Tribünen dichtgedrängt
Hans Hateboer von Atalanta Bergamo jubelt über das 1:0 gegen Valencia, die Fans stehen auf den Tribünen dichtgedrängt
© Luca Bruno / DPA
Am 19. Februar stieg im Mailänder San Siro das Champions-League-Spiel zwischen Atalanta Bergamo und dem FC Valencia. Heute sind sich die Epidemiologen sicher: Die Partie mit 44.000 Zuschauern verstärkte die Ausbreitung des Coronavirus in der Region massiv.

Sie ist eine der Regionen auf der Welt, die am schwersten von der Corona-Pandemie heimgesucht wird: die Gegend um die norditalienische Stadt Bergamo. In der vergangenen Woche zeigten bedrückende Bilder, wie Militär-Lastwagen Leichen von Corona-Opfern in andere Städte abtransportierten, weil die Krematorien in der Stadt aufgrund der hohen Opferzahlen mit der Einäscherung nicht mehr hinterher kamen. Allein in der vergangenen Woche zählte man 400 Tote in Bergamo und seinem Umland. 

Es bleibt die Frage, warum gerade bestimmte Gegenden so schwer betroffen sind. Für die Region um Bergamo sind die Virologen und Epidemiologen mittlerweile zwei maßgeblichen Brutstätten auf die Spur gekommen, die die Verbreitung des Sars-CoV-2-Erregers befeuert haben. Da ist zum einen das kleine Krankenhaus in Alzano Lombardo nördlich von Bergamo. Dort wurden die ersten beiden Corona-Erkrankten der Gegend identifiziert. Aber das führte nicht dazu, dass angemessene Vorsichtsmaßnahmen getroffen wurden - ein schlimmer Fehler. Vom Krankenhaus aus verbreitete sich das Virus zunächst ungehindert.

Viele Atalalanta-Bergamo-Fans trugen das Virus bereits in sich

Mittlerweile ist ein zweiter Ort in den Mittelpunkt der Analyse gerückt: das altehrwürdige San-Siro-Stadion in Mailand. Wieder spielt Gedankenlosigkeit die entscheidende Rolle. Dort fand am 19. Februar das Champions-League-Spiel zwischen Atalanta Bergamo und dem FC Valencia statt. 44.235 Zuschauer waren auf den Tribünen, 2500 davon kamen aus Spanien. Die anderen waren Anhänger von Atalanta Bergamo.

"Wir können sagen, dass Atalanta-Valencia das Spiel zero gewesen ist“, sagte der Infektiologe Francesco Le Foche aus Rom vor wenigen Tagen. Ein maßgeblicher Faktor könne auch gewesen sein, dass viele Fans das Virus bereits in sich trugen: "Die Epidemie war wohl schon einige Wochen davor auf dem Land ausgebrochen und war viel größer, als wir dachten, in den Fabriken, bei Landwirtschaftsmessen und in den Bars der Dörfer. Die Tatsache aber, dass sich im Stadion Leute aus derselben Ecke des Landes zu Zehntausenden drängten, könnte ein wichtiger Faktor für die Ausbreitung gewesen sein", sagte der Mailänder Virologe Massimo Galli.

Obwohl die ersten, besorgniserregenden Nachrichten aus Norditalien schon bekannt waren, feierten die eingefleischten Fans ein wahres Fußball-Fest in San Siro. Dazu muss man wissen, dass das kleine Bergamo krasser Außerseiter in der Champions League ist. Das Team besteht aus Spielern, die außerhalb Italiens nur Experten etwas sagen. Der Klub hatte die Partie, das wichtigste Spiel seit Jahrzehnten, extra von dem kleinen Gewiss Stadion in Bergamo mit seinen 21.300 Plätzen nach San Siro verlegt (50 Kilometer entfernt), um mehr Zuschauer und damit höhere Einnahmen zu haben.

An eine Absage dachte niemand

An ein Geisterspiel ohne Zuschauer oder gar an eine Absage dachte zu diesem Zeitpunkt niemand, obwohl das Virus schon grassierte und zwei Tage später die erste "rote Zone" in der Lombardei ausgerufen wurde. Vielen Verantwortungsträgern war nicht bewusst, das sich im Stadion unter der Oberfläche einer fröhlichen Fußball-Patry wohl eine Masseninfektion ereignete.

Was sich dann in Mailand abspielte, grenzt aus heutiger Sicht an schieren Irrsinn. Statt wie befürchtet aufeinander loszugehen (was auch schlimm gewesen wäre), feiern die Ultras von Bergamo und Valencia eine gemeinsam Party auf der Piazza del Duomo vor dem Mailänder Dom, wie TV-Bilder zeigen. Sie singen und tanzen gemeinsam, alles dichtgedrängt und ausgelassen. Ein echtes Verbrüderungsfest über Grenzen hinweg. Und das ist erst der Anfang der Party.

Danach nehmen die Anhänger die vollgestopfte U-Bahn raus zum Stadion. Dort geht es zu wie bei jedem anderen Fußballspiel. Die Fans stehen an Imbissen, trinken Bier und drängeln sich an den Eingängen. Drinnen stehen die Menschen trotz der beachtlichen Größe des Giuseppe-Meazza-Stadions dichtgedrängt, weil der oberste Rang aus statischen Gründen gesperrt ist. Und dann das Spiel! Es wird zu einem weiteren Höhepunkt in der Erfolgsserie der Norditaliener. Bergamo schießt Valencia mit 4:1 ab. Wie die Party danach weitergegangen ist, kann sich jeder gut vorstellen.

Das Rückspiel am 10. März in Valencia fand nicht mehr vor Zuschauern statt. Es war eine dieser unwirklich wirkenden Partien, die Anfang März noch angepfiffen wurden. Mit 4:3 gewann Bergamo und zog sensationell ins Viertelfinale ein. Fünf Spieler des FC Valencia wurden Tage später positiv getestet, kurz danach lag der ganze Club lahm. Ob das am Hinspiel lag, lässt sich nicht sagen, auch in der spanischen Liga grassiert das Virus. Unter den Spielern von Atalanta Bergamo sind bislang alle Tests negativ ausgefallen, dennoch ist die gesamte Mannschaft unter Quarantäne gestellt. Der deutsche Fußball-Profi Robin Gosens, der in Bergamo spielt, beschrieb die Lage am Wochenende im "Aktuellen Sportstudio" in einem dramatischen Bild: "So drastisch es klingt - atuell leben wir in einer Geisterstadt", sagte er. 

Quellen: "Süddeutsche Zeitung", "Südtirol News", "Corriere dello Sport", "Il messaggero"


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